Deutschland

Rothenburg ob der Tauber Der Zauber von der Tauber

Rothenburg ob der Tauber

Es waren die Dächer, die Eiichi Takeyama verzauberten. In Tokio seien die Häuser so flach gewesen, erzählt der Maler und hält sich dabei die Hand gerade vor die Brust. Hier in Rothenburg waren die Häuser nicht so hoch wie in seiner Heimatstadt, aber dafür die Dächer spitz, steile Giebel über viel Fachwerk, und Herr Takeyama legt beide Hände zu einem Dreieck zusammen. Also zeichnete er sie wieder und wieder in sein Faltbuch, immer von einer Kante bis zur nächsten. Und die Rothenburger freuten sich über den Japaner, der täglich durch die Gassen streifte, und stellten ihm auch mal ein Glas Wein neben die Pinsel.

Anzeige

26 Jahre ist es her, dass Eiichi Takeyama das erste Mal über die Doppelbrücke ging und die Silhouette Rothenburgs oberhalb der Tauber erblickte. Der Kunstprofessor war mit seinen Studenten in Europa unterwegs, reiste nach Frankreich und Italien – aber es war die fränkische Kleinstadt, die ihn nicht mehr losließ. Vier Monate später, nachdem er seinen Job in Tokio gekündigt hatte, kam Takeyama wieder und fing an zu malen. Heute besitzt er in der Herrngasse ein Atelier, dessen Wände überzogen sind von impressionistischen Stadtansichten. »Rothenburg ist immer ein sehr gutes Motiv«, sagt der nun 82-Jährige, der noch heute jeden Tag malt und darauf wartet, dass vielleicht ein Tourist hereinspaziert und sich in eines der Gemälde verliebt, so wie ihr Schöpfer damals in Rothenburg.

Fachwerkhaus Plönlein, Rothenburg ob der Tauber

Schiefes Wahrzeichen: das Fachwerkhaus Plönlein

Genug Besucher schlendern in der Regel durch die Straßen: Mehr als zwei Millionen kamen, bevor die Corona-Pandemie die internationalen Touristenströme zum Erliegen brachte, jedes Jahr nach Rothenburg, wo selbst nur rund 11 000 Menschen leben. Der Löwenanteil kommt aus Deutschland, die Hälfte aus anderen Ländern – Taiwan, Brasilien, vor allem aber aus den USA und Japan. Sie kommen wegen der großen mittelalterlichen Altstadt: Hinter der Stadtmauer, die von 46 trutzigen Türmen überragt wird, winden sich Gässchen, gerahmt von pastellfarbenen Fachwerkhäusern, liebevoll verziert mit Blumenkästen und Messingschildern. Manchmal neigen sich die dicht gedrängten Häuser so sehr, dass es scheint, als hielte sie nur ein längst vergessener Zauberspruch aufrecht. So wie das Plönlein, Rothenburgs Wahrzeichen, das Walt Disney als Vorbild für Pinocchios Geburtsort in dem gleichnamigen Trickfilm-Klassiker diente. Wenn Wunder geschehen können, dann an so einem Ort.

Es ist eine Stadt wie aus der Zeit gefallen. Man muss die Augen nur minimal zusammenkneifen, schon kippt man Hunderte Jahre zurück in die Vergangenheit. Besonders leicht ist dieser Zeitsprung in der Dämmerung. Jeden Abend geht dann ein Mann mit langen Schritten über den Marktplatz. Er trägt einen schwarzen Mantel, einen schwarzen Hut, in der einen Hand eine Hellebarde und in der anderen eine Lampe. Auf den Stufen des Rathauses spricht er zu einer Traube Menschen und bläst dann in ein Horn. Laut, klar, dreimal hintereinander.

Der Mann heißt Hans Georg Baumgartner und ist der Nachtwächter von Rothenburg. Bis 1920 gab es in der Stadt Nachtwächter, zu deren Aufgaben gehörte, die Rothenburger vor Gesindel zu beschützen – deswegen die Hellebarde – und vor Feuer zu warnen – deswegen das Horn. Baumgartner erfuhr vor 30 Jahren durch einen Zeitungsartikel, dass Rothenburg einen neuen Nachtwächter suchte, nun aber als Stadtführer, und fand sofort: »Boah, das klingt ja irre!« Damals war der gelernte Verlagskaufmann 36 Jahre alt und arbeitete als Kurierfahrer. »Mann, Mann, Mann«, dachte er sich, »wenn du das nicht hinkriegst, dann ist der Dampfer abgefahren.«

