Österreich

Österreich Klettern am Klettersteig

Klettern in Hochkönig

Auf halber Höhe zum Gipfel der Grandlspitz, 80 Meter über dem Boden, fängt mein rechtes Bein an zu zittern. Die Fußspitze steht auf einem schmalen Vorsprung, eine Fingerlänge breit. Durchatmen. Konzentrieren. Jetzt kommt es drauf an. Ich blicke an der senkrechten Felswand hinunter – da! – eine größere Kante auf Höhe meines Knies. Ich setze meinen rechten Fuß darauf, verlagere vorsichtig mein Gewicht. Hält. Dann findet meine rechte Hand einen Griff, der tief genug ist. Harter, guter Kalkstein. Einen halben Meter näher am Gipfel.

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"Stehst du sicher?" ruft mir Peter, unser Bergführer, von fünf Meter weiter oben in der Wand zu. Mit der linken Hand öffne ich einen Karabiner und sichere mich über einer Verankerung am Klettersteig. Jetzt lastet mein gesamtes Gewicht auf meinem Gurt, und meine Arme können sich entspannen. "Leg los!" rufe ich ihm zurück. Und Peter legt los, springt wie eine Bergziege an der Wand hinauf, während ich warte bis die zwanzig Meter gelbes Sicherungsseil zwischen uns wieder straff sind. Ich nutze die Pause und lasse meinen Blick schweifen über die schroffen Felsformationen um mich herum und die grünen Almwiesen, die sich über eintausend Meter bergab ziehen bis zu drei winzigen Dörfern unten im Tal.

Ein Eldorado für alle Kletterer

Maria Alm, Dienten, Mühlbach. Das ist die Region Hochkönig: drei beschauliche Orte in den Berchtesgadener Alpen, eingerahmt vom Gebirgszug Steinernes Meer, 60 Kilometer südlich von Salzburg. Über allem thront der Hochkönig. Der 2941 Meter hohe Berg ist ein Eldorado für Kletterprofis – und viel zu schwierig für mich und die elf weiteren Anfänger in unserer Gruppe. Wir müssen erst einmal das Kletter-Einmaleins lernen, bevor wir einen Gipfelansturm wagen.

Deswegen geht es am Tag vor dem Anstieg zum Trainingslager in den Waldseilgarten auf der anderen Seite des Tals. "Hier kann man erste Höhenluft schnuppern und lernen seine Angst zu überwinden," sagt Gerald, unser Bergführer für diesen Tag, mit breitem österreichischen Akzent. Im Fichtenwald, zehn Meter über dem Boden, lerne ich den Umgang mit Karabinern und balanciere auf Seilen von einer Plattform in den Baumkronen zur nächsten. Auf einer Seilbahnstrecke sause ich an einer Seilrolle mit 50 Stundenkilometern bergab. Unter meinen Füßen rauscht das verschwommene Grün der Baumspitzen vorbei. Das aufgeregte Surren der Rolle über meinem Kopf höre ich nicht. Als mir die Luft zum Schreien ausgeht, lache ich lauthals ins Tal hinunter bis die Fahrt schließlich auf einer riesigen Fichte, die alle anderen überragt, endet. Technisch nicht sonderlich anspruchsvoll, aber dafür "A Moads Gaudi", wie der Österreicher sagt.

"Jause" auf der Alm

Als wir alle wieder festen Boden unter den Füßen haben, geht es rüber in die nächste Hütte. Im Winter ist Hochkönig eines der beliebtesten Skigebiete Österreichs, im Sommer schlängeln sich Wanderwege über 340 Kilometer vorbei an urigen Almhütten, die "zur Jaus’n" einladen. Oben auf der Zachhofalm ist die Welt noch in Ordnung. Die Kühe grasen zufrieden auf der Weide, der Kaiserschmarren ist köstlich und die Wirtin im Dirndl heißt wirklich Heidi. Aber auch ein bisschen moderner Zeitgeist mischt sich unter die Tradition. Die Wandersmänner in Lederhosen knipsen eifrig mit ihren Digitalkameras, Nordic Walker und E-Biker genießen ihr Weizenbier im Sonnenschein. Auf den Bänken der Alm trifft sich die kunterbunte Outdoor-Szene. Ich lehne mich zurück, sauge das mächtige Bergpanorama auf und meine den Grandlspitz zu erkennen. Vier zackige Felsspitzen direkt neben dem Hochkönig, 2307 Meter hoch. Da wollen wir wirklich hinauf?

