Portugal

Portugal Leben für die Welle

Strand an der Algarve.
          
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Betsys Nacht endet um 6.30 Uhr. Auf der Anhöhe über der Praia de Monte Clérigo öffnet ein blonder Mann die Tür seines VW-Busses und gähnt sich die Müdigkeit aus dem Leib. Über dem Meer hängt noch die Dunkelheit, das Wasser sieht aus wie ein silberschwarzer Teppich, auf dem die Wellen Falten werfen. Behutsam legt sich der Mann seinen Neoprenanzug an und läuft hinunter zum Strand. Betsy, der 31 Jahre alte grasgrüne VW-Bus, steht wie ein einsamer Zuschauer auf der Klippe.

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Die Wellen rollen an diesem Tag so gleichmäßig auf das Ufer zu, als würde eine Maschine sie zu Walzen formen. Der Mann legt sich auf sein Board und paddelt der Brandung entgegen. Als er durch den weißen Schaum getaucht ist, setzt er sich auf sein Surfboard und lässt regungslos das Meer ein paar Minuten an sich vorbeiziehen. Plötzlich aber reißt er sein Brett herum und rudert mit den Händen durchs Wasser. Als ihn die nächste Welle ergreift, springt er auf das Board, leicht wie eine Feder, und reitet auf dem Wellenkamm bis zum Strand. Bei der Ankunft liegt auf seinem Gesicht ein zufriedenes Lächeln. "So früh am Morgen ist Surfen am schönsten", sagt er. "Da hast du das ganze Meer für dich allein." Dann stapft er zurück ins Wasser: Die nächste Welle rollt schon an.

Seit fast zwei Monaten ist Christian Overal, 31, nun schon mit seiner Freundin Diana van Oort und "Betsy", dem Bus, unterwegs. Die drei kommen aus Holland und fahren von Surfstrand zu Surfstrand. Die Westküste der Algarve sei ein Traum für Surfer, sagt Overal, besonders im Herbst. "In Holland regnet es, in Spanien sind die Wellen zu hoch und am französischen Atlantik ist es schon zu kalt", sagt er, während er sich das nasse Haar trocken rubbelt. "An der Algarve ist hingegen fast noch Sommer." Er arbeitet eigentlich als Kameramann, sie ist Krankenschwester. Die zweimonatige Auszeit haben sie sich genommen, weil Surfen eine Leidenschaft ist, für die ihnen zwei Wochen Sommerferien nicht ausreichen. Und weil ihr Glück auf dem Wasser liegt, geben sie sich an Land mit dem Einfachsten zufrieden: In Betsys Bauch ist Platz für ein Klappbett, eine kleine Vorratsbox und einen winzigen Herd. Es gibt keinen Kühlschrank, keine Dusche, kein Klo. "Das Meer genügt uns", sagt er. Und sie fügt hinzu: "Wir sind wie Schnecken, die ihr Haus mit sich herumtragen. Was für eine Freiheit. Einfach großartig."

Die Algarve, für viele Surfer der Lieblingsplatz in Europa

Die Sehnsucht nach Unabhängigkeit lockt viele passionierte Surfer an die Westküste Portugals. Das Wellenreiten stammt ursprünglich aus Hawaii, die Ureinwohner benutzten Holzbretter als Fortbewegungsmittel in den Wellen. Heute versammeln sich Surfer aus aller Welt in der Algarve, ihrem Lieblingsplatz in Europa. Sie leben ein paar Tage, ein paar Wochen oder sogar Monate in ihren Caravans und Bussen und genießen die Freiheit.

Wellenreiten an der Algarve.
Tim Langlotz
Spielerisch leicht sieht es aus, wenn ein Könner das Board in der Welle beherrscht.

Selbst im Frühjahr und im Herbst fällt hier am südwestlichsten Zipfel Europas die Temperatur selten unter 20 Grad. Die Felsen an den Steilküsten fallen praktisch senkrecht ins Wasser und bilden alle paar Kilometer eine kleine Ausbuchtung, in der es sich vortrefflich surfen lässt. Die Strände von Arrifana, Amado und Tonel sind feste Größen auf der Weltkarte der Wellenreiter. Und wenn der Wind die Wellen an der Westküste haushoch auftürmt und wie einstürzende Neubauten auf den Strand krachen lässt, packen die Surfer einfach ihre Boards ins Auto und fahren Richtung Süden, an die Strände von Martinhal, Barranco oder Zavial. Die Wege sind kurz.

