Deutschland

Radtour durchs Rhein-Main-Gebiet Ein Märchen von einem Fluss

Was für ein Finale: Auf seinen letzten 75 Kilometern durch Hessen passiert der Main Klöster und Schlösser, coole Bars und große Kunst. Eine Erkundung per Rad
Seligenstadt
      
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Es war einmal: ein Fluss. Nicht irgendein Fluss na­türlich. Sondern ausge­rechnet der, an dessen Ufer die Gebrüder Grimm geboren wurden. Daher überrascht es kaum, dass dieser Fluss, Quell der wichtigsten, weltbekannten deutschen Märchen, selbst eine Geschichte hat, in der ein Graft auftaucht und eine spätere Königin, in der ein Kaiser von seinem treulosen Gefährten verraten wird und gigantische, aus vielen Schloten qualmende Riesen sein Leben bedrohen. Fast schon scheint er durch sie vernichtet zu sein, fällt in einen jahrzehntelangen Dornrös­chenschlaf, gerät in Vergessenheit. Dann aber kommt nicht nur ein Prinz; gleich mehrere sind es, die ihn leiden­schaftlich wachküssen.

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Aber zurück zum Anfang: Es war einmal ein Fluss, der Main, der im Fichtelgebirge und in der Fränkischen Alb entspringt, sich bei Kulmbach vereint – passenderweise nahe einem Schloss – und sich von dort aus auf einer Länge von 472 Kilometern durch Bayern, ein kleines Stück an Baden­-Württemberg entlang und schließlich durch Hessen schlängelt.

Seligenstadt

Feierabendwein mit Fachwerk air in Seligenstadt: Die »Bar Leander« ist bekannt für ihre Drinks. Und für den besten Blick auf die Basilika

Diese letzte, etwa 75 Kilometer lan­ge Etappe ist die Heldin dieser Ge­schichte; wir legen sie mit dem Fahr­rad zurück. Der Main­Radweg folgt dem Fluss treu um jede Windung, er ist fast durchgängig asphaltiert, meist mehr als 2,50 Meter breit und ausge­sprochen eben. Märchenhaft. 2008 wurde er als erster deutscher Rad­fernweg vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad­-Club mit fünf Sternen ausge­zeichnet.

Kurz vor Seligenstadt führt der Radweg über den Fluss und damit über die Grenze von Bayern nach Hessen. Schon zur Zeit der Römer war das so: Ab etwa 90 nach Christus wurde der Moenus hier als Teil des Limes genutzt. In diesem gut 20 000 Einwohner großen Fachwerk­städtchen, zu dem sich das römische Grenzkastell entwickelt hat, beginnt also das hessische Finale des Mains.

Seligenstadt hieß noch schnöde Obermühlheim, als im Jahr 815 der Gefährte und Biograf von Kaiser Karl dem Großen hier ein Gut ge­schenkt bekam: Einhard. Mit dem hier von ihm gegründeten Benedik­tinerkloster machte er aus dem Gut schließlich jene namensgebende Stadt der Seligen. Die Legende sagt, der treulose Einhard sei mit der Tochter Karls des Großen durchgebrannt und habe sich hier versteckt. Als der Kai­ser dann aber auf der Durchreise in einem Gasthaus Pfannkuchen ser­ viert bekommen habe, zubereitet von seiner nun hier arbeitenden Tochter, habe er deren Geschmack sofort er­ kannt. Und ausgerufen: »Selig sei die Stadt genannt, da ich meine Tochter wieder fand«. So steht es noch heute auf den roten Fachwerkbalken des ältesten Hauses der Stadt von 1596.

Seligenstadt
Neben den Legenden ranken, auch das ist Einhard zu verdanken, bis heute übermäßig viele Pflanzen in Seligenstadt. Die von ihm gegründete Klosteranlage samt Basilika hat zwar im Lauf der Geschichte auch ihre Dramen erlebt – den Bauernkrieg, den Dreißigjährigen Krieg, Napoleon – aber eben auch ihr ganz eigenes Happy End: Nicht nur sind die Barockbauten, überwiegend aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, aufs Schönste erhalten, auch der Barockgarten wurde seit den 1980ern detailgetreu rekonstruiert. Neben Zitronen und Orangen können hier heute etwa 200 Heilpflanzen aus dem Apotheker­ garten geerntet werden – einst wich­tige Zutaten für die liebevoll einge­ richtete Klosterapotheke der Anlage.