HANS GEORG BAUMGARTNER
HANS GEORG BAUMGARTNER

Nachtwächter

Kurierfahrer, Schmuckdesigner, Bezirksleiter einer Versicherung – Baumgartner hatte eine ganze Reihe Jobs, bevor er Nachtwächter wurde. Jeden Abend führt er nun Touren, und eine »bessere Kulisse als Rothenburg« könne er sich wirklich nicht vorstellen. Die Haarpracht musste er sich nicht eigens für den Job wachsen lassen. »Die hatte ich vorher schon«

Also machte er auf seiner Route immer wieder Abstecher nach Rothenburg und stellte sich hartnäckig für den Job vor – bis er ihn bekam. Sein Outfit ist dasselbe wie das der ersten Nachtwächter. Fast zumindest. Die Art von Hut trugen eigentlich nur Offiziere, gibt er zu, der Pelzkragen am Mantel war ein Privileg von Richtern und Patriziern. Und die dünnen Baumwollhemden, die er darunter trägt, hat er aus Bali mitgebracht. Auch in Rothenburg wird es im Sommer ganz schön heiß.

»Für einen Nachtwächter gibt es keine bessere Kulisse«, findet Baumgartner. Zweimal am Abend macht er normalerweise seine Tour, einmal auf Deutsch und einmal auf Englisch, in Hochzeiten mit bis zu 250 Menschen. In einem brüchigen Singsang erzählt er von der Blütezeit als Reichsstadt, als Rothenburg einer der 20 größten Orte im Heiligen Römischen Reich war und ein Gebiet so groß wie das heutige Liechtenstein umfasste. Aber genauso erzählt Baumgartner von den Schattenseiten, von dem Gestank, dem Leid und bricht so mit dem Idealbild des Mittelalters. Seine Lieblingsstelle: Wenn er den Gästen den wahren Grund verrät, warum Rothenburg nach der Eroberung im Dreißigjährigen Krieg sein Antlitz nicht verlor. »Die Armut hat die Stadt erhalten, nur so kam sie unverändert in altem Gewand über die Jahrhunderte«, ruft er auf einer Bank im Burggarten stehend herunter, das Gesicht vom Licht seiner Lampe nur umrissen. »Der Wohlstand von heute gründet auf der Armut von damals – manchmal muss man halt nur lange genug warten.«

Wiederentdeckt wurde die Stadt von den Künstlern der Romantik. Im 18. Jahrhundert kamen deutsche Maler wie Anton Doll, aber auch internationale wie der Engländer Arthur Wasse oder der US-Amerikaner Toby Rosenthal, und waren, so wie später Eiichi Takeyama, entzückt. Mit ihrer herrlichen Lage im Taubertal, den verwinkelten Gassen und dem leicht ruinösen Charme erfüllte die Stadt perfekt das Idealbild des Pittoresken.

Ihre Gemälde lösten einen ersten Touristenboom aus, schon bald fanden sich ihre Motive auf Postkarten. Der Tourismus befreite Rothenburg nicht nur von der Armut, er bewahrte es auch vor der kompletten Zerstörung: John Jay McCloy, stellvertretender Staatssekretär im US-Kriegsministerium, verhinderte während des Zweiten Weltkriegs eine größere Bombardierung durch die Alliierten, sodass die Altstadt in den Nachkriegsjahren mühevoll restauriert werden konnte. Seine Mutter war zweimal in Rothenburg gewesen, soll sogar ein Gemälde der mittelalterlichen Stadt mitgebracht und es im Zuhause der Familie aufgehängt haben.

Käthe Wohlfahrt, Rothenburg ob der Tauber
Eine der größten Besuchermagneten ist heute ein Ort, der nicht nur aus der Zeit gefallen, sondern in der Zeit stehen geblieben ist. Genauer gesagt: an Weihnachten. Das Weihnachtsdorf des Rothenburger Unternehmens Käthe Wohlfahrt verkauft 365 Tage im Jahr nichts anderes als Weihnachtsornamente. Christbaumkugeln, Pyramiden, Räuchermännchen – mehr als 25000 Artikel funkeln um einen sechs Meter hohen, weißen Weihnachtsbaum. Allein die Auswahl an Nussknackern ist überwältigend: Nussknacker verkleidet als Wikinger, Großmutter, Förster oder Zauberer, ausgestattet mit Bierkrug, Brezel oder Lebkuchenmann. Und einer sogar mit einer Hellebarde und einem Lämpchen so wie der Nachtwächter.

