Europa

Schweden Mit den Elchen kuscheln

Moosegarden in der nordschwedischen Gemeinde Östersund

Beppe, das verspricht Sune Häggmark, sei nicht nur ausgesprochen attraktiv und habe samtweiche Lippen. Der Casanova, dem zahlreiche deutsche Besucherinnen schon einen unwiderstehlichen Schlafzimmerblick bescheinigt hätten, lasse zwei- wie vierbeinige Frauen auch nur selten ungeküsst. Sune muss es wissen, schließlich ist der Schwede, der in Orrviken in der nordschwedischen Gemeinde Östersund den Elchpark Moose Garden betreibt, so etwas wie Beppes Ziehvater. "Mir ist es wichtig, dass mich meine Elche gut kennen, Vertrauen zu Menschen haben und sich auch gerne anfassen lassen. Deshalb bekommen sie nach der Geburt nicht nur von ihren Müttern, sondern auch von mir Milch", sagt der 63-Jährige, zu dem oft auch verwaiste Elchkälber gebracht werden.

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Es waren auch zwei Flaschenkinder – Ludde und Ronja, deren Mutter bei einem Verkehrsunfall ihr Leben gelassen hatte - mit denen das Projekt 1997 anfing. Vier Jahre später kündigte Sune seinen Job als Personalchef bei der Kommune und machte auf seinem Hof ganz auf "Alces alces" und lernte sogar ein paar Elchvokabeln. "Elche sind eigentlich eher ruhige Zeitgenossen, gelegentlich benutzen sie aber auch Laute zur Kommunikation", erklärt Sune, hält sich die Nase zu und lässt ein gedämpftes Jammern hören. Der Kontaktruf. Dann stößt er ein Gluckern aus. So sollen Elchbullen klingen, wenn sie im Herbst auf Brautschau gehen. Im 15 Hektar großen Gehege spricht Sune aber dann doch nicht "elchisch", sondern ruft seine Vierbeiner mit einem ganz normalen Pfiff.

Aus verschiedenen Richtungen schlendern sechs Vertreter der größten noch existierenden Hirschart herbei. Mit ihren langen schlaksigen Beinen, dem kurzen Hals und dem großen Kopf mit langer Nase und überhängender, beweglicher Oberlippe sehen Elche ein wenig so aus, als hätte ihr Schöpfer einen Hauptdarsteller für witzige Walt Disney-Cartoons schaffen wollen. Doch die grauen Eminenzen sind keineswegs so ungelenk und tapsig, wie sie auf den ersten Blick wirken, sondern perfekt an die kalten Sumpf- und Waldlandschaften angepasst.

Elche sind hervorragende Schwimmer

Die knorpelige Oberlippe ist stark genug, um Zweige abzubrechen, die spreizbaren Hufe verhindern das Einsinken in morastige Böden. Mit den langen Beinen steigen sie mühelos über Hindernisse und durch tiefen Schnee. Bei der Flucht vor Bären oder Wölfen erreichen sie Geschwindigkeiten bis zu 60 Stundenkilometern. Außerdem sind sie hervorragende Schwimmer, die auf der Suche nach Wasserpflanzen zwei bis drei Meter in die Tiefe tauchen können. Rund 500 Kilogramm kann ein männlicher europäischer Elch auf die Waage bringen, die nordamerikanischen Verwandten sind sogar bis zu 800 Kilogramm schwer. Auch das Schaufelgeweih ist bei den "Amerikanern" mit einer Spannweite von bis zu 2,5 Metern fast doppelt so groß.

Geweih eines Elch-Bullen
Maria Emitslöf/imagebank.sweden.se
Imposanter Kopfschmuck der Elch-Bullen: ihr Geweih.
Der imposante Kopfschmuck der Bullen wächst jedes Jahr aufs Neue mit einer rasanten Geschwindigkeit von bis zu zwei Zentimetern pro Tag. Während der Wachstumsphase ist das Geweih mit einer behaarten, gut durchbluteten Basthaut überzogen, die vor der Brunftzeit im Herbst abgestreift wird. Kurz vor Weihnachten sorgen Hormone dafür, dass der Elch die Schaufeln verliert, einige Wochen später bilden sich wieder neue Geweihansätze. Bis der Elch acht bis zehn Jahre alt ist, wird das Geweih jedes Jahr größer und schwerer.

