Argentinien

Sümpfe von Iberá Auf Tuchfühlung mit Kaimanen

Yacaré, einer Alligatorenart, in den Sümpfen von Iberá.

Am Horizont senkt sich die Sonne und färbt den Himmel feuerrot. Die Luft scheint zu vibrieren. Es summt und zirpt über den Sümpfen von Iberá. Die Insekten sind zum Leben erwacht. Das leise Knattern des Motorbootes verschmilzt mit der natürlichen Geräuschkulisse. Bei anbrechender Dunkelheit geht es hinein in eine faszinierende Tier- und Pflanzenwelt.

Anzeige

Das rund 13.000 Quadratkilometer große Naturreservat im Nordosten Argentiniens ist die Heimat zahlreicher zum Teil vom Aussterben bedrohter Lebewesen: Sumpfhirsche, Kaimane, Wasserschweine, Otter und Störche. In diesem subtropischen Ökosystem tummeln sich auf einer Fläche die knapp der von Schleswig-Holstein entspricht etwa 85 Säugetier-, 45 Amphibien-, und 35 Reptilienarten. Hinzu kommen noch rund 350 Vogelarten. Gleichzeitig zählen die Sümpfe von Iberá, in der Sprache der Guaraní-Indianer bedeutet das Wort "schillerndes Wasser", zu den wichtigsten Süßwasserreserven Südamerikas und sind nach dem Pantanal in Brasilien das weltweit zweitgrößte Feuchtgebiet.

Nach einer knappen halben Stunde Fahrt stellt der Bootsführer den Motor ab. Mit einer Taschenlampe leuchtet er hinaus auf die spiegelglatte Lagune. Die Augen der Yacarés leuchten wie Geisteraugen in der Dunkelheit. Wegen ihrer Haut und ihres Fleisches bei Jägern sehr beliebt, hatte sich die Zahl der Kaimane in der Region gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts dramatisch reduziert. Seitdem die Sümpfe jedoch am 15. April 1983 zum Naturreservat erklärt worden sind, hat sich der Bestand dieser Alligatorenart wieder deutlich stabilisiert.

Kaimane ziehen ihre Kreise auf der Suche nach Beute

Am Bug gleitet plötzlich ein besonders großes Exemplar vorbei, schleppt sich ans Ufer und reißt sein Maul weit auf. Die spitzen Zähne blitzen bedrohlich. "Jetzt nur nicht die Hand hinausstrecken", sagt der Kapitän und lacht. Ein paar Meter entfernt steht ein Wasserschwein ("carpincho") regungslos im Schilf. Die Schwimmhäute zwischen den Zehen garantieren dem pflanzenfressenden Nager mit dem borstigen Fell festen Halt auf dem morastigen Untergrund.

Was im Uferbereich der Hauptlagune nach festem Boden aussieht, sind aber in Wirklichkeit aus dem dichten Wurzelgeflecht der unterschiedlichsten Pflanzen entstandene schwimmende Inseln. Durch Wind und Strömung trennen sich immer wieder Teile ab und treiben auf das Wasser. Mittendrin ziehen Yacarés ihre Kreise auf der Suche nach Beute.

Tiere in ihrem freien Lebensraum aus unmittelbarer Nähe zu beobachten: Die Sümpfe von Iberá verzaubern mit diesem seltenen Einblick in eine normalerweise verborgene Welt. Nicht nur nachts. Auch tagsüber lohnt sich ein Ausflug in die Wildnis. Ein Besuch in dem kleinen, aber sehr gut geführten Informationszentrum ist ein guter Beginn für die Wanderung durch ein Waldstück am Rande der Sümpfe, in dem Carayá-Affen in den Baumwipfeln herumtollen. Warum diese Art auch "aulladador" (spanisch: Heuler) heißt, wird schnell klar.

Die flinken Tiere sausen von Ast zu Ast

Schon aus der Ferne hallt das schrille Gezeter der Affen durch die Luft. Die Männchen machen lautstark klar, wer der Herr im Revier ist. Mit dem Schwanz als Werkzeug sausen die flinken Tiere in den Baumkronen über den Köpfen der Besucher von Ast zu Ast. Männchen und Weibchen sind dabei einfach auseinander zu halten. Erstere haben ein schwarzes, letztere ein rostfarbenes Fell.

Der Massentourismus hat diesen Flecken Natur bisher nicht vereinnahmt. Noch gelten die "Esteros de Iberá" als Geheimtipp auf einer Argentinienreise. Die Straßen nach Colonia Carlos Pellegrini, dem Ausgangspunkt für Ausflüge in die Sümpfe, sind größtenteils Schotterpisten. Auch die Straßen in dem kleinen etwa 1000 Einwohner zählenden Örtchen sind nicht asphaltiert. Doch die Entwicklung schreitet voran: Der Strom an Besuchern hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Zudem hat man damit begonnen, einen Teil der Route vom Örtchen Mercedes aus in Richtung der Sümpfe zu befestigen.

Wer noch mehr von Argentinien und Südamerika sehen möchte, sollte einen Zwischenstopp in der Hauptstadt Buenos Aires einlegen und dann weiter zu den Gletschern und Bergen Patagoniens reisen.

Promotion
Autor
Kai Behrmann