Kanada

Grizzlys Braunbären in Glendale Cove

Bären in Kanada

Bären in Kanada

Die Tierwelt von British Columbia

Silbrig schimmert ihr Rücken dicht unter der Wasseroberfläche, mit müden Flossenschlägen kämpft sich das Lachsweibchen flussaufwärts. Bis zum Ziel ihrer Reise, den Laichgründen, sind es nur noch wenige Meter, eine letzte Flussschwelle hier bei der Bucht von Glendale Cove, eine Kurve. Doch diese letzte Etappe führt auch vorbei an einem halben Dutzend brauner, hungriger Augenpaare. Breitbeinig stehen drei Grizzlys in der Flussströmung und lauern auf die Ankunft der Lachse. Möwen dümpeln neben ihnen, ein Reiher harrt am Ufer aus, Weißkopfseeadler sitzen über ihren Köpfen auf Baumzweigen. Wenn im Spätsommer die Lachse zu Tausenden aus dem Pazifik zu den Flüssen zurückkehren, in denen sie selbst einst geschlüpft sind, dann scheint sich die gesamte Tierwelt von British Columbia an ihren Ufern zu versammeln, wie an einem gedeckten Tisch. In den Fjorden ziehen ganze Gruppen von Delfinen, Orcas, Grau- und Buckelwalen umher, Seehunde und -löwen robben dichter heran. Adler, Eisvögel, Gänse fliegen herbei, durch den Wald kommen Schwarzbären dazu – und ihre gewaltigen großen Brüder, die Grizzlys.

Die Tierwelt British Columbias

"Grizzlys sind Einzelgänger", erzählt Tamar Glouberman, "eigentlich halten sie sich voneinander fern. Aber die Ankunft der Lachse ist wie ein Familienfest, die Bären jagen Seite an Seite. Hier ist genug für alle da." Die Bärenführerin begleitet die Gäste der "Knight Inlet Lodge" zu einer der beiden Aussichtsplattformen am Fluss. An wenigen Orten kann man die Braunbären in freier Wildbahn so gut beobachten wie hier, 80 Kilometer nördlich des Städtchens Campbell River auf Vancouver Island: im Frühjahr bei der Balz, im Sommer beim Spiel mit ihren Jungen, im Herbst beim Fischfang.

In der Wildnis gilt: Fressen und gefressen werden

Wie ein Mosaik in Grün und Blau sieht die Landschaft beim Anflug im Wasserflugzeug aus. Oft erkennt man von oben kaum, ob das Glitzern dort unten nun ein Fluss, See oder Fjord ist. Am sandigen Boden des Flusses von Glendale Cove schlüpfen jeden Winter die Lachse aus ihren Eiern: Chum, Chinook, Sockeye, Coho, vor allem aber der sogenannte "pink salmon".

Auch das Fischweibchen, das sich nun die letzten Meter flussaufwärts kämpft, wurde vor gut zwei Jahren hier geboren und hat sich einige Wochen später, gerade mal ein Viertel Gramm schwer, mit dem anschwellenden Frühlingsstrom flussabwärts treiben lassen, hat den Fjord passiert und die Küste erreicht. Zwei Jahre lang ist es durch den offenen Pazifik geschwommen. Nun ist es zurück, nach Hunderten, vielleicht gar Tausenden Kilometern, mit gut zwei Kilo rosafarbenem Fleisch auf den Gräten und dem Bauch voller Eier. Die gilt es abzulegen, jetzt gleich, nur eine kurze Pause noch.

Patsch! Mit einem einzigen Prankenhieb beendet die Grizzlybärin Matsui den langen Weg des Fisches. Bis zu den Schultern im Wasser hat sie gelauert, die Ohren aufrecht, den Blick starr auf den Fisch gerichtet, vollkommen reglos und unter Hochspannung. Denn nicht nur die Lachse erfüllen hier ihre Lebensaufgabe: die eigenen Eier abzulegen oder zu besamen, um sich kurz vor dem eigenen Tod noch fortzupflanzen. Auch für Matsui und für ihre anderthalbjährige Tochter, die jetzt herbeispringt und aus dem Fisch im Maul ihrer Mutter dicke Fetzen herausstibitzt, geht es in diesen Wochen um alles.

