Australien

Australien Nachwuchs bei den Meeresschildkröten

Schildkröte

Es ist kurz vor 18 Uhr, als die Sonne glutrot im Meer versinkt. Nur wenige Minuten später ist es stockdunkel, allein der Mond leuchtet schwach zwischen den Bäumen hindurch. Gespenstige Stille. Wenige Minuten später erreiche ich einen kleinen Platz und stehe plötzlich mitten im Gewusel. Kleine Kinder, Rentnerpärchen, Backpacker - rund 300 Menschen tummeln sich vor dem Eingang des Mon Repos Conservation Park Center an der Ostküste Australiens. Jedes Jahr kann man hier - nahe der Stadt Bundaberg - Meeresschildkröten schlüpfen sehen. Zwischen Januar und März, nach Einbruch der Dunkelheit, brechen die kleinen Schildkröten ihre Eierschalen auf und graben sich an die Oberfläche. Ein Spektakel, das ich mir nicht entgehen lassen möchte.

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Bevor es jedoch los geht, heißt es warten. Jeder auf dem Platz trägt einen kleinen Sticker – mit Schildkröten in unterschiedlichen Farben. Meiner ist rot. Nach einer Weile kommt ein gemütlicher, grauhaariger Mann in den Sechzigern. "Gruppe Gelb", ruft er, und alle mit gelbem Sticker stürzen los. Eine Gruppe nach der anderen verschwindet, während ich durch das eigens eingerichtete Museum rund um die Schildkröten schlendere.

Nach rund fünf Stunden sind alle anderen Gruppen zurück. Ich friere mittlerweile erbärmlich - und dann sind wir endlich an der Reihe. Der bärtige Ranger mit der braungebrannten, faltigen Haut gibt uns eine Liste von Verboten mit auf den Weg. Ganz besonders wichtig: kein Blitzlicht beim Fotografieren! Er greift nach einem Plastikkorb und stiefelt los. Wir stapfen ihm hinterher, durch den tiefen Sand am menschenleeren Strand entlang. Ich lausche dem sanften Rauschen der Brandung. Das spärliche Licht zweier Taschenlampen leuchtet uns den Weg. Alle schweigen. 

Spannung liegt in der Luft

Nach einer Weile bedeutet uns der Ranger stehen zu bleiben und stellt den Korb auf den Boden. Ich sehe nichts, nur Sand und Meer. Ich blicke das junge Pärchen neben mir fragend an, aber allen anderen geht es wie mir - niemand weiß, was jetzt kommt. Und dann zeigt er auf ein Loch im Boden. Und tatsächlich: Irgendetwas bewegt sich. Wie aus dem Nichts erscheint erst eine Flosse, dann noch eine und schließlich ein Köpfchen - so breit wie ein Daumennagel mit schwarzen stecknadelförmigen Augen.

Eine Miniaturschildkröte,  etwas kleiner als meine Handfläche, kämpft sich an die Oberfläche. Der Ranger nimmt sie in seine riesig wirkenden Hände und setzt sie in den Korb. Dann gräbt er behutsam ein Loch in den Boden. Immer mehr Schildkrötenbabys und Eier tauchen auf. Eine nach der anderen wird in den Korb gesetzt. "Damit niemand drauftritt", sagt der Ranger. "Und zum Zählen", ergänzt er dann.

Vom Aussterben bedroht: die Meeresschildkröte

Das Mon Repos Conservation Park Center ist in erster Linie keine Touristenattraktion, sondern dient dem Naturschutz. Weltweit gibt es nur sieben Arten von Meeresschildkröten, und alle gelten als bedroht. Häufig verenden sie in Fischernetzen oder landen - trotz Verbot - als Delikatesse auf dem Teller. Auch die Nist- und Brutplätze sind bedroht. Am Mon Repos Strand legt vor allem die Unechte Karettschildkröte ihre Eier ab. Der Strand wurde daher zum Naturschutzgebiet erklärt. Jedes Ei, das an diesem Strand gelegt wird oder aber schlüpft, wird gezählt. Auch die, die bereits tot im Nest liegen. Das Ziel dahinter: die Schildkrötenpopulation im Auge zu behalten und zu schützen.

