Australien

Australien Ins Wohnzimmer der Aussies

Goldsuche in Australien

Das Haus ist exakt so alt wie der sensationelle Fund, der dieses Kaff in die Schlagzeilen befördert. Wir schreiben das Jahr 1872, als der in Hamburg geborene Bernhard Otto Holtermann und der polnischstämmige Louis Beyers in der "Star of Hope Mine" auf einen gewaltigen Goldklumpen stoßen, der den Alltag im Goldgräberstädtchen Hill End verändert. 214 Kilo wiegt der Brocken, den sie schürfen. Sein heutiger Wert: mehr als sieben Millionen Australische Dollar. Bis jetzt ist der monster specimen, das Monsterexemplar, der Größte seiner Art. Das "Royal Hotel" in der Clarke Street thront frisch eröffnet über dem Ort, der zweistöckige Backsteinbau ist das schickste aller 28 Etablissements in Hill End und profitiert sofort vom Taumel des Goldrauschs: Das Bier fließt in Strömen, das Laster ist allgegenwärtig.

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8000 Menschen drängen sich in dieser Zeit in Hill End, pflügen tagsüber die Erde um, vergnügen sich nachts in Opiumhöhlen oder prassen in Austernbars. Zwei Tageszeitungen berichten vom Lokalgeschehen. Und heute? Tony zapft solo während seiner Abendschicht und begrüßt jeden Gast mit Namen. 80 Einheimische wohnen noch in Hill End. Einer seiner Stammgäste ist Pete Philips. Er kommt regelmäßig auf ein paar Feierabendbierchen vorbei. Sein halbes Leben lang schürft Pete nach Gold. Vier Stunden täglich. Mit bescheidenem Erfolg. 16 Unzen in 26 Jahren. Was er findet, verkauft er in Sydney. "Auf dem Chinesenmarkt sind die Preise am besten, aber ich verkaufe nur an Zahnärzte. Ich will, dass das Gold, das ich finde, bei uns bleibt."

Hill End in Australien
Philip Koschel
Im verlassenen Minenstädtchen Hill End leben heute nur noch 80 Menschen.
Dies ist die Geschichte von "Dad and Dave" und Sam Little. Sams Frau Robyn und er führen in der Tooth Street in Nobby ein Hotel mit dem Namen "Rudd's Pub". Sam ist ein schlauer Kerl, der seinen Historical Pub bis ins kleinste Detail als "a truly unique Australian experience" komponiert hat. Die Legende sagt, dass der Schriftsteller Steel Rudd eine Weile in Nobby lebte, im heritage room dieses Schuppens vorm Kaminfeuer saß und sich dabei die Geschichten einer Farmersfamilie ausdachte, die in Australien jedes Kind kennt. "Dad and Dave" hießen Steels Episoden, sie liefen von 1932 bis 1952 im Rundfunk. Sam übernahm das 1893 eröffnete Hotel 2004 und baute "Rudd' Pub" in eine Steel-Rudd-Gedenkstätte mit Gastronomie und Hotel aus. Der Kult, den er um seine Stätte entfacht, ist gewaltig: Wöchentlich treffen 100 Busse mit Touristen ein, und darüber gehen bis zu 900 Mahlzeiten raus. Für Mr & Mrs Little ist ihr Pub ein großes Geschäft.

Pub - Zentrum des gesellschaftlichen Lebens

Pub - das ist die Kurzform von public house. Tatsächlich stehen diese Häuser noch heute unverändert im Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Im Hinterland ist der Pub nicht nur Vergnügungstempel, sondern auch Versammlungsstätte. Mit Spielzimmer für Kids, Fernsehzimmer für Teens, Esszimmer für Familien, Innenhöfen fürs BBQ, Lounge-Ecken für Frauen und natürlich diversen Theken für die Männer, die sich allabendlich hier treffen und ihren beiden Lieblingsleidenschaften frönen: dem knock-off beer und dem Wetten.

Australien stellt zwar nur ein Prozent der Weltbevölkerung, hat aber 20 Prozent aller Glücksspielautomaten aufgestellt. Jedes Pub-Hotel hat seinen pokie, den Spieleraum. Ob Pferde oder Hunde, Angeln oder Autorennen - es gibt nichts, worauf die Aussies nicht wetten. Dass ihnen beim Bier die Messe gelesen wird, ist jedoch eher ungewöhnlich. In Toowoomba begrüßt Erzdiakon Gary Harch von der StJames' Anglican Church zweimal im Jahr seine Gemeinde im "Irish Club Hotel" und betet mit ihnen. "Wenn meine Schäfchen nicht mehr zu mir kommen, gehe ich eben zu ihnen", sagt er und grinst beim Guinness über seine göttliche Marketingidee.

Promotion
Autor
Hansjörg Falz