Das Große Fressen vor dem Winterschlaf

Nun, wenn die Blätter der Erlen am Flussufer ihren ersten Gelbstich bekommen und die Wolken tief in der Bucht hängen, zählt jeder Fisch. Wenige Wochen noch, dann werden Mutter und Tochter die Berge hinaufstapfen und sich eine Höhle suchen, werden sich vor dem anbrechenden Winter verziehen und von den Reserven zehren, die sie sich jetzt, Lachs für Lachs, anlegen.

Wildlife Watching: Bären im Blick
"Bären haben den perfekten Lebenswandel", lacht der Biologe John Kitchin, der seit fünf Jahren die Grizzlybären von Glendale Cove beobachtet. "Im Herbst fressen sie sich so richtig schön fett. Aber anders als wir bekommen sie davon keinen Herzinfarkt. Sie legen sich ein paar Monate aufs Ohr, und wenn sie im Frühjahr aufwachen, sind sie gertenschlank."

Grizzlybären: Geliebt und gejagt

"Wenn du ein Bär sein willst, sei ein Grizzly", soll der indische Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi gesagt haben. Wenige andere Tiere auf der Welt faszinieren den Menschen so sehr. Ihr flauschiges Fell wurde zur Vorlage für Millionen innig geliebter Teddybären auf der ganzen Welt, ihre Kraft und ihre Klauen machten sie zu einem der meist gefürchteten – und gejagten – Raubtiere. Ihre europäischen Vettern wurden beinahe ausgerottet, auch in Nordamerika geht ihre Zahl immer weiter zurück. In den USA leben vielleicht noch tausend Grizzlybären, fürchten Tierschützer, in Kanada und Alaska könnten es bereits weit weniger als 60.000 sein. Ein Viertel von ihnen ist in British Columbia, Kanadas westlichster Provinz, zu Hause.

Ahornblatt Kanada

Schützt die Grizzlys

"Auch aus Glendale Cove hatte der Mensch die Grizzlys vertrieben", erzählt Bärenführerin Glouberman. Rund achtzig Bären leben heute dauerhaft in den Wäldern und an den Ufern dieser Bucht, etwa ähnlich viele waren es vor der Ankunft der Weißen, vermutet sie. Die hiesigen Ureinwohner, die Kwakiutl, schnitzten ihr Bild jahrhundertelang in ihre Totempfähle und ihre Holzmasken. Dann wurde 1910 eine Fischfabrik in Glendale Cove eröffnet, Lachs für bis zu 60000 Dosen holte man jedes Jahr aus dem Fluss. Die Grizzlys wurden zu Konkurrenten um den Fisch; "sobald ein Bär auftauchte, wurde er erschossen", liest man in Augenzeugenberichten jener Jahre.

Mitte der 1940er Jahre kamen die Holzfäller hinzu, und als sie die Regenwälder an den Ufern der Bucht rodeten, als die Hänge erodierten und der Fluss unter den abgesägten Stämmen und der weggespülten Erde verlandete, da blieben zuerst die Lachse aus. Und bald danach die Grizzlys.

Zurück kamen sie erst in den späten 1980ern, genau wie die Lachse. Das Fischereiministerium von British Columbia hatte zuvor mit speziellen Laichkanälen den Raubbau an der Natur zu korrigieren versucht: Künstliche Schwellen ermöglichen den Fischen nun den Weg zurück zu ihren ursprünglichen Laichgründen. Immerhin ist Lachs einer der wichtigsten Rohstoffe von British Columbia.

Dass auch Grizzlys lebend mehr wert sind als tot, dafür werben der Biologe Kitchin, die Bärenführerin Glouberman und alle anderen Mitarbeiter der "Knight Inlet Lodge" seit Jahren. Noch ist in British Columbia der Abschuss von Bären erlaubt; über eine jährliche Lotterie werden die Jagdlizenzen verteilt. "Dabei nimmt die Provinz über touristische Bärensafaris zehn Mal mehr ein als mit dieser Lotterie", empört sich Glouberman.