Auf den knapp 15 Kilometern zwi­schen Seligenstadt und Steinheim gibt sich der Main träge, über die Jahrhun­derte hat man ihn hier begradigt, hat sein aches Bett vertieft, ihn für die Schifffahrt gezähmt. Dass man kurz vor der Brüder­-Grimm­-Stadt Hanau ist, kündigt das Altstädtchen von Steinheim mit seinem rapunzelhaften Schlossturm an wie ein Fanfaren­signal: Weiß, gekrönt von schwarzen Türmchen ragt er über das Fachwerk­haus­-Gewirr innerhalb der Stadtmau­er hinaus. Auf der anderen Flussseite dagegen duckt sich Hanau hinter ge­fährlichen Riesen weg. Der Hafen der Stadt ist nach dem Frankfurter der zweitgrößte am Main, ist die Heimat von Chemiermen, Baustoffunter­ nehmen, Großhandelsbetrieben. So wie hier dominierten auch in Frank­furt und Offenbach, in Höchst und in Rüsselsheim lange die Industrie­giganten den Main, versperrten den Menschen den Weg ans Ufer und den Blick für den Fluss.

Selbst wo sie seine Nähe suchten, wandten sie sich von ihm ab: Anfang des 18. Jahrhunderts ließ sich Graf Philipp Reinhard westlich von Hanau ein Barockschloss nach französischem Vorbild errichten, Schloss Philipps­ ruhe. Zum Main hin zeigt nur die Seitenmauer des Flügelbaus, Haupt­bau und Hof sind zur nahen Stadt hin ausgerichtet.

Als er vor zehn Jahren nach Hanau zog, habe er eine ganze Weile ge­ braucht, um überhaupt zu bemerken, dass seine neue Heimatstadt am Wasser liegt, erzählt Rocky Musleh. »Der Main wurde hier lange nicht wirklichwahrgenommen.«

Dass der Fluss nun wahrgenommen, gar geschätzt und gesucht wird, dazu hat Musleh beigetragen: mit seinem »Mein Main Laden«, einer lässigen Mischung aus Liegestühlen, Steinofenpizza und Apfelwein, lockt er seit 2014 auf eine Wiese am Main­ ufer des Hanauer Stadtteils Groß­ auheim. Lange hatte die Wiese brach­ gelegen. Nun ist sie eines der beliebtesten Feierabendziele der Ge­gend, einer der Orte, an denen der Main wieder den Menschen gehört. »Am Fluss zu sitzen, beruhigt die Menschen«, bemerkt Musleh, »hier müssen wir nicht mal Musik spielen, damit sie sich entspannen können.«

Grossheim
Fünf weitere Läden betreibt Mus­leh in Hanau, außerdem produziert er Apfelwein und gemeinsam mit einem Brenner den Gin »François«, benannt nach François de la Boë, dem Erfinder des Gins – auch er ein gebürtiger Hanauer. Musleh, als Fünfjähriger mit seiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland gezogen, ist ein Tausendsassa, einer dieser modernen Prinzen, die den Main aus seinem Dornröschenschlaf wachküssen. Er selbst kommt zum Joggen an den Fluss, bringt seinen Sohn zum Spielen her, und dass er hier dann noch im­ mer oft ganz für sich ist, lässt ihn den Kopf schütteln: »Das Mainufer ist so megaschön.«

Zaghaft mehren sich auf den gut 20 Kilometern bis Offenbach die Ver­suche, Breschen zu schlagen in das Spalier aus Bäumen, Büschen und wilden Brombeerhecken zwischen Radweg und Fluss, immer öfter blitzt der Main durch, stehen überdimen­ sionierte Holzliegen oder Picknick­ bänke an seinem Ufer.

Auch das Rumpenheimer Schloss am östlichen Anfang von Offenbach breitet seine dreiflügelige Anlage nun zum Main hin aus; im 19. Jahrhundert traf sich hier die weitverzweigte Ver­wandtschaft der hessischen Landgra­fen. Österreichs Kaiser Franz Joseph kam ebenso wie der russische Zar Alexander III. oder Mary, die spätere Königin von England. Man dinierte, spazierte, sinnierte mit Blick auf den Main, und seit Kurzem steigern sich auch jetzt wieder die vielen kleinen Plätze am Fluss hin zu einer Prome­nade, schließlich gar zu einem neuen Quartier am Hafen.

Hier, und noch mehr knapp zehn Kilometer flussabwärts in Frankfurt, führt der Radweg in die Zukunft der Flussufer von Seligenstadt, Hanau oder dem weiter westlich liegenden Rüsselsheim. Skater flitzen zu Füßen der neuen EZB­-Zentrale durch die Pipelines, im 2015 eingeweihten Hafenpark gibt es Fuß­ und Radwege, Sport­ und Spielplätze, vor allem aber: eine Bühne für den Fluss. Frankfurt lebt schon lange nicht nur am, sondern auch mit dem Main, erzählt Julian Wékel, Leiter des Ins­tituts für Städtebau und Wohnungs­wesen in München: »Die Stadt ist in Deutschland eine echte Vorreiterin für das Leben am Wasser.«

Anders als etwa Hamburg, das bis heute von seinem Fluss geteilt werde, sei Frankfurt schon lange beidseits des Mains gediehen. Klar, auch hier habe man den Fluss über Jahrhun­derte vor allem als wichtige Infra­struktur gesehen: als Transportweg und als Möglichkeit, hier an der Furt Zoll für die Überquerung zu nehmen; später auch als Wasserquell und Ab­wassermöglichkeit für die Industrie. Vor allem aber der Ausbau des Mu­seumsufers in den 1980ern veränderte das Flussufer, später entstand das neue Deutschherrnviertel beim ehe­ maligen Schlachthof und jüngst der Hafenpark zu Füßen des EZB­-Ge­bäudes. Langsam, Jahr für Jahr und Projekt für Projekt avancierte das Ufer zur vordersten, beliebtesten, kreativsten Meile der Stadt.

