Schweden

Schweden Heimat Astrid Lindgrens

Kulisse aus Astrid Lindgrens Welt

Da steht sie also, die Küchenbank aus blau bemaltem Holz. Die Magd kann sie abends ausziehen und sich ein Bett darauf einrichten. Der Schlafplatz von Lina aus den Michel-Büchern. Wenn sie aus dem Küchenfenster schaut, sieht sie den Tischlerschuppen und die Landarbeiterhäuschen. Alle gestrichen in typischem Schwedenrot, ein kupferhaltiger Farbton, der das Holz vor Wind und Wetter schützt.

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Astrid Lindgren (damals hieß sie noch Ericsson) hat hier auf Näs, einem ehemaligen Pfarrhof im kleinen Ort Vimmerby in Småland, oft aus dem Fenster geschaut. Hat ihrer Mutter Hanna Ericsson beim Brotbacken geholfen, den Gesprächen der Eltern, Großeltern, Knechte und Landarbeiter gelauscht, die sich abends am großen Holztisch vor dem Ofen versammelten. Am liebsten aber hat sie mit ihren Geschwistern gespielt. Kickse-Kickse-hu zum Beispiel. Dafür öffneten die Kinder alle Türen, liefen von der Küche ins Schlafzimmer, von dort in die Diele und auf der anderen Seite wieder zurück in die Küche. Begegneten sie sich unterwegs, pieksten sie sich in den Bauch und riefen "Kickse-kickse-hu!" Michel-Fans kennen das aus dem Buch "Michel muss mehr Männchen machen" und wissen: Dabei kann einiges zu Bruch gehen, und die Mägde finden das gar nicht lustig.

Astrid Lindgrens Elternhaus: Inspiration für ihre Bücher

Die Eltern von Astrid Lindgren - Hanna und Samuel Ericsson - schon. Die beiden sind zwar streng und gläubig, aber sie gehen auch liebevoll mit den Kindern um und lassen ihnen zum Spielen viele Freiheiten. "Gewiss wurden wir in Zucht und Gottesfurcht erzogen, so wie es dazumal Sitte war, aber in unserem Spielen waren wir herrlich frei und nie überwacht. Und wir spielten und spielten und spielten, so dass es das reine Wunder ist, dass wir uns nicht totgespielt haben", erinnerte sich Lindgren später. Wer durfte vor hundert Jahren schon durch die Räume der Erwachsenen toben? Sich jederzeit ein Butterbrot schmieren? Oder auf einem Bauernhof, wo jede Hand gebraucht wurde, stundenlang durch die Natur streifen? Astrid Ericsson, geboren am 14. November 1907 auf dem Bauernhof Näs bei Vimmerby, durfte es. Genauso wie im Schlafzimmer der Eltern Nicht-den-Boden-berühren spielen. Sich oben im ersten Stock vom Großvater Geschichten erzählen lassen. Im Heu toben. Draußen beim Pfarrhaus in den hohlen Baum klettern und geheimnisvolle Dinge herausreichen.

Was daraus geworden ist, wissen wir. Der Limonadenbaum, die Kinder von Bullerbü, Figuren wie Pippi oder Michel (der im schwedischen Original übrigens Emil heißt, der deutsche Verlag Oetinger entschied sich für einen anderen Namen, um sich von Kästners gerade erschienenem "Emil und die Detektive" abzugrenzen). Die berühmteste Kinderbuchautorin der Welt. Und gigantische Werbung für eine arme, waldreiche Provinz namens Småland. Denn Tausende  Touristen kommen jedes Jahr nach Schweden, weil sie genau das suchen: das Astrid-Lindgren-Gefühl. Diese Mischung aus Natur und Freiheit, roten Holzhäusern und tiefblauen Seen, Blaubeeren und Barfußlaufen. Die Drehorte der Michel- und Bullerbü-Filme werden in Foren als Insider-Tipps gehandelt. Dabei gibt es einen Ort, wo alles begann. Der nicht nur Kulisse ist, sondern Lebensraum. Der den staunenden (Be-)Suchern die Schwedin des Jahrhunderts, so einer von Lindgrens Ehrentiteln, ein bisschen näher bringt.

