Mallorca

Die Königin von Mallorca Palma

Kathedrale Palma, Mallorca

Text: Kalle Harberg

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Jeder Morgen bringt eine neue Erleuchtung. Kurz nach Sonnenaufgang fällt das Licht, wenn die Wolken es nicht vorher einfangen, durch die Rosette in der Ostflanke der Kathedrale, wird gebrochen in einem Kaleidoskop aus mehr als tausend roten, gelben, blauen und grünen Scheiben und fällt oben auf die Mauern im Westen. Im Laufe des Mor­gens wandert das Licht dann mit der Sonne. Wenn die Kathedrale um 10 Uhr öffnet, tanzt es schon wei­ter unten an den Säulen, und eine halbe Stunde spä­ter, wenn das Regenbogenlicht in der hintersten Ecke den Boden berührt, ist die Erleuchtung zum Greifen nah. Die Besucher, die es in so gut wie jeder Kirche der Welt Richtung Altar zieht, stellen sich hinein, machen Fotos. Göttliche Fresken gibt es in der Ka­thedrale von Palma keine. Die Gemälde zeichnet hier das Licht – und man selbst steht mittendrin.

Kathedrale Palma, Mallorca

Zum Pflichtprogramm für Touristen zählt auch La Seu, die »Kathedrale des Lichts«.

»Kathedrale des Lichts« wird das größte Gottes­haus der Stadt deswegen auch genannt. Aber meis­tens einfach »La Seu«, katalanisch für »der Bischofs­sitz«. Etwa 400 Jahre brauchte der Bau, bis das Hauptportal 1601 endlich geweiht wurde. Heute ist das gotische Meisterwerk das Wahrzeichen Palmas und sein größter Schatz die rund 13 Meter messende Rosette, eine von insgesamt fünf. Deren Reflektionen sind aber nicht nur wunderschön anzusehen: Sie stehen sinnbildlich für eine Stadt, die ebenso bunt und verschwommen, zersplittert und seltsamerweise trotzdem perfekt ist. Phönizier, Römer und Araber besiedelten einst die Insel, heute kommen vor allem Deutsche und Engländer in die Hauptstadt der Balearen. Mehr als sechs Millionen Besucher zog es vor Corona jedes Jahr nach Palma, wo selbst nur rund 400 000 Menschen leben. In normalen Zeiten bleiben zwei Drittel der Gäste bloß wenige Stunden, sie sind auf Landgang von einem der Kreuzfahrtschiffe oder kommen für einen Tagesausflug aus ihrem Strand­resort. Dabei sehen sie meist nur einen Splitter der Stadt, die Souvenirläden in der Altstadt oder den etwa fünf Kilometer langen Strand, der im Osten am berüchtigten Ballermann endet. Aber das sind nur Ausschnitte Palmas, einzelne Töne im Kaleidoskop dieser Stadt, das noch so viele andere Farben hat.

Das goldene Strahlen von Santa Catalina zum Bei­spiel. Wer die Altstadt Richtung Westen verlässt, bis die Häuser niedriger werden, sodass das Sonnenlicht schließlich die Straßen flutet, ist mittendrin in Pal­mas lässigstem Viertel. Santa Catalina war die erste Nachbarschaft, die vor den Stadtmauern entstand, früher lebten hier die Fischer, heute sind in den schnuckeligen Häusern jede Menge Restaurants zu Hause. Ein israelischer Imbiss, eine mexikanische Kneipe, ein Lokal nur für Ramen – und natürlich das »Duke«. Der Laden gehört Ronny Portulidis, in Duisburg aufgewachsen und in Palma gestrandet. Der 41­Jährige sitzt an einem der Holztische, aber steht immer wieder auf, grüßt Gäste und Freunde, ganz normal, sagt er. »Hier kennt jeder jeden. Und nicht nur in diesem Laden: Santa Catalina ist wie ein kleines Dorf.«

Ronny ist gelernter Koch und hat auf der ganzen Welt gearbeitet, im »Hilton« in Chicago, im »Adlon« in Berlin und in Gordon Ramsays erstem Restaurant in London, bevor es ihn 2007 in eine Sterneküche auf Mallorca verschlug. Dann lern­te er Juanjo Campos kennen. »Das war sozusagen Liebe auf den ersten Blick«, erinnert sich Ronny. Der mallorquinische Meeresbiologe und Surfpionier woll­te den Vibe einer Strandbude nach Santa Catalina holen – aber von Gastronomie hatte er keine Ahnung. Also kümmerte sich Juanjo um das Ambiente, zim­merte die Möbel und schuf ein Lokal, das sich wie ein gemütliches Wohnzimmer anfühlt. Und Ronny kre­ierte das Menü, »Urban Bohemian Cooking« nennt er den Stil, in den er die Erfahrungen seiner vielen Reisen einfließen ließ. »Wir haben uns keine großen Hoffnungen gemacht«, sagt Ronny. »Nie hätten wir uns vorgestellt, dass das ›Duke‹ so ein Hit wird.«