Der Erste, der den Futterplatz erreicht, ist Beppe. Eine junge Schweizer Touristin wird sofort schwach. "Ich würde ihn gerne küssen." Doch Sune muss sie vertrösten. "Im Moment will er nur fressen. Anschließend legt er sich aber zum Wiederkäuen hin – dann ist er in der richtigen Stimmung zum Knutschen." Tatsächlich hat der Elchbulle erst einmal nur Blicke für die Kartoffeln im Holztrog übrig. Seine Artgenossen machen sich derweil über den Haufen mit Weidezweigen her.

In manchen Seifenstücken steckt in der Mitte ein eiförmiger Elchkötel

Allerdings sind sie nicht abgeneigt, sich während der Mahlzeit kraulen zu lassen. Ich vergrabe meine Hände im Fell von Magdalena Neuner, die mit ihrer berühmten menschlichen Namensvetterin sogar persönlich bekannt ist. Die Biathletin hatte nämlich 2008, nachdem sie bei der WM in Östersund dreimal Gold geholt hatte, die Patenschaft für die kleine Elchkuh übernommen und sie drei Jahre später noch einmal besucht.

Fell von Elchen
Fredrik Broman/imagebank.sweden.se
Das grau-braune Fell fühlt sich rau und struppig an.
Ihr grau-braunes Fell fühlt sich erst rau und struppig an. Doch an den Stellen, an denen sie schon ihr dünneres Sommerkleid trägt, ist es weich und überraschend ölig. "Elchlanolin, das beste Hautpflegemittel, das es gibt", sagt Sune. Im Juli, im Höhepunkt des Fellwechsels, rinne das Sekret in dicken Tropfen aus den Talgdrüsen über die Elchkörper. Im Moose Garden wird das Lanolin eingesammelt, zu Seife verarbeitet und im kleinen Hofladen verkauft. In manchen Seifenstücken steckt in der Mitte ein eiförmiger Elchkötel. "Ich glaube zwar nicht, dass das die pflegende Wirkung enorm verbessert, aber die Touristen finden es lustig." Viel lustiger findet aber der weißhaarige Schwede eine andere Verwendung der Exkremente: Papier aus Elchlosung. "Jedes Mal, wenn ein Elch kackt, kann ich daraus etwa 15 Blatt Papier herstellen, an einem Tag produziert ein Elch ausreichend Material für die zehnfache Menge. Das nenn ich: aus Scheiße Geld machen."

Dass sich die "Golden Nuggets", wie Sune Elchkot bezeichnet, in Papier verwandeln lassen, liegt am Fressverhalten und Stoffwechsel ihrer Produzenten. Genau wie Elefanten, Kängurus, Pferde, Schafe und andere vierbeinige Vegetarier vertilgen sie täglich große Mengen faserhaltiges Pflanzenmaterial und scheiden einen Großteil der Fasern dank des relativ ineffizienten Verdauungssystems wieder aus. Jede Menge Zellstoff, der jeden Winter auf dem Hof in Orrviken gereinigt und zu Papier weiterverarbeitet wird. Im Moment lagern rund 5000 Liter Elchkot, den Sammler aus den umliegenden Wälder zusammengetragen haben, im Schuppen. Die Kötel auf eigenem Grund muss Sune allerdings liegen lassen. Da seine Tiere reichlich Kartoffeln bekommen und deshalb weniger Blätter und Rinde verspeisen, enthalten ihre Ausscheidungen nicht den gewünschten Zellstoffanteil.