Und so zog es auch Mirek Macke hierher, als er für seinen Kunstverein »Familie Montez« eine neue Bleibe suchte. Zuvor hatten er und seine Mitstreiterin Anja Czioska im Städels­ hof eine eigene Mischung aus Aus­stellungen zeitgenössischer Kunst, Vorträgen, Filmen, Konzerten und Partys etabliert. 2014 zog ihr Verein im wahrsten Wortsinn unter die Brü­cke: In zwei Bögen der Honsellbrücke am neuen Hafenpark ist die »Familie Montez« seitdem zu Hause.

Die Tür steht tagsüber immer offen, »bei uns bekommen die Skater ein Pflaster für ihr aufgeschlagenes Knie und die jungen Mütter einen günsti­gen Kaffee«, sagt Macke. Alle paar Wochen stellt ein anderer Künstler, eine andere Künstlerin hier aus, was bleibt sind die Perserteppiche auf dem Betonboden, die ausrangierten Plüschsessel und Ledersofas, die lässig-­gemütliche Art, hier Kunst be­staunen zu können. »Kunst ist doch für die Menschen da«, weist Macke jeden elitären Kulturbegriff zurück und ruft zwei Kindern mit Hund ein »na klar« zu auf deren Frage: »Darf man die Sachen hier anfassen?«

Höchst
Was in Frankfurt am Fluss entsteht, das ist stromauf wie stromab zum Pulsgeber geworden. Und so finden sich knapp 15 Kilometer weiter auf dem Main-­Radweg, in Höchst, die Nachbeben dieses neuen Kreativ­pulses. Zwar verschließen sich auch hier das Schloss und die hübsche Fachwerkaltstadt hinter dicken Mau­ern; allzu lange war der Fluss nur Ein­fallstor für Angriffe oder Fluten ge­wesen. Aber auch hier, nur wenige Schritte entfernt von der kleinen Passa­gierfähre, die stetig von Ufer zu Ufer tuckert, wurde die Alte Schiffsmelde­ stelle in ein neues Liegestuhl­-Café verwandelt. Seinen Aperol oder Apfel­ wein trinkt man auch in Höchst nun am liebsten mit Blick aufs Wasser.

Ja, sie hat etwas Märchenhaftes, diese allmähliche Wiederentdeckung des lange nur ausgebeuteten Flusses. Es sind gleich mehrere Akteure, die ihn wachküssen. Auch in Rüssels­ heim entschied man sich Ende der 1990er, die leer stehenden Villen von Fritz Opel, Sohn des Gründers der Opelwerke, in einen Kunstmagneten zu verwandeln: Die gemeinnützige Kunst­ und Kulturstiftung Opelvillen der Stadt zeigt hier heute zeitgenössi­sche Kunst aus aller Welt in Wechsel­ ausstellungen, ein besonderes Augen­merk liegt darauf, junge Menschen für Kunst zu begeistern. Noch sucht man ringsum die coolen Flussbars von Hanau, Offenbach, Frankfurt oder Höchst vergebens, aber man ahnt: Sie werden kommen.

Rüsselsheim, Opelvillen

Fünfte Station: Am Rande von Rüsselsheim zeigt das Häuserensemble der Opelvillen Kunst der Gegenwart und der Klassischen Moderne

Ende gut, alles gut: Für die Men­schen, die das neue Leben am Main genießen, ebenso wie für den Main selbst. Zählte er in den 1970ern noch zu den am stärksten verschmutzten Flüssen des Landes, erholt er sich seitdem. Entlang des Radwegs holen Angler Wels und Zander aus dem Wasser, Barsch, Karpfen, Brassen. An den kleinen Badebuchten, die sich vor allem kurz vor der Mündung in den Rhein hier und da auftun, sprin­gen Kinder wie Erwachsene ins Was­ser. Badequalität hat es of ziell noch nicht, aber auch dieses Happy End scheint nicht mehr fern. Und da er eben nicht gestorben ist, fließt er wei­ter, der Main: Tut sich bei Mainz mit dem Rhein zusammen und kurvt sich seinen Weg durch Deutschland und die Niederlande bis zur Nordsee.

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