Aber das wurde es. Der Laden ist die Keimzelle der kulinarischen Revolution von Santa Catalina. Viele von Ronnys ehemaligen Köchen haben in der Nachbarschaft neue Restaurants eröffnet. Eigentlich, sagt Ronny, passe das Viertel gar nicht so recht in diese Stadt, die ansonsten doch sehr kommerziell sei. Hier gebe es keine großen Sehenswürdigkeiten, da­für aber feine Bäckereien, Cafés und Restaurants. »Ich sage immer: Santa Catalina ist nicht für Touris­ten. Es ist was für Reisende.« Es ist eines der letzten zentralen Viertel, in dem Palmesaner, Auswanderer und Reisende entspannt nebeneinander leben – noch zumindest, denn auch hier sind die Mieten in den letzten Jahren rasant gestiegen.

Ein Grund dafür ist, dass ausländische Globe­trotter die teuren Preise bezahlen können. Also ver­kaufen die Mallorquiner ihre Immobilien an den Höchstbietenden oder vermieten sie als Ferienwoh­nungen, während die Einheimischen sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten können. Dazu kom­men die überquellenden Strände und Straßen, die Engpässe in der Wasserversorgung – die Folgen des Overtourism führen auf der Insel zu immer mehr Spannungen. Vergangenen Sommer zogen Demons­tranten durch die Stadt, wie schon in den zwei Jahren zuvor, aber diesmal mit einer Blaskapelle, die als Soundtrack »The Final Countdown« spielte.

Jaume Garau ist Gründer der Nichtregierungs­organisation »Iniciatives XXI«, die neue Modelle des Tourismus für Mallorca erarbeitet – ganz besonders für Palmas Altstadt, der größten ihrer Art in Europa, in der sich die Probleme noch stärker zeigen als in Santa Catalina. Er sitzt in seinem Büro an der Ram­bla, hinter seinem Schreibtisch hängen eine Karte der Insel und eine Luftaufnahme der Stadt, und er erzählt, dass heute noch etwa 25 000 Menschen in der Altstadt lebten, aber im Sommer in den letzten Jah­ren – bevor das Virus den Tourismus lahmlegte – täglich bis zu 40 000 Besucher von den Kreuzfahrtschif­fen und den Stränden durch ihre Gassen liefen. Zu den alten Zuständen möchte er nicht zurück. »In der Altstadt muss die Anzahl der Tagestouristen halbiert werden«, sagt der 67-­jährige Sozialpsychologe, der seit sieben Jahren für die Sozialistische Partei im Regionalparlament sitzt. »Es sollte nur noch ein Megakreuzfahrtschiff pro Tag anlegen dürfen.« Zuletzt waren es mehr als 500 im Jahr, spanienweit lag die Zahl nur in der Millionenstadt Barcelona höher.

Die Folgen fühlt Juanjo Campos, der Gründer des »Duke« und ebenfalls Mitglied der Ini­tiative, im Sommer jeden Tag. Juanjo ist in Palma geboren und besitzt bei der Kathedrale ein Haus, deren Wohnungen er günstig vermietet. Wenn mittags eine Meeresbrise aufkomme, erzählt er, kön­ne er sehen, wie sich der Rauch der Schornsteine auf den Kreuzfahrtschiffen neige. »Eine Stunde später liegt auf meinen Fenstern ein gelblicher Film.« Und auch seine Nachbarschaft hat sich verändert, alte Ge­schäfte machen dicht, internationale Ketten eröffnen Filialen. Campos schaut von seinem Sessel im Café des Kulturzentrums Caixa Forum zur Bäckerei »Forn des Teatre« auf der anderen Straßenseite. Er kennt den Inhaber, der mache gutes Brot zu fairen Preisen, sagt er, obwohl sein Vermieter ihm wahrscheinlich ein Vermögen abknöpfe. »Dieser Kerl ist ein Held.

Traditionsbäckerei Forn Fondo in Palma

Unser Tipp: Starten Sie Ihren Tag mit einer Ensaïmada in der Traditionsbäckerei »Forn Fondo«.