"Bis vor ein paar Jahren kamen die Leute wegen der Sonne und der Sandstrände an die Westküste. Heute kommen sie wegen der Wellen", sagt Rodrigo Machaz, 41. Der Portugiese hat braun gebrannte Haut, verwuschelte Haare und surft, natürlich, täglich. Das Meer liegt direkt vor seiner Haustür. Vor fünf Jahren hat Machaz auf der Felskuppe von Sagres ein Hotel eröffnet. Dort versinkt er jetzt in der Lobby in einem weichen Polstersessel und versucht zu erklären, warum Wellenreiten neuerdings so viele Menschen begeistert. "Surfen erfüllt die Ideale der heutigen Gesellschaft: Auf dem Wasser surft man allein, ist aber niemals einsam", sinniert er laut. Rund ein Viertel seiner Gäste seien inzwischen Surfer. Manche stehen von morgens bis abends in den Wellen, andere buchen gleich für die ganze Familie einen Kurs.

Leuchtturm bei Sagres an der Algarve.
Tim Langlotz
Der Leuchtturm bei Sagres markiert das südwestlichste Ende Europas.

Sagres ist ein Dorf mit 2000 Einwohnern, zwei Stränden und einer Hauptstraße. Der Ort ist vor allem deswegen berühmt, weil er einem portugiesischen Bier, das in der Nähe von Lissabon gebraut wird, seinen Namen geliehen hat. Außerdem liegt Sagres an der Durchfahrtsstraße zum Cabo de São Vicente, jenem Leuchtturm, der das südwestlichste Ende Europas markiert. In Sagres selbst haben aber jahrelang keine Touristen angehalten. Es war ein bisschen so, "als habe man uns da unten vergessen", sagt João Rei. Er hat schon am Stadtstrand von Sagres gesurft, als es dort noch keine Chillout-Lounges mit Erdinger Weißbier gab. Das war damals. Mit den Surfern kam ein sanfter Aufschwung, bunte Burger-Bratereien gesellten sich zu den altbackenen Fischrestaurants. "Als ich mit Surfen angefangen habe, haben wir abends auf dem großen Platz gegrillt und ein bisschen Gitarre gespielt."

Alle wichtigen Entscheidungen des Lebens werden auf dem Meer getroffen

Rei kann sich noch gut an seinen ersten Sommer auf dem Brett erinnern. 1987 war das, er war 13 und Skateboarder. Er freundete sich mit einem jungen Amerikaner an, der zwei Wochen in der Jugendherberge Urlaub machte. Stundenlang sah er dem neuen Freund dabei zu, wie der mit seinem Brett über das Wasser glitt. Als der Amerikaner abreiste, überließ er João sein altes Surfbrett - und für den Jungen begann der Sommer seines Lebens. Er wechselte sich mit seinen Kumpels beim Üben ab, reihum durfte einer nach dem anderen durch den Atlantik pflügen, während die anderen sich am Strand in der Sonne wärmten.

Die Leidenschaft hat ihn nicht mehr losgelassen. Rei ist inzwischen 38 Jahre alt, Grafiker, Dozent, Ehemann und Vater. Aber er steht immer noch fast jeden Tag auf dem Brett. Surfen bestimmt sein Denken und sein Handeln. "Alle wichtigen Entscheidungen meines Lebens habe ich draußen auf dem Meer getroffen", sagt Rei. Allein. Denn: "Nur beim Surfen bekomme ich den Kopf wirklich ganz frei." Dann entschuldigt er sich. Zusammen mit Freunden will er im warmen Spätnachmittagslicht durch die Bucht surfen. "Das machen wir mindestens einmal pro Woche. Reden, surfen, aufs Meer schauen. Es gibt nichts besseres, um Stress abzubauen."

