Italien

Vom Winde verwöhnt Torbole – Paradies für Windsurfer

Die starke Brise am nördlichen Gardasee war für das Dorf Torbole lange mehr Fluch als Segen – bis vor fast fünfzig Jahren die ersten Windsurfer hier ihre Segel setzten und aus dem kleinen Fischerdorf ein Paradies der Wassersportler machten.
Torbole
  
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Der schmale Sandstreifen vor dem Club »Circolo Surf Torbole« ist übersät mit neonbunten, fein säuberlich nebeneinander gelegten Segeln. Mittendrin sitzt ein Surfer auf seinem Brett und starrt auf die glatte Seeoberfläche, während sein Trainer ihm letzte Details zu flüstert. Es ist Tag drei der siebentägigen Meisterschaft RS:X World Championship, zu der sich die Weltelite der Windsurfer in Torbole trifft. Aber diese Weltelite, genau genommen 236 Teilnehmer aus 47 Nationen, hockt gerade am Ufer – und wartet auf die nötige Windstärke für das nächste Rennen.

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»Windmaschine Europas« nennen Surfer den Norden des Gardasees. Insbesondere Torbole gilt als einer der besten Segel- und Surfspots Europas. Ein starkes Prädikat für die kleine Ortschaft mit ihren bunten Häusern, die sich wie ein Amphitheater von der Mündung des Sarca-Flusses bis hinauf an den Hang des Monte Baldo ausbreitet. Am obersten Zipfel des größten Sees Italiens strecken die Zweitausender ihre Füße ins Wasser und schaffen eine fjordähnliche Landschaft, Olivenhaine wachsen an den Hängen, am Seeufer blühen Zitronenbäume.

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Hier trifft der Norden auf den Süden: So entstehen auch die überdurchschnittlich intensiven Windströme, die von März bis Oktober konstant über den See blasen. Die kühle Luft der Alpen vermischt sich mit der warmen Luft der Po-Ebene und schafft die besondere Thermik, für die der Gardasee bekannt ist. Die zwei stürmischen Stars: Der Nordwind Pelèr beginnt kurz nach Mitternacht und acht gegen 11 Uhr ab. Ab Mittag bläst dann der Südwind, die Ora, in die entgegengesetzte Richtung. Sie startet langsam, wird immer stärker und hält bis zum Sonnenuntergang an. Durch die steilen Felswände im Norden des Sees wird die Windstärke zusätzlich potenziert – eine Art Düseneffekt entsteht. Vor Torbole kommt die berühmte Ora dann auf eine Windstärke von 4 bis 5 Beaufort, besonders im Frühjahr jagen Windsurf-Profis schon mal mit 30 bis 40 Kilometer pro Stunde über den See.

Dass die sonst so verlässliche Windmaschine gerade an einem Tag wie heute stillzustehen scheint, beunruhigt Vasco Renna nicht. »Der Wind wird schon kommen. Er kommt immer«, sagt der Windsurf-Pionier überzeugt, die Fahne über den Köpfen der wartenden Athleten fest im Blick. Gelassen lehnt Vasco an der Absperrung vor dem Surfclub »Circolo Surf« den er 1975, gerade mal 18 Jahre alt, mit vier Freunden gegründet hat – am Anfang noch unter dem Dach des lokalen Segelclubs.

Jahrelang gehörte Vasco zum italienischen Windsurf-Team, war überhaupt einer der ersten Einheimischen, die sich auf das Surfbrett wagten. Wenn er von seiner ersten Begegnung mit einem Windsurfer erzählt, klingt es ein bisschen so, als sei es eine Erleuchtung gewesen: »Ich war 16 und mit Freunden draußen auf dem See beim Fischen, als dieses Gerät an uns vorbeizog. Wir hatten keine Ahnung, was das ist. Aber wir wussten: Sowas brauchen wir auch!« Gemeinsam kauften sich Vasco und seine Freunde eigene Bretter mit Segeln und lernten, damit über das Wasser zu gleiten. »Es war wie eine Droge: Sobald sich die Zypressen bogen, musste ich raus auf den See«, erzählt er. An die Segelboote hatte man sich gewöhnt, aber wenn Vasco das Brett ins Wasser warf und damit hinaussegelte, hielten ihn viele für verrückt. Das neuartige Sportgerät war den Einheimischen anfangs nicht geheuer. Sie nannten es l’asot – das Holzbrett.