Traditionsgeschäfte wie dieses sind in der Tat gute Adressen, um in der Altstadt ein anderes Palma zu erleben – und gleichzeitig ein nachhaltiges Mitein­ander von Einheimischen und Reisenden zu unter­stützen. Erst kürzlich hat die Stadt ein Verzeichnis von 78 historischen Läden anlegen lassen, darunter Kurzwarenhandlungen, Korbwarengeschäfte, Kaf­feehäuser. Auch »Forn Fondo« hat es auf die Liste geschafft. Die Bäckerei und Konditorei mit der blau­weißen Jugendstilfassade liegt zwischen einem Tattoostudio und einer Modeboutique. Drinnen steht Pau Llull Riera, 45 Jahre alt, der das Familien­geschäft mit seiner Schwester in vierter Generation leitet. Ihr Verkaufsschlager sind die Ensaïmadas, die traditionellen süßen Teilchen der Insel. Ganz klas­sisch genießt man das Schmalzgebäck pur, aber sie verkaufen hier auch solche mit Aprikosen, erzählt Pau, mit Schokolade oder Vanillecreme gefüllt, ins­gesamt 15 Varianten. Viele der alteingesessenen Geschäfte müssen kämpfen, aber Pau bleibt zuver­sichtlich. »Ich mache mein Brot selbst, meine Kuchen selbst, meine Pralinen selbst. Das sind handgefertig­te, sehr persönliche Produkte, und ich hoffe, dass es hier im Geschäft auch eine fünfte Generation geben wird. Aber im Moment sind unsere Kinder noch sehr klein«, sagt er und lächelt.

Und dann sind da noch die Innenhöfe, stille Ecken, an denen Palmas Altstadt fernab des Trubels auf­blüht. Mehr als 500 von ihnen gab es im 18. Jahrhun­dert, erzählt Stadtführerin Maria Amengual, die Touren zu den einst von reichen Familien angelegten Patios anbietet. »Damals waren sie halböffentliche Plätze«, sagt die 47-­Jährige, »die Kinder spielten hier, die Erwachsenen handelten, und jeder durfte sich an der Zisterne Wasser nehmen.« Rund 150 der Innen­höfe haben überdauert. Maria führt in einen herrlich grünen Hof, der einst zu einem Kloster gehörte und jetzt Teil eines Studentenwohnheims ist. Dann in einen gepflasterten Patio, der als Durchfahrtsstraße diente – bis eine Trauerprozession hindurchlief und so laut klagte, dass die Dame des Hauses die Tore schließen ließ. Heute dient der barocke Innenhof als Ausstellungsfläche des Kulturzentrums Casal Solleric.

Viele der Höfe bleiben privat. Obwohl manche Besitzer die Holzpforte offen lassen, damit Besucher zumindest bis zu einem gusseisernen Tor hinein­schnuppern und die Ruhe der Patios genießen kön­nen. So wie in der Gasse einen Häuserblock von der Kathedrale entfernt. Hinter dem Tor sieht man eine fast gänzlich mit Palmen, Farnen und opulenten Topfpflanzen zugestellte Oase. Maria ist der Besit­zerin einmal begegnet, klingelt spontan am Tor, und auf dem Balkon erscheint eine rüstige alte Dame, die sich allerdings nicht zu erinnern scheint. »Kennen wir uns?«, kräht sie hinunter. Sí, sagt Maria freund­lich und erklärt, sie mache eine Tour zu den Patios, ob wir uns ihren vielleicht näher anschauen dürften?

Aber natürlich doch, sie kommt vorsichtig die Treppe hinunter, öffnet das Tor. »Kommt herein, ich mag es nicht, wenn die Leute in der Straße stehen«, sagt die Señora, die mit Nachnamen Ferrer heißt und stolze 91 Jahre alt ist. Dieses Haus sei seit 1830 im Besitz ihrer Familie, erzählt sie, einer Familie, die schon 1230 auf die Insel kam – in dem Jahr, in dem König Jaume I. den Grundstein der Kathedrale legte. Einige Häuser weiter habe lange der berühmte Schriftsteller Llorenç Villalonga gewohnt, ein guter Freund sei er gewesen. »Die Häuser, in die es nicht regnet, hat er einmal gesagt, seien keine vornehmen Häuser«, erzählt Señora Ferrer, und deswegen sei der Innenhof für sie noch immer so wichtig. Weil sie so gut gelaunt sei, sagt sie freundlich, würde sie uns noch ein bisschen mehr zeigen. Und dann dreht sie sich um und führt in ihr Zuhause, hinein in eines der letzten großen Häuser von Palma.

