Portugal

Portugal Die Korkarbeiter der Algarve

Die Korkernte an der Algarve.

Ein Baum kann eine Grazie sein. Wie die Finger einer Tänzerin strecken sich seine Äste in den Himmel, mit feinen Gelenken, die Figuren in die Luft malen. Sie winden sich, sie krümmen sich, und das Laub halten sie wie einen Blumenstrauß. Man kann sich verlieben in einen Baum. "Schau, wie schön die Korkeiche ist!", sagt António Domingos. Und: "Der Kork, ich sag's dir, ist ein eigenes Universum. Ein Universum!". Das mit dem Universum wird er noch häufiger sagen.

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António ist ein redseliger und hilfsbereiter Mensch mit einer leichten Neigung zum Kidnapping. "Ich hab nur zwei Stunden", hat er am Morgen gesagt, aber man wird im Lauf des Tages Termin für Termin absagen müssen, da António zu einer kurzen Rundfahrt durch die Gegend lädt, die sich dann doch mehr als zwölf Stunden hinzieht. So ist man gefangen in Antónios altem Auto, auf einer Reise durchs Universum. Durch die montados, die Korkwälder, die hier in der Algarve auf den Hügeln liegen: junge Eichen mit schlanken Fingern, knorrige alte, mit gichtigen Gelenken, wie Großmutters Hand. Vorbei an ausgedörrten Wiesen, wo die Gräser im Sommer die Farbe der Staubpisten annehmen.

"Die Araber haben Öl, wir haben Kork", sagt António. Rund ein Drittel der weltweiten Korkanbaufläche liegt in Portugal, der Großteil davon im Süden des Landes. Was Champagner- oder Weinflaschen schließt, womit Häuser gedämmt und woraus allerhand Kunst- und Gebrauchsgegenstände geformt werden - die Rinde dieses Baumes liefert den Rohstoff. Mit der Axt wird sie vom Stamm gelöst, später gekocht und dann verarbeitet.

Schwarze Hände bei der Korkernte.
Arthur F. Selbach
Rindeflüssigkeit oxidiert an der Luft und verbindet sich mit Harz. Händewaschen bringt da wenig.
António lebt in São Marcos da Serra, einem kleinen Dorf im Hinterland der Algarve. Die weißen Häuschen drücken sich an einen Hügel, unten am Hang stehen die Schweineställe aus Wellblech und oben thront, wie es sich gehört, l'igreja, die Kirche, ganz in Weiß. Früher war das Dorf ein Korkort, heute gibt es immerhin noch António, Korkhändler in vierter Generation. Früher hat António selbst Eichen geschält, aber seine Talente lagen woanders: die Ernte zu begutachten, auszuwählen, woraus man Korken machen kann oder nur Granulat für Dämmplatten, zu sichten, was für Champagner taugt und was nur für Billigwein. António kann stundenlang darüber erzählen: "Weißt du, der Kork ist ein Universum!". Nur ein paar Monate im Jahr lässt sich die Eiche entkleiden. Die Ernte fängt im Mai bei Neumond an, geht bis August, wenn der Südwind heiße, feuchte Luft aus Afrika über die Wälder bläst. Dann schließt der Baum seine Poren, die Rinde wird hart und lässt sich nicht vom Baum ziehen. Erfahrene Korkarbeiter spüren es, wenn sie ihre Axt in die Rinde schlagen, ja sie hören es. "Krrrk", es knirscht, dann ist es noch gut. "Klock", es klopft: Problem, Feierabend!

25 Jahre muss ein Baum wachsen, bis man ihn zum ersten Mal schälen darf

Wenn man die Eiche zu sehr malträtiert, gibt sie sich auf. Wird die Axt zu tief hineingetrieben und verwundet den Stamm, dann wird die Flüssigkeitszufuhr abgebrochen, die Rinde brüchig und der Baum zerfällt, ein Sterben, das sich über Jahre hinzieht. Wer als Korkarbeiter die Axt schwingen will, muss darum erst einige Jahre die Rinden schleppen, darf nebenbei an jungen Bäumen üben, bevor er irgendwann auch die alten Eichen schlagen darf. 25 Jahre muss ein Baum wachsen, bis man ihn zum ersten Mal schälen darf, und da gibt er noch nichts als refugo, Ausschuss, geeignet für Korkmehl, aus dem mit Bindemittel Billigkorken oder Dämmplatten gemacht werden. Neun weitere Jahre muss man bis zum nächsten Schälen warten. "Wenn du einen Baum pflanzt, wird dein Sohn den ersten vernünftigen Kork ernten", sagt António. Die Eiche ist sensibel, aber wenn man sie pflegt, ist sie treu, die ältesten werden trotz Ernte bis zu 200 Jahre alt.