1960er Jahre: Lindgren kauft ihr Elternhaus zurück

Es ist Lindgrens Elternhaus in Småland. Ein rotes Holzhaus mit weißer Veranda und Rabatten vor der Haustür, umgeben von Bäumen, Wald und Wiesen. Schon Astrids Großeltern hatten den Hof am Pfarrhaus gepachtet und bewirtschafteten die dazugehörigen Ländereien. Ihr Vater übernahm die Landwirtschaft und blieb dort fast bis ans Ende seiner Tage. Astrid Lindgren lebte auf Näs, bis sie 18 Jahre alt war – und das dunkelste Kapitel ihres Lebens begann. Die Kindheit auf Näs blieb eine Kraftquelle, aus der sie lebenslang schöpfte. In den sechziger Jahren kaufte die Schriftstellerin ihr Elternhaus zurück und richtete es so ein, wie es in ihrer Kindheit aussah. "Die meisten Möbel standen ja noch auf dem Dachboden", erklärt Dana Geisbauer, die deutsche Besucher durch das Erdgeschoss des Hauses führt. Zentrum war die Küche. "An diesem Holztisch saß schon die kleine Astrid, die rosafarbene Tischdecke darauf hat Mutter Hanna gewebt. Das Feuer im Ofen war immer an, denn die Ericssons hatten täglich mindestens zehn Leute zu versorgen. Oben im ersten Stock lebten ja auch noch die Großeltern." Weiter geht es durch die gute Stube, über die Veranda, ins Familienschlafzimmer: Vater, Mutter, Sohn Gunnar, die Töchter Astrid und Stina schliefen gemeinsam in einer Kammer, genau wie die Svenssons auf Katthult. "Den besten Platz hatte in Astrids Augen ihr großer Bruder Gunnar, denn er durfte beim Vater im Bett schlafen", sagt Dana Geisbauer und zeigt auf das schmale Holzbett. "Ab den 60er Jahren schlief Astrid jeden Sommer darin – und freute sich wie ein Kind, endlich den Lieblingsplatz ergattert zu haben."

Es ist, als würde man durch Michels Katthult und Bullerbü zugleich laufen und dazu noch einen Blick in Pippis Villa Kunterbunt werfen. Denn neben dem roten Bauernhaus steht ein zartgelbes Holzhaus mit einer weißen Veranda. Größer und auch ein bisschen eleganter als sein roter Nachbar. "Dieses Haus baute Samuel Ericsson nach der Geburt des vierten Kindes, weil das alte Haus zu klein wurde", sagt Dana Geisbauer. "Dort dürfen wir allerdings nicht hineingehen, denn die Häuser sind immer noch in Familienbesitz und werden von Astrids Angehörigen auch genutzt." Dafür können Besucher nach Lust und Laune durch den Garten streifen, sich unter Eichen und Kastanien ausruhen. Oder in die alte Ulme mit ihrem hohlen Stamm klettern. Denn er steht noch, der Baum, den Astrid Lindgren im Sinn hatte, als sie Pippi Langstrumpf ihr hohles Versteck finden ließ. Daneben wächst mittlerweile ein weiterer Baum, den Kronprinzessin Victoria zur Eröffnung von "Astrid Lindgrens Näs" im Juni 2007 gepflanzt hat. Das Kulturzentrum wurde im Jahr von Lindgrens 100. Geburtstag eröffnet.

Ein Schuppen dient als Vorbild für Michels Tischlerei

Pippi Langstrumpf
Astrid Lindgrens Värld
Wer kennt sie nicht? Pippi Langstrumpf
Neben dem Elternhaus liegt "Boa" (schwedisch für Schuppen), ein kleiner Bücher- und Kunstladen, eingerichtet in dem Häuschen, das Vorbild war für Michels Tischlerschuppen. Der alte Pfarrhof auf dem Gelände ist heute ein Wissenszentrum mit Forschungsbibliothek. Das neueste Gebäude in Näs ist ein Museumspavillon mit Kino und Café. Darin servieren die beiden Schwestern Ann und Emma Sellbrink biologische Bauernküche in frischem Landhaus-Design.