Matsui - Die Grizzlybärin aus Glendale Cove

"Man tötet nicht, was man kennt und liebt", beschreibt Kitchin die Mittel, mit denen sich die Lodge für den Schutz der Bären einsetzt: Zwei Mal im Jahr reist der Brite aus seiner Heimat Brighton in diese wilde, einsame Bucht, zu der keine Straße führt; nur Boote und Wasserflugzeuge erreichen Glendale Cove. Hier fotografiert er die Bären und ihre Jungen, gibt ihnen Namen, beobachtet ihr Verhalten, sammelt Haare aus ihrem Fell, um über die DNA-Proben Stammbäume zu konstruieren.

Dank der Bären-Dossiers auf seinem Computer beobachten die Gäste der Lodge nun nicht mehr einen beliebigen Grizzly beim Lachsfang. Sondern Matsui. Matsui, die im Jahr 2010 in Glendale Cove geboren wurde und hier blieb. Die im vergangenen Jahr drei Junge zur Welt brachte, von denen eines, das Schwächste, noch im selben Jahr vom Wolf geholt wurde. Ein zweites begann in diesem Frühjahr plötzlich zu hinken, irgendwann sah man es nicht mehr. Eine Tochter hat Matsui nun noch, und für die holt sie einen Lachs nach dem anderen aus dem Fluss.

Bärenführerin Tamar Glouberman
Ganze zwei Stunden stehen Besucher aus Neuseeland und Australien, aus Europa, den USA und aus ganz Kanada auf der Aussichtsplattform und fiebern mit, wenn Matsui und ihre Tochter auf Lachsfang gehen. Am ersten Morgen haben sie sich noch mit großen Augen umgeschaut und eng beieinander gestanden, als Glouberman beim Aufbruch sagte: "Wir sind hier im Bärenland. Hinter jedem Busch kann sich ein Grizzly verstecken."

Facebook für Bären

Die Bärenführerin kennt das Bild vom zähnefletschenden Raubtier, vor dem sich die Neuankömmlinge fürchten; hier in Glendale Cove möchte sie es durch ein anderes ersetzen. Sie zeigt Kuhlen im weichen Moos: "Die haben sich Grizzlys gescharrt, um sich hier mit dem Bauch zuerst fallen lassen und eine Runde dösen zu können." Sie zeigt einen Amabilis-Baum, dessen dicker, wohl mindestens 150 Jahre alter Stamm von Rissen übersät ist: "Bevor sie ihr Fell daran schubbern, kratzen sie an der Rinde. So bleibt ihr Geruch länger am Baum, und vorbeiziehende Artgenossen können sie besser riechen. Dieser Baum ist das Bären-Facebook."

Sogar zum Datingportal wird der Baum im Frühling: Liebe geht bei Grizzlys über die Nase; sie riechen siebzigmal so gut wie Menschen. "Die Männchen folgen den Weibchen tagelang durch den Wald", erzählt Glouberman. "Anfangs halten sie noch gebührenden Abstand, dann wird der immer kleiner – bis das Weibchen signalisiert, dass es zur Paarung bereit ist.« Die befruchteten Eier jedoch nisten sich erst im späten Herbst in der Gebärmutter ein – und auch nur dann, wenn die Bärin genug Lachse erbeuten konnte, um sich ein ausreichend dickes Fettpolster anzulegen. Sie wird diesen Winter Kraft brauchen: für die Geburt ihrer Jungen nach nur zwei Monaten Trächtigkeit und für die besonders fetthaltige Muttermilch, mit der sie die fast nackten, nicht mal ein Pfund schweren Neugeborenen über die vielen Winterwochen bringt.

"Grizzlys mögen es gemütlich. Ein Angriff oder Kampf ist für sie das letztmögliche Mittel", sagt die Bärenführerin. Mit etwas Glück bringt sie ihre Gäste so nah an die Bären heran, dass sie das Lachsblut von deren Lefzen tropfen sehen. Während die Menschen im Boot dann gebannt auf die Bären starren, beobachtet die Bärenführerin gern die Menschen. Und sieht dabei zu, wie aus Furcht Respekt wird.

Wildlife Watching

Mehr über Bären in der kanadischen Wildnis erfahren Sie in unserem Video:

Und wo Sie Grizzlybären am besten beobachten können, erfahren Sie hier.

Promotion
Autor
Inka Schmeling