Geweih eines Elches
Staffan Widstrand/imagebank.sweden.se
Das Geweih eines Elches wird bis er zehn Jahre alt ist, jedes Jahr größer und schwerer.
Dafür liefern die Elchkühe, zumindest wenn sie Nachwuchs bekommen haben, einen so seltenen wie kostbaren Rohstoff: Fette, vitaminreiche Milch, aus der der mit rund 350 Euro pro Kilogramm teuerste Käse der Welt hergestellt wird. Wie Sahne schmeckt die Milch, je nach Speiseplan der Elche manchmal aber etwas herber als Kuhmilch. Normalerweise wird im Hofcafé die Milch nicht nur als Käse, sondern auch als Milchshake, Baileys, im Kaffee und in Elchwaffeln serviert. Doch da in diesem Jahr keine Kälber geboren wurden, kann Sune auch nicht melken. "Im vergangenen Jahr hatten wir zwölf erwachsene Tiere im Gehege, was damit ziemlich ausgelastet war. Offenbar verhindert die Natur dann selbst, dass der Bestand zu groß wird. Wir werden dieses Jahr ein paar Tiere an andere Elchparks abgeben, dann kommt im nächsten Mai auch wieder Nachwuchs."

Die Kämpfe zwischen Elchbullen können sehr heftig sein

Nicht alles wird im Moose Garden der Natur überlassen. So wartet man bei aggressiven Bullen nicht darauf, dass sie ihr Geweih von selbst verlieren, sondern sägt es vor der Brunftzeit im Herbst ab. "Die Kämpfe zwischen den Männchen sind sehr heftig. Besonders, wenn zwei Rivalen etwa gleich stark sind und keiner von beiden aufgeben will, kommt es vor, dass sie sich mit den Schaufeln in den Bauch stechen und dabei schwer verletzen oder sogar töten." Einige Besucher schauen schockiert, Sune zuckt mit den Schultern: "Die Jungs kämpfen immerhin nur einmal im Jahr und dann auch noch um die Liebe. Die Mädels kämpfen dagegen jede Woche um die Macht. Dabei können sie zwar kein Geweih einsetzen, aber Elchtritte sind auch nicht ohne."

Obwohl recht streitlustig, sind Sunes Elchkühe beim starken Geschlecht offenbar sehr beliebt. Ab und zu würden wild lebende Elchbullen den Zaun um das Gehege zerstören und eine oder mehrere Damen zum Liebesspiel entführen. Über 300.000 Elche streifen durch die schwedischen Wälder. Das sind so viele, dass man sich fragt, warum es außerdem auch noch etwa 30 Elchparks im Land gibt. Doch um einen Elch in freier Wildbahn zu treffen, braucht man eine Menge Glück. Die scheuen Einzelgänger hören nämlich sehr gut und sind in der Regel schon lange verschwunden, bevor sie in Sichtweite kommen. Die besten Chancen hat man im Auto, da die Huftiere weder Motorengeräusch noch Straßen als gefährlich einordnen. Unproblematisch ist das nicht: Jährlich kommt es auf Schwedens Straßen zu 4000 bis 5000 Elchunfällen - meistens im Herbst und Winter. Besonders bei Dämmerung sollte man vorsichtig fahren.

Während Touristen mit Begeisterung Elchparks besuchen, Elchsouvenirs kaufen und ihre Wohnwagen mit Elchaufklebern schmücken, haben die meisten Schweden zum "König der Wälder" ein eher pragmatisches Verhältnis: Sie schätzen ihn vor allem auf dem Teller. Jagen ist gerade in Mittel- und Nordschweden ein Volkssport, rund 100.000 Elche werden jedes Jahr geschossen. Auch Sune geht jeden September mit der Flinte in den Wald. "Meine eigenen Elche esse ich aber nicht, höchstens mal, wenn sich einer ein Bein bricht und wir ihn deshalb töten müssen. Jagen macht mir eigentlich auch nicht besonders viel Spaß, aber das Fleisch schmeckt so gut."

Während er über die besten Zubereitungsmethoden für Elchgulasch fachsimpelt, haben die Riesenhirsche ihre Mahlzeit beendet. Die Schweizer Touristin macht ein paar ängstlich-erwartungsvolle Schritte auf Beppe zu. Doch dem Casanova ist es heute zu heiß, um sich ins Gras zu legen oder sich gar küssen zu lassen. Er lässt die junge Frau einfach stehen und nimmt zusammen mit ein paar Artgenossen ein kühles Bad im Wasserloch.

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Autor
Heidi van Elderen