Begeistert starren wir auf die 50 bis 60 bläulich-grauen Winzlinge im Korb. Sie sehen rau und schuppig aus, aber auch sehr zerbrechlich. Und dann holt unser Ranger zwei der kleinen gepanzerten Tiere aus dem Korb und streckt mir eine entgegen. "Ganz vorsichtig, die sind noch weich", sagt er und legt mir die Schildkröte zwischen Daumen und Zeigefinger. Und tatsächlich, der Panzer gibt leicht nach und was nach einer rauen Schale aussah, fühlt sich jetzt eher wie eine Katzenzunge an. Irgendwie rau, trocken und ein wenig warm. Mit ihren Flossen rudert sie - unermüdlich wie ein Schaufelradbagger - im Sekundentakt durch die Luft. Ob das nicht erschöpfend sei, fragt jemand aus der Runde. "Klar, aber die können das ab", erklärt der Ranger. "Die rudern, bis sie ins Meer gelangen. Nur so entkommen sie ihren Fressfeinden."

Wissen zum Anfassen

Schon bevor sie das Meer erreichen, sind die kleinen Schildkröten begehrte Leckerbissen. Besonders Vögel haben es auf die Baby-Schildkröten abgesehen. Im Meer warten dann die nächsten Gefahren. Nur jede tausendste Schildkröte erreicht überhaupt das Alter in dem sie Eier legt. Sind sie erst einmal geschlechtsreif, zwischen 20 und 30 Jahren, wie Wissenschaftler vermuten, legen sie bis zu 200 Eier pro Nest. Unvorstellbar, dass diese Knirpse irgendwann über einen Meter lang und bis zu 110 Kilo schwer werden.

Die Mini-Schildkröten wandern von einer Hand zur nächsten. Jeder möchte mal über den zierlichen Panzer fühlen. Da zuckt ein Blitzlicht durch die Nacht. "Nicht mit Blitz habe ich gesagt", poltert der Ranger sichtlich verärgert. "Schildkröten haben ganz empfindliche Augen." Denn ihr Instinkt diktiert dem Nachwuchs, kaum das sie geschlüpft sind, dorthin zu krabbeln, wo dem es am hellsten ist. Am dunklen Strand ist das stets die Wasserkante.

Wettlauf zum Meer

Dann kommt das Finale. Wir reihen uns alle auf, mucksmäuschenstill.  Unser Ranger hebt die Schildkröten aus dem Korb, und schon beginnt der Wettlauf zum Meer. Winzig klein wirken sie auf dem endlosen Sandstrand. Tapfer robben sie, Flossenschlag um Flossenschlag, nach vorne. Im weichen Sand hinterlässt jede einzelne winzige Spuren. Alle zusammen malen sie ein, nahezu fünf Meter langes und bestimmt ein Meter breites, Bild aus Punkten und Strichen in den Sand. Ich bin überrascht, wie schnell und zielsicher jede der Kleinen die Wasserkante findet. Eine nach der anderen läuft zum Meer, wo sie von den dunklen Wellen mit ihren weißen Schaumkronen verschluckt werden.

Sie beginnen ihre Reise durch das große, weite Meer und nur ein Bruchteil von ihnen wird wiederkehren, um genau an diesem Strand ihre Eier zu legen. Die kalte Seeluft weht mir um die nackten Beine und ich habe  zahlreiche kleine, rote Moskitostiche, die furchtbar jucken. Es ist bereits nach Zwölf. Und doch: Das Warten hat sich gelohnt. Denn ich durfte den Beginn ihrer Reise miterleben. "Viel Glück auf eurem Weg - ihr Schildkröten."

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Autor
Konstanze Kaffka