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Wer konnte schon ahnen, dass genau dieses Holzbrett das krisengebeutelte Torbole so berühmt machen würde? Der Fischfang war seit Jahren kein gutes Geschäft mehr für die Dorfbewohner. Und Reisende kannten Torbole höchstens als Durchgangsort an der Gardesana-Uferstraße – bis auf den Hochsommer war die Ortschaft wie ausgestorben. »Der Wind war in Torbole lange das Synonym für ein Problem. Sobald die Gäste eine Brise spürten, ohen sie«, erinnert sich Vasco.

Dann kamen die Achtziger. Praktisch über Nacht wurde das Fischerdorf Torbole unter Surfern zum Geheimtipp. Windsurfen galt als der coolste Sport überhaupt, und die berüchtigten Windverhältnisse von Torbole waren plötzlich genau das, was die Szene suchte. In den Surfmagazinen stand »Torbole, Lake Garda« gleich neben Hawaii. Ein gewaltiger Ansturm von Surfern überrumpelte das Dorf. »In den ersten Jahren war es chaotisch«, erzählt Vasco. »An einem Pfingstwochenende waren fast 7000 Windsurfer am See, es gab noch keinen Strand und kaum Parkplätze. Torbole versank schier unter Segeln«. Die Surfer lebten spartanisch, schliefen in ihrem VW-Bus oder im Zelt, den Bierkasten brachten sie von zu Hause mit.

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Zügig rüstete Torbole für die sportlichen neuen Gäste auf: der Strand, mehrere Surfcenter und Bars entstanden, die Hotelzimmer füllten sich. Noch heute nennen manche im Ort diese Zeit die »goldenen Jahre«. Vasco aber meint: »Zum Surfen ist es jetzt viel angenehmer.« Nach dem Hype in den neunziger Jahren wurde das Windsurfen zum Nischensport. Torbole aber ist nach wie vor ein Lieblingsplatz der Szene. Motorboote sind im Norden des Sees verboten, die Windsurfer müssen sich die Gewässer vor Riva und Torbole nur mit den Seglern teilen, ab und zu tuckert ein Ausflugsschiff in Richtung Süden. Am Festland tummeln sich nun auch Kletterer, Wanderer und Radfahrer. Längst gehört die sportliche Atmosphäre zu Torboles DNA.

Vascos blonde Locken von damals sind mittlerweile ergraut. Seit über 40 Jahren führt er gleich neben dem »Circolo Surf Torbole« mit seiner Frau Gabriela eine Surfschule. »The Windsurf Family« steht auf der Website: »Auch unsere vier Kinder haben das Surfer-Gen«, sagt Vasco stolz. »Sobald sie ein bisschen Wind spüren, zieht es sie raus auf den See.« Zwei sind auch bei der heutigen Weltmeisterschaft dabei: Die Jüngste, Sofia, 16 Jahre alt, hatte ihr Rennen schon am Vormittag. Nicolò holte bei der Jugendolympiade 2018 in Buenos Aires Silber, jetzt konkurriert der 18-Jährige mit den ganz Großen und zählt zu den viel versprechendsten Nachwuchshoffnungen der Azzurri.

Inzwischen flattert die Fahne am Eingang des »Circolo Surf« wild, ein Horn ertönt: Die Ora ist da! Aus dem Garten des Surfclubs strömen hektisch junge Männer in Richtung Seeufer, auch Vascos Sohn Nicolò ist dabei. Ein Surfer nach dem anderen hievt das eigene Segel vom Strand, montiert es – knietief im Wasser stehend – auf das Surfbrett, setzt mit einem inken Handgriff das Segel und gleitet schwungvoll hinaus zum Startpunkt des Rennens.

An der Uferpromenade neben dem Surfclub sitzen drei ältere Herren auf Klappstühlen. Sie beobachten die Windsurfer, die über die bewegte Wasseroberfläche düsen. »I va co l’asot!«, »da jagen sie dahin mit dem Stück Brett«, ruft einer von ihnen im Trentiner Dialekt und gestikuliert hastig mit seiner Hand, als wollte er den Sportlern noch etwas Wind hinterherschieben. Die schnellen Bretter mit den bunten Segeln sind für die Einwohner von Torbole längst ein vertrautes Schauspiel geworden.

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