António hält mit seinem Wagen in einem kleinen Wäldchen, hier arbeiten António, Marcelino und José als Korkernter. Sie lehnen sich mit dem Rücken an den Baum, klopfen die Axt mit schnellen Schwüngen aus dem Ellbogengelenk in das Holz, so hat man den besten Winkel und das beste Gefühl, krrrk, krrrk, krrrk, immer wieder, bis ein Rechteck rausgeschlagen ist, das sie vom Baum ziehen, dann das nächste, bis der Baum in einem Streifen von etwa ei- nem Meter Höhe rundum entkleidet ist. Mehr darf man ihm nicht nehmen, denn auch das würde die Eiche zu sehr verletzen. Zum nächsten Baum, einer klettert hoch auf den knorrigen Ast, steht freihändig, ohne zu schwan- ken in drei Metern Höhe, für einen Ge- nickbruch würde es reichen, schwingt die Axt, krrrk, krrrk, krrrk.

"Es ist ein harter Job, aber nirgendwo verdienst du so gut", sagt José. Bis zu 150 Euro am Tag, in einer Gegend, wo es wenig Industrie gibt. Sie reißen sich dafür die Hände auf, das Harz bekommt man wochenlang nicht von der Haut. Und klar, ein Kollege hat mal die Axt im Stamm vergessen, und als er runterrutschte und an ihr hängenblieb, da baumelte sein Daumen ziemlich lose von der Hand. Und einem anderen wurden mal aus Versehen drei Zehen vom Fuß geschlagen, ja, das komme vor. "Aber es ist eine Kunst", raunt António in diesem Wäldchen, das nicht allzu dicht ist. Hier, im Westen der Serra stehen die Eichen mit Abstand zueinander auf den trockenen Hügeln.

Korkernte an der Algarve
Arthur F. Selbach
Die geschälten Abschnitte sind etwa einen Meter hoch, der Rest muss noch ein paar Jahre wachsen.
Einige Kilometer weiter östlich wachsen sie dichter. Man kann das sanft geschwungene Braungrün der Eichenwälder bestaunen, wenn man im Hochsommer von den Hängen bei São Brás de Alportel ins Hinterland blickt. Und weil die Sonne vom Himmel brennt, geschieht, was häufig geschieht: Auf einmal steigt in der Ferne Rauch auf, wird dichter, schon der Funke einer Motorsäge kann eine Katastrophe auslösen. Dieses Mal war wohl ein unbewachtes Feuer schuld, so wird es am Tag danach in der Zeitung stehen. Ein großer Brand zerfrisst 26.000 Hektar Wald, am Stadtrand von São Brás de Alportel müssen Häuser evakuiert werden. Die Schwaden ziehen wie ein seidener, rötlicher Schleier über die Sonne. Das Licht, das auf den Platz vor der alten Kirche auf die Steinplatten fällt, ist rosa. Aber die Menschen in den engen Gassen der Altstadt sind sonderbar gelassen. Sie kennen die Brände, sie kennen den Kork.

São Brás de Alportel war einst eine der Korkhochburgen des Landes. Im Stadtmuseum finden sich noch alte Schneidewerkzeuge und Bilder der ersten Korkbarone. Im 19. Jahrhundert brachten die Bauern die Rinden mit Eselskarren an die Küste, wo sie zu Bojen verarbeitet wurden. Später entstanden erste Fabriken, in denen der Kork weich gekocht und schließlich für Weinflaschen zurechtgeschnitten wurde. Einige kunstvoll verzierte Häuser in den Altstadtgassen erzählen noch von der großen Zeit, die vergangen ist. Heute befinden sich die meisten Fabriken im Norden des Landes, der Kork wird aus dem Süden zur Verarbeitung einmal durchs Land gefahren.

Jeder Baum liefert anderen Kork, dünnere Rinden oder dickere

"Das Geschäft ist schwieriger geworden", sagt António. Auf einmal bremst er. Mitten im Nichts steht eine Mauer aus aufeinandergeschichteten Rinden vor einem Schweinestall. António springt aus dem Wagen, legt eine Streichholzschachtel an die Rinden, murmelt "grosso, delgado", Bezeichnungen für die Dicke der Rinde. Er streicht mit den Fingern über sie. "First, superior", murmelt er. "Flower!", raunt er. Jeder Baum liefert anderen Kork, dünnere Rinden oder dickere, aus denen sich dann größere oder kleinere Korken schneiden lassen. Groben Kork, der nur zum Zermahlen taugt, oder den feinsten flower, der von der Eiche auf teure Champagnerflaschen kommt.