Auch im Hochsommer herrscht durch die internationalen Touristen normalerweise Hochbetrieb. Die Nationen hätten verschiedene Vorlieben, erklärt Felicitas Höptner, die im selben Haus das ebenfalls zu Käthe Wohlfahrt gehörende Weihnachtsmuseum leitet und seit fast 20 Jahren für das Unternehmen arbeitet. Japaner: kleine Holzartikel in Naturfarben. Russen: gerne bunt, gerne glitzernd. Amerikaner: am liebsten Artikel aus dem Erzgebirge und ruhig ein bisschen größer. Deutsche: vor allem Räuchermännchen. Aber jeder Geschmack sei in Ordnung, sagt Höptner. »Wir schreiben niemandem vor, was er schön zu finden hat.« Des einen Kitsch ist eben des anderen Kunst. Das Konzept geht auf: Käthe Wohlfahrt betreibt heute Geschäfte in York, Barcelona und Stillwater, Minnesota. Das große Weihnachtsdorf aber passt am besten nach Rothenburg. »Wenn wir in Paris wären, da gibt es so viele Sehenswürdigkeiten, wir würden unter ferner liefen laufen«, sagt Felicitas Höptner. »Die Atmosphäre von Rothenburg trägt viel dazu bei, dass das hier klappt.«

Aber die Altstadt ist mehr als nur Kulisse. Rund ein Viertel der Einwohner lebt im Zentrum, wo die Immobilienpreise überraschend bezahlbar sind und Bürgervereine wie Alt-Rothenburg sich für den Denkmalschutz einsetzen. Ketten wie Starbucks oder McDonald’s sucht man in den Gassen vergeblich. Die Rothenburger verramschen ihr historisches Erbe nicht, sondern kümmern sich darum – und nicht nur sie. Wer über die Stadtmauer läuft, entdeckt auf den Steinen die Namen von Spendern aus aller Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Wiederaufbau finanzierten, von der New Mexico State University bis zur japanischen Fremdenverkehrszentrale.

Simon Kistenfeger

Ein begabter Mann von Welt: Simon Kistenfeger eröffnete in seiner Geburtsstadt die Bar »Mucho Amor«

Wer noch genauer hinschaut, entdeckt zwischen den alten Steinen eine jung gebliebene Stadt. In einer leicht zu übersehenden Häuserpassage am weißen Turm hat Simon Kistenfeger seine Bar »Mucho Amor« aufgemacht. Der 33-Jährige trägt an diesem Sommerabend ein buntes Hawaiihemd, eine rückwärts aufgesetzte Kappe und einen gut getrimmten, roten Bart, mit dem er auch perfekt hinter die Tresen der coolsten Bars von New York oder jede Strandbar der Welt passen würde. Viele von ihnen hat Kistenfeger gesehen: Nachdem er sich bei Cocktail-Wettbewerben einen Namen als einer der besten Barkeeper der Welt gemacht hatte, reiste der gebürtige Rothenburger sechs Jahre um den Erdball, mixte Drinks in Cartagena, Melbourne und Oslo, wechselte von einer Bar zur nächsten, die ihn immer mit Kusshand nahmen.

Seit Ende 2019 mixt er nun zusammen mit seinem Team von Barkeepern aus Uruguay, Iran oder Kasachstan eigene Kreationen. Zum Beispiel seinen Signature Drink »Bavarian Summer«, ein unheimlich erfrischender Sour aus bayerischen Zutaten, präsentiert wie ein Bier. »Getoppt mit einer Salzbrezel«, sagt Kistenfeger. Wie viele seiner Zutaten ist der Mirabellenlikör für den Cocktail selbst gemacht, die Früchte dafür hat er in der Nähe des Burggartens gesammelt. Die reizvolle Region war einer der wichtigsten Gründe, warum Kistenfeger zurückkehrte. »Rothenburg ist mehr als nur Mittelalter. Es gibt nicht nur die Altstadt – in fünf Minuten ist man draußen in der Natur. Ich kann in den Wald gehen, Kräuter und Früchte sammeln und daraus einen Sirup machen. Das ist für eine Bar ganz wichtig.«

Zumindest für eine vom Kaliber des »Mucho Amor«. Dass er die einmal in seiner Heimatstadt eröffnen würde, scheint Kistenfeger gewusst zu haben. Auf den Philippinen ließ er sich während seiner Weltreise von einer Künstlerin ein Tattoo der Rothenburger Skyline stechen. Das zackige Profil der Stadt zieht sich einmal um seinen rechten Oberarm, darin eingeklinkt die Silhouette eines Martiniglases, heute das Logo des »Mucho Amor«. »Ich habe gesagt: Das wird irgendwann mal meine Bar sein«, erzählt Kistenfeger mit einem verschmitzten Lächeln. Recht hat er behalten.

Promotion