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Österreich Wandern auf dem Lechweg

Lechweg

"Am Liebsten würde ich jetzt meine Arme ausbreiten und über die Berge fliegen", sagt meine Tochter und schaut in die tiefe Schlucht neben uns. Zwischen hohen, dunklen Tannen und schroffem Felsgestein schimmert tief unten türkisblau der Lech. Ein wenig Kanada-Atmosphäre, ursprünglich und rau, auf der Etappe zwischen Lechleiten und Steeg.

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Der Lechweg ist ein alpiner Weitwanderweg, den auch weniger geübte Wanderer sehr gut meistern können. Rund 125 Kilometer misst die Strecke des im Juni 2012 eingeweihten Lechwegs. Er führt von seiner Quelle nahe des Formarinsees in Vorarlberg bis zum Lechfall in Füssen im Allgäu. Wir erkunden in drei Tagen rund 30 Kilometer des Wanderweges.

Die erste Etappe der Wanderung startet in Lechleiten, einem kleinen Ort auf rund 1500 Metern Höhe in einem Tiroler Seitental. Der Namensgeber Lech allerdings ist auf dieser Etappe kaum zu sehen. Erst im letzten Drittel der Wanderung zeigt er sich mit seinen tosenden, türkisblauen Wellen. Der Weg dorthin ist ein stetes Auf und Ab, oft auf breiten Waldwirtschaftswegen mit Ausblick auf spektakuläre Bergpanoramen.

Der Vormittag des zweiten Wandertags begrüßt uns mit Dauerregen. Wir sparen uns die Natur-Dusche und fahren mit dem Bus von Steeg ins nächste Dorf Holzgau. Hier heißt es: Schwindelfreiheit testen. Die längste Hängeseilbrücke Österreichs, rund 200 Meter lang, in 110 Metern Höhe und nur einen Meter breit, führt über die Höhenbachschlucht - ein Abenteuer für Wagemutige. Nach der Wackelpartie geht es weiter über neu angelegte Wegstücke und Holzstege durch eine idyllische Wiesen- und Waldlandschaft. Dieser Abschnitt des Lechwegs ist vielleicht das anspruchsvollste Streckenstück, das zum Teil steil ins Lechtal abfällt, atemberaubende Ausblicke gewährt und ganz schön in die Knochen geht. Kurz vor dem Ort Bach erreicht man auf 1200 Meter Höhe die Talstation der Jöchelspitzbahn. Sie bringt Besucher zur Sonnalm auf 1800 Meter Höhe. Ein peferkter Abstecher, um den Weitblick über das Alpenpanorama zu genießen.

Im Juni 2012 wurde der Lechweg eingeweiht und richtet sich auch an weniger geübte Wanderer, die alpines Wandern ohne allzu schweres Klettern suchen. Europaweit soll der Lechweg als Modellprojekt für Wegequalität, Ausschilderung und Etappenaufteilung dienen. Von der Europäischen Wandervereinigung (EWV) wurde er als erster Wanderweg in Europa mit dem Qualitätssiegel "Leading Quality Trails – Best of Europe" ausgezeichnet. Dabei scheint er nicht nur weitgereiste Besucher zu begeistern. "Sogar die Einheimischen entwickeln durch die neue, durchgängige Ausschilderung mehr Bewusstsein für die Schönheit der Region", erzählt die Postwirtin in Steeg.

Der dritte Tag meint es gut mit uns. Der Weg führt mehrere Kilometer direkt am unverbauten Lechufer entlang. Der Fluss fließt nahezu ohne künstliche Eingriffe und ist sehr kalt. Daher gibt es hier kaum Algen oder Plankton - der Grund für seine faszinierende, helltürkise Färbung. Nach einigen Kilometern Flussufer packen wir die letzten Höhenmeter unserer Tour. Ein letzter Kraftakt, dann erreichen wir Häselgehr, unser Wanderziel.

Wir ziehen Bilanz: Vom fast hochalpinen Lechleiten nach Häselgehr haben wir rund 30 Kilometer zu Fuß geschafft, sind rund 1100 Höhenmeter hoch und 1700 Höhenmeter runter gekraxelt. Unmerklich sind wir dabei von der alpinen Landschaft immer näher ans Alpenvorland herangerückt. Für Schreibtischtäter und Großstadtkinder eine gute Leistung. "Wir sollten das bald mal wieder machen", sagt meine Tochter. Ganz bestimmt.

INFO:
Der Lechweg ist in 15 Etappen eingeteilt. Solides Schuhwerk und eine ordentliche Wanderausrüstung sind auf dem Lechweg unerlässlich. Für eine komplette Wanderung von der Quelle bis zum Lechfall sollte man mindestens eine Woche Zeit einplanen. Die Wandersaison dauert von Mai bis Oktober, die gesamte Strecke kann nur zwischen Ende Juni und Anfang Oktober erwandert werden. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten unterwegs: der Formarinsee nahe der Lechquelle, die Hängebrücke bei Holzgau in 110 Metern Höhe und der Doser Wasserfall, der bei Häselgehr aus einer Felsgrotte entspringt und - so sagt man - am 11. November versiegt und am 23. April wieder sprudelt. Wer Action mag, macht einen Canyoning-Stop zwischen Lech und Warth. Die 15. Etappe bringt Wanderer zum Schloss Hohenschwangau und Schloss Neuschwanstein.

Weitere Informationen, genaue Streckenbeschreibungen und Karten zum Download auf der Homepage des Lechwegs: www.lechweg.com

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Autor
Ralf Deckert