Perfekte Tage in Palma

MERIAN-Redakteur Kalle Harberg war schon in allen Ecken der Welt – aber zum ersten Mal auf Mallorca. Die Hauptstadt hat ihn auf Anhieb begeistert

ORIENTIERUNG

Yachthafen in Palma

Die Plätze in Palmas Jachthafen sind begehrt.

Palma, bis 2016 offiziell Palma de Mallorca, liegt an der Südwestküste der Insel. Mit rund 400000 Einwohnern ist sie die achtgrößte Stadt Spaniens. Der Flughafen befindet sich etwa acht Kilometer östlich der Stadt, die vom Terminal schnell mit der Buslinie A1 zu erreichen ist. Touristisch am meisten erschlossen ist die Altstadt. Sie unterteilt sich in die Oberstadt mit dem Rathaus auf der Plaça de Cort und die Unterstadt, wo sich viele Bars und Restaurants finden. Spannend sind auch das Viertel Santa Catalina westlich der Altstadt und die sich anschließende Nachbarschaft El Jonquet, von der man einen tollen Blick auf den Hafen hat.

SEHENSWERT

Kathedrale La Seu

Das Gotteshaus darf auf keinem Stadtrundgang fehlen. Am besten kommt man gleich zur Öffnung der Pforte um 10 Uhr. Zum einen, um den Menschenmassen aus dem Weg zu gehen, zum anderen, um zu sehen, wie das Morgenlicht durch die Rosetten strahlt und über die Wände unkelt. Im Sommer sollte man auch die Chance wahrnehmen, über die Dachterrassen zu spazieren, wofür man sich im Voraus auf der Website anmelden muss. Plaça de la Almoina, www.catedraldemallorca.org

ESSEN UND TRINKEN

Duke

Ronny Portulidis’ Restaurant befindet sich in einer ehemaligen Wohnung – und das familiäre Ambiente hat sich das »Duke« zum Glück bewahrt. An den Wänden hängen Surfbretter, auf der Speisekarte stehen immer wieder andere von Ronnys Reisen inspirierte Gerichte. Gut und günstig: das Mittagsmenü! Carrer Soler 36, www.dukepalma.com

Forn Fondo

Die Traditionsbäckerei ist seit 1911 im Besitz der gleichen Familien und vor allem bekannt für ihre Ensaïmadas, die süßen mallorquinischen Teilchen, die es hier in 15 Varianten gibt. Mein Favorit: die mit Sahne. Zum Niederknien. Carrer de la Unió 15, www.fornfondo.es

EINKAUFEN

Alpargatería La Concepción

»Avarcas« heißen die typisch menorquinischen Sandalen, die auch auf Mallorca weit verbreitet sind. Mutter und Tochter Hernández verkaufen sie gemeinsam in diesem 80 Jahre alten Korbwarengeschäft: »Läden wie unserer kämpfen weiter für das Handwerk und die Authentizität dieser Inseln«, sagt die Jüngere der beiden. Ihr Laden gehört zu den insgesamt 78 offiziell eingetragenen »traditionellen Geschäften« der Stadt. Ihre Schuhe sind absolute Qualitätsware! Carrer de la Concepció 17

ÜBER NACHT

Ca n‘Alexandre

Feines Hotel am Rande der Altstadt. Die 23 schönen Zimmer haben teils Balkon oder eine Terrasse, der Service ist hervorragend und der Preis mehr als fair. Perfekt für den spontanen Städtetrip! Plaça Alexandre Jaume 8, www.canalexandre.com

Hotel Nakar

Das 2016 eröffnete Designhotel liegt an der zentralen Avenida Jaime III. Die 57 edlen Zimmer sind zum Teil erstaunlich groß, im obersten Stock gibt es ein eigenes Restaurant und darüber eine Dachterrasse mit kleinem Pool, von dem aus man sogar die Kathedrale im Blick hat. Avenida Jaime III 21, www.nakarhotel.com

TOUREN

Patios

An den etwa 150 historischen Innenhöfen der Altstadt lässt sich der Wandel Palmas ablesen. Manche gehören zu Hotels oder Kulturzentren und können betreten werden. Touren organisiert die Vereinigung der Stadtführer, zu der auch Maria Amengual gehört. www.tomirguiasmallorca.com

Promenade

Um einen Ort richtig zu entdecken, miete ich mir immer gern ein Fahrrad. Palma hat eine der schönsten Strecken, die ich je gesehen habe. Auf der Promenade kann man am Meer entlang vom Hafen bis ins 15 Kilometer entfernte Arenal düsen. Gute zwei Stunden sollte man sich für Hin- und Rückfahrt Zeit lassen, Räder gibt’s etwa bei »Call and Ride«. Carrer de Can Puigdorfila 5, www.callandridemallorca.com

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