Das hier ist eine gute Ernte, aber António wird natürlich einen Teufel tun und es dem Schweinebauern erzählen, der gleich angestapft kommt, um über seine Rinden zu verhandeln. Eine Stunde sitzen sie im Schatten der Korkmauer. Schimpfen, fuchteln, richten sich empört auf. Am Schluss aber schlagen sie ein. So hat man Geschäfte schon vor 100 Jahren besiegelt. Es wird dunkel. António fährt noch weiter ins Hinterland, über holprige Pisten, vorbei an angeschälten Eichen, die an steilen Wänden hängen, weiß der Himmel, wie die Arbeiter dort hochgekommen sind. Vor einem uralten Steinhaus, mitten in der Ödnis, sitzt ein Mann mit Baskenmütze und mit Furchen im Gesicht, die tiefer sind als die Täler der Serra. António ist 71 Jahre alt, Delfino nennen sie ihn, weil er so ein guter Schwimmer war. Mit 20 schälte er seine erste Eiche. Seine Eltern waren Schweinebauern, die Korkarbeit war für ihn die große Chance. "Damals gab es nichts, nur dich, den Baum und die Axt", sagt Delfino. António hat ihm eine in die Hand gedrückt, der alte Mann schwingt sie leicht aus dem Handgelenk, es ist, als könne er gar nicht anders.

Fast 50 Jahre war er mit seiner Mannschaft von fünf Leuten unterwegs. Der Vorarbeiter trieb am Morgen die erste Axt ins Holz und sagte: "Na graça de deus", Gott zur Ehre, so fingen die Tage an, jeden Sommer. Seine Hände sind vernarbt, weil die Axt eben manchmal abgleitet, "aber es passiert nicht viel, wir haben es gelernt". Einmal, da ist er vom Baum gerutscht, mit nacktem Oberkörper, die knorrige Eiche hat ihm beim Abrutschen die Haut vom Bauch geschält, wie Delfino ihr sonst die Rinde vom Stamm. "Aber es war eine gute Zeit", sagt er. "Die Mannschaft ist deine Familie, nur wenn ein Mitglied zu alt wird, kommt ein neues dazu." Vor vier Jahren wurde er zu alt. "Wenn du anfängst, beim Klettern Angst zu bekommen, weißt du, dass du aufhören musst." Die Sitten sind heute noch die gleichen. Aber früher, da haben sie täglich 50 bis 70 arobas, die Maßeinheit für Korkrinden, abgeerntet, heute sind es vielleicht 30. "Es gibt einfach weniger Bäume", sagt Delfino.

Schraubverschlüsse machen den Korken Konkurrenz

Schuld daran ist dieser Pilz. Phytophthora cinnamomi hat den Korkbestand seit den 1960er Jahren um über ein Drittel reduziert. Und schuld daran sind die Eukalyptussträucher, dieses australische Migrantenpack, das sich breitmacht. Sie wachsen schnell und hoch, lassen sich zur Ernte einfach mit einer Maschine abrasieren. Nur gräbt der durstige Eukalyptus dem Kork das Wasser ab und nimmt ihm mit seinem dichten Blätterwerk das Licht. Und schuld sind außerdem diese bescheuerten Schraubverschlüsse, die sich so praktisch öffnen und schließen lassen und den Korken Konkurrenz machen. "Sie rauben dem Wein den Atem", schimpft António. "Aber die Leute kaufen trotzdem. Es ist traurig." Doch es gibt Hoffnung. Die ganze vergangene Nacht habe er mit den Chinesen per Skype gesprochen, erzählt António auf der Rückfahrt. In China wollen sie jetzt auch guten eigenen Wein trinken, und António hat ihnen erklärt, dass es dafür auch gute Korken braucht. Kürzlich waren seine Partner hier, alles haben sie sich erklären lassen, viel fotografiert. Die Chinesen haben auch Pflanzen mitgenommen, so sind sie nun mal, aber in China sei die Eiche nicht gewachsen. Der Boden, das Klima, so einfach geht das nicht. "Weißt du", sagt er, "der Kork ist ein Universum!"

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Autor
Bernd Volland