Am nächsten Tag hat er sich freigenommen und fährt mit seinem Jeep über einen holprigen Feldweg zu den Klippen. Die Landschaft hier ist so bunt, als sei einem Künstler der Farbkasten ausgelaufen: Aus der roten Erde wachsen kleine grüne Büsche, über den azurblauen Himmel ziehen ein paar weiße Wolken. "Ich liebe diese Gegend", sagt Rei. "Die Natur ist so wild und ursprünglich, als würden überhaupt keine Menschen hier leben." In der Tat begegnet man auf den schmalen Wanderwegen entlang der Küste nur selten jemandem. "Diese Ruhe macht mich glücklich", sagt Rei. Dann schaut er auf seine Uhr, die ihm den Stand der Gezeiten anzeigt. Rei will wieder aufs Wasser. Die Tide steht günstig, und der "Windguru" hat gute Wellen vorhergesagt.

Wellenreiten an der Algarve.
Tim Langlotz
Warten auf die perfekte Welle: Immer mehr Surfer zieht es an die Algarve.

Früher haben sich die Surfer die besten Spots am Autofenster zugeraunt, inzwischen gibt es eine Smartphone-App namens "Windguru", die stundengenau die Entwicklung von Windstärke und Wellenhöhe vorhersagt. Fast alle lassen sich bei ihrer Suche nach der perfekten Welle von der modernen Technik leiten. "Wenn du die eine erwischst, ist es, als würdest du auf dem Wasser tanzen", sagt Marta Mealha, 39. Sie stapft über die Praia da Cordoama, unter dem Arm klemmt ihr Board. Hunderten Kindern und Erwachsenen hat die Surflehrerin im vergangenen Sommer das Surfen beigebracht. "Jeder kann Surfen lernen", sagt sie, "man muss nur das Gleichgewicht halten können." Sie gibt auch spezielle Kurse für gestresste Menschen, eine Kombination aus Surfen, Wandern und Yoga. "Denn hier am Ende der Welt", sagt sie, "ist der perfekte Ort, um dich selbst zu finden." An manchen Sommertagen allerdings herrscht so viel Andrang auf dem Wasser, dass man aufpassen muss, sich nicht selbst zu verlieren.

Für manche Surfer ist das Brett genauso wichtig wie der beste Freund

Costa, 38, verwaschene Jeans und Holzfäller-Hemd, ist ein freundlicher, stiller Mann, der lange nachdenkt, bevor er seine Sätze formuliert. Er lebt in Vale da Telha, einem kleinen Ort in der Nähe von Aljezur. In der Werkstatt in seinem Garten baut er Boards. Ein Board besteht aus Hartplastik, Gaze, Harz und ein bisschen Farbe. Aber Costa verkauft mehr als bunte Bretter, er verkauft Träume. Wenn Costa das Plastik in seinem Garten in Fischform schneidet, es mit bunten Pigmenten bemalt und dann flüssiges Harz aufträgt, wird aus dem Board ein Sprungbrett, ein fliegender Teppich. Für manche Surfer ist das Brett genauso wichtig wie der beste Freund.

Costas Markenzeichen ist das Retro-Design, er hat sich das ausgedacht als eine Hommage an die Zeit, in der Surfen noch der Sport von Aussteigern war. "Ich befriedige mit meinen Boards eine Sehnsucht", sagt er. Die Bretter verkaufen sich gut, für die großen bekommt er bis zu 2500 Euro pro Stück. Manche seiner Kunden hängen sie sich sogar ins Wohnzimmer. In den 1980er Jahren hätte Costa von seinem Job vermutlich nicht leben können. Trotzdem kann er sich nur schwer damit anfreunden, dass Surfen jetzt die Massen anzieht. Im Sommer geht er deshalb manchmal wochenlang nicht aufs Wasser. "Zu viel Gedränge", meint er. Aber dann treibt es ihn irgendwann doch wieder raus in die Wellen. "Ganz ohne Surfen kann ich nicht leben", sagt er und lacht stillvergnügt in sich hinein, weil er da noch ein paar kleine, versteckte Buchten an der Westküste kennt, die er nicht mit den Touristen teilen muss.

Bei Sagres im Südwesten der Algarve spielt das Leben auf dem Wasser: perfekte Strände, starke Winde und coole Typen, die jeden Tag aufs Surfbrett müssen.

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Autor
Stéphanie Souron