Unbedingt sehenswert ist die Dauerausstellung "Astrid Lindgren für die ganze Welt". Denn darin wird gezeigt, wie es weiterging mit diesem Bauernmädchen Astrid. Denn mit 18 Jahren wurde die Auszubildende Astrid schwanger – von ihrem Chef, einem verheirateten Familienvater. Zur damaligen Zeit im ländlichen Vimmerby ein Riesen-Skandal. Lindgren floh nach Stockholm. Weil die Eltern es ihr nahe legten? Oder um Hanna und Samuel vor dem Tratsch zu schützen? Die Ausstellung versucht das auszuloten. Um Geld für Essen und Unterkunft verdienen zu können, musste sie ihr Kind zu einer Pflegemutter geben. So oft wie möglich besuchte sie den kleinen Lars. Das Geld für die Bahnfahrkarten kratze sie zusammen, indem sie wenig aß. Sie wollte es aus eigener Kraft schaffen. Eine ganz moderne Alleinerziehende. All das zeigt die Ausstellung. Und auch, wie sehr Astrid darum gekämpft hat, ihrem Sohn ein kleines bisschen Näs-Kindheit zu schenken. Wie sie Frau Lindgren wurde. Und als Geburtstagsgeschenk für ihre Tochter 1944 die Geschichte von Pippi Langstrumpf aufschrieb. 

Heute ist das schmucke Städtchen Vimmerby, aus dem Lindgren damals flüchtete, näher an Näs herangerückt. Wie überall wurde rund um den alten Kern Neues aufgebaut. Unter anderem der Theaterpark "Astrid Lindgrens Värld", ein Magnet für Familien aus ganz Schweden. In liebevoll gestalteten Kulissen können Kinder auf Waldbühnen die Geschichten von Pippi, Michel, Ronja, Madita und wie sie alle heißen miterleben. Aber es bleiben Kulissen. Der wahren Lindgren-Welt kommt man 500 Meter weiter auf Näs näher.

INFOS zu Astrid Lindgrens Näs

Astrid Lindgrens Näs, Prästgardsgatan 24, Vimmerby, www.astridlindgrensnas.se. Geöffnet von Mittwoch bis Sonntag, 11 bis 15 Uhr. Im Sommer längere Öffnungszeiten. Eintritt Ausstellungen 80 SEK (schwedische Kronen), Kinder ab 6 Jahre 35 SEK. Führungen durch das Elternhaus auf Schwedisch, Englisch und Deutsch. Für Gruppen bis fünf Personen zusammen 475 SEK, bei mehr als fünf Personen 95 SEK pro Teilnehmer. Vorbuchung empfehlenswert über Tel. 0046/492/769400. Anfang Dezember findet ein beliebter Familien-Weihnachtsmarkt statt.

Anreise: Mit der Fähre von Travemünde nach Trelleborg mit Pkw pro Strecke ab 85 Euro. An Bord der Nils Holgersson Kinderprogramm, schön gestaltete und gut ausgestattete Spielzimmer. www.ttline.com

Hotels: Familien kombinieren Näs am besten mit einem Besuch im Kinderparadies "Astrid Lindgrens Värld" - Astrid Lindgren Welt. Zum Theaterpark gehört ein Campingplatz mit modernen, geräumigen Holzhütten – natürlich in Schwedenrot! Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis im Restaurant Linnea (Tipp: warm geräucherter Lachs), leckeres Frühstücksbufett im Park-Restaurant Majkens Mat. Eine Nacht im Holzhaus mit Eintritt in den Park für eine ganze Familie ab 600 SEK (ca. 71 Euro). Weitere Unterkünfte über www.vimmerbyturistbyra.se

Wo ist Bullerbü?

Rote Holzhäuser, dazwischen alte, hohe Bäume – ganz klar, diese drei Höfe müssen die Vorlage zu Bullerbü sein. In Sevedstorp bei Pelarne ist Astrid Lindgrens Vater aufgewachsen. Seine Kindheit auf den drei Höfen gab ihr die Inspiration für die Bullerbü-Bücher. 15 Kilometer südwestlich von Vimmerby, www.astridsbullerbyn.de

Katthult ist eigentlich Näs. Wer sich trotzdem die Drehorte der Michel-Filme anschauen möchte, muss zu den Höfen Gibberyd bei Rumskulla fahren. Etwa 35 Kilometer nordwestlich von Vimmerby.

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Autor
Bettina Laude