Neuseeland

Neuseeland Absprung über dem Franz-Josef-Gletscher

Fox Gletscher Neuseeland

Franz Josef – was für ein komischer Name, denke ich mir, als der Weg uns in den kleinen Ort an der Westküste von Neuseelands Südinsel führt. Ein Glück, dass der österreichische Kaiser Franz Joseph der Erste das nicht gehört hat, denn nach ihm wurden Gletscher und Ort 1865 benannt. "An der Westküste regnet es fast immer", hatte unser Busfahrer noch vorgewarnt. Ich schaue zum Himmel – kein Wölkchen in Sicht. Man muss eben auch mal Glück haben. Tatsächlich regnet es aber überdurchschnittlich viel in dem 300-Seelen-Dorf, doch die Einwohner nehmen es gelassen. "Liquid Sunshine" (flüssiger Sonnenschein) nennen sie es – und das hat auch seinen Grund. Der ist groß, weiß und kalt: der Franz-Josef-Gletscher.

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Es gibt nur drei Gletscher auf der Welt, die in einen Regenwald hinabreichen, Franz Josef ist einer davon. Der zweite ist der direkte Nachbar, der Fox-Gletscher - beide enden gerade einmal 250 Meter über dem Meeresspiegel. Der Dritte im Bunde ist der Perito-Moreno-Gletscher in Argentinien. Dass die beiden neuseeländischen Gletscher überhaupt noch existieren, verdanken sie den sogenannten "Roaring Forties" (brüllende Vierziger), einer Windströmung zwischen dem 40. und 60. südlichen Breitengrad.

Die Winde der Roaring Forties wehen das ganze Jahr über von Westen her und treffen mit einer gewaltigen Kraft auf die Südalpen Neuseelands. Die Luft wird zum Aufsteigen gezwungen und die schnelle Abkühlung bringt unbeständiges Wetter und viel Niederschlag mit sich. Im Tal bedeutet das Regen, in der Höhe Schnee (im Durchschnitt 14 Meter pro Jahr!). Doch macht das Franz Josef und seinen Kollegen Fox immun gegen den Klimawandel? Immun mit Sicherheit nicht, doch auf jeden Fall stärker. Gerade durch den hohen Niederschlag sind die beiden Gletscher mehr in Bewegung als die meisten anderen ihrer Art. Zwischen 30 und 100 Zentimetern gleiten sie täglich dem Tal entgegen. Sie kriechen also schneller, als sie schmelzen – noch.

Mount Cook und Mount Tasman Neuseeland
Anja Haertel
Vor dem Fallschirmsprung kann der Blick auf die beiden höchsten Berge Neuseelands genossen werden: Mount Cook und Mount Tasman.

Könnte man die Landschaft der Westküste besser betrachten, als aus der Luft? Wohl kaum. Etwa eine Stunde nach Ankunft in Franz Josef spüre ich das Dröhnen eines Flugzeugmotors unter mir und sehe durch das Fenster zu meiner Rechten die malerische Landschaft der Neuseeländischen Alpen mit den schneebedeckten Spitzen des Mount Cook und Mount Tasman. Mit 3754 Metern Höhe ist Mount Cook der höchste Berg des Landes und die Neuseeländer geben gerne damit an, dass ihr Landsmann Sir Edmund Hillary dort seine Kletterkünste perfektionierte, was es ihm ermöglichte, am 29. Mai 1953 die Erstbesteigung des Mount Everest zu vollbringen. "Hast du Angst?", fragt mich Rob, der direkt hinter mir sitzt und an dem ich mit Gurten festgezurrt bin. Ich sage nichts. Rob ist Fallschirmspringer.

Dann ist es soweit. Wir rasen mit 200 Stundenkilometern auf die Erde zu. Unter mir dehnt sich das Alpenvorland in seiner ganzen Pracht aus. Saftig grüne Wiesen, ein langer, schmaler Strand und die tiefblaue Tasmansee, in deren ruhigem Wasser sich die untergehende Sonne spiegelt. Hinter mir liegt still und majestätisch der Franz-Josef-Gletscher und dehnt sich unterhalb von Mount Cook ins Tal aus.

Franz Josef Gletscher Neuseeland
Felix Jahn
Wie gemalt: Der Franz-Josef-Gletscher präsentiert sich im weißen Kleid und strahlt mit dem blauen Himmel um die Wette.

Der Anblick aus der Luft hat Lust auf mehr gemacht und so gehen wir am nächsten Tag aufs Eis. Die Gruppe besteht aus elf Leuten. Jeder bekommt ein Paar Spikes, die er unter die Wanderschuhe schnallt. Die Sonne steht schon hoch am Himmel und lässt die Eisfläche blendend weiß erstrahlen. Darüber ein Himmel, der so blau ist, dass es scheint, Claude Monet hätte soeben extra seinen Farbkasten geplündert, um uns dieses einmalige Bild zu bescheren.

Unser Bergführer läuft mit einem Eispickel voran und bearbeitet damit sorgsam den Weg, indem er kleine Trittstellen und Stufen schafft. Schon nach kurzer Zeit befinden wir uns mitten im Eis. Dort wo die Sonne es nicht hin schafft, leuchtet es hellblau. Der Pfad führt vorbei an kleinen, blauen Eishöhlen und durch enge, meterhohe Spalten - hier heißt es "Bauch einziehen". Am frühen Nachmittag ist das Ziel schließlich erreicht und wir genießen den Blick ins Tal. Von "liquid sunshine" keine Spur.

Neuseelands Westküste hat aber außer Gletschern noch mehr zu bieten. Folgt man der Bundesstraße 6 in Richtung Süden und biegt nach etwa 23 Kilometern nach rechts ab, führt einen die Cook Flat Straße zum Matheson-See, der in Neuseeland als "Mirror Lake" (Spiegelsee) bekannt ist. Im dunklen Wasser des Sees zeigt sich bei guten Wetterbedingungen das Abbild der Spitzen von Mount Cook und Mount Tasman. Vom Parkplatz führt ein 500 Meter langer Waldweg zum Aussichtssteg. Wer mehr sehen möchte, kann eine Rundwanderung unternehmen und in 90 Minuten verschiedene Blickwinkel auf den natürlichen Spiegel genießen.

Milford Sound Neuseeland
Anja Haertel
Milford Sound ist der bekannteste Fjord Neuseelands und ein beliebtes Ziel für Touristen.

Noch weiter im Süden verändert sich die Landschaft. Sobald wir das Schild mit der Aufschrift "Fjordland Nationalpark" passieren, tauchen wir in eine graue Nebelwand ein und Regen prasselt auf das Dach des Busses. Es scheint, als bekämen wir nun doch das typische Wetter der Westküste zu spüren, und die Vorfreude auf die bevorstehende Bootstour zu Neuseelands bekanntestem Fjord, dem 16 Kilometer langen Milford Sound, hält sich in Grenzen. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und mit dem Betreten des Ausflugsschiffes reißt plötzlich die Wolkendecke auf und die Sonne kommt hervor. Im Wasser des Fjordes spiegelt sich der blaue Himmel mit ein paar harmlosen kleinen Rest-Wolken. Gespeist vom Regenwasser, stürzen sich von den umliegenden Bergen kleine und große Wasserfälle in die Tiefe und erzeugen in der Gischt bunte Regenbogen. Den Topf voller Gold versucht aber niemand zu finden, denn jeder weiß – der wahre Reichtum hier liegt in der Schönheit des Fjordes.

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Autor
Anja Haertel