"Etwa fünf bis zehn Prozent unserer Gäste kommen nur zum Klettern in die Region," erzählt Christine Scharfetter vom Tourismusverbandes Hochkönig. Tendenz steigend: Fast 7000 Bergbesteigungen werden pro Jahr verzeichnet, und die Schar der begeisterten Hobbykraxler reißt nicht ab. Dafür verantwortlich ist vor allem die zunehmende Anzahl von Klettersteigen. Knapp zwanzig in allen Schwierigkeitsgraden gibt es bereits in Hochkönig, weitere sollen in den nächsten Jahren folgen. Der Unterschied zum Felsklettern? Im Klettersteig ist die Route zum Gipfel durch ein Stahldrahtseil und Eisenstifte vorgegeben und zusätzlich gesichert. Von Profis oft nur belächelt, sind sie für Anfänger der ideale Kompromiss zwischen Adrenalin und Sicherheit am Berg. "Eine gewissenhafte Planung ist aber trotzdem notwendig," warnt Peter, als wir zum Berg hinaufwandern.

Der Weg zum Gipfel

Zurück am Grandlspitz. Als letzter der Gruppe am Ende steige ich in die Felswand. Nach wenigen Metern im Klettersteig finde ich meinen Rhythmus. Rechter Fuß, rechte Hand. Linker Fuß, linke Hand. Die zwei Karabiner am Eisenstift in den nächsten Seilabschnitt einhaken. Weiter. Mit den abenteuerlichen Seilbahnen von gestern hat das wenig gemeinsam. Ich konzentriere mich nur noch auf die Vorsprünge und Kanten um mich herum. Wie weit noch zum Gipfel? Wie tief bis zum Boden? Berge sind perfekt geordnete Landschaften, sage ich mir, geschliffen von extremer Witterung und der Schwerkraft, die alles erbarmungslos nach unten trägt. So kalt und logisch versuche ich zu denken – sonst beginnen meine Beine wieder zu zittern.

Als ich gegen Mittag auf dem Gipfel ankomme, herrscht dort bereits ausgelassene Stimmung. Ich lege mich flach auf den Rücken, fühle mich hier oben wie der König der Welt. Taghaube, Lausköpfe, Königsjodler, Hochkönig. Über die Berge um uns herum spannt sich ein strahlend blaues Himmelszelt. Am Horizont erkenne ich den Großglockner, mit 3798 Metern der höchste Berg Österreichs. Peter reicht mir einen Flachmann mit Gipfelschnaps, aus dem ich mir einen kräftigen Schluck gönne. Ob es ihm als Führer auch Spaß gemacht hat? Er nickt. "Es geht darum, den Berg gemeinsam zu erleben. Um die Erfahrung und nicht um den Schwierigkeitsgrad," sagt er. Noch ein letztes gemeinsames Gipfelfoto, dann machen wir uns an den Abstieg über die Rückseite des Berges, aus den hellgrauen Felsen zurück in die sattgrünen Almwiesen.

INFO

Kletterneulinge sind im Alpinpark Dienten bestens aufgehoben. Unter kompetenter Anleitung lernt man die Grundtechniken: Einhaken, Abseilen, Sichern. Klettern kann man an einer Kletterwand, am Klettersteig oder nur mit einem Seil gesichert am Berg. Geeignet für Erwachsene und Kinder.

Mit einem Führer ist der Waldseilgarten Natrun ebenfalls für alle Altersgruppen zugänglich. Auf vier Parcours balanciert man über Seile, schwingt sich von Fichte zu Fichte und rast mit der Seilbahn zur nächsten Plattform. In Maria Alm in die Gondel setzen und hinauf zur Bergstation fahren. Der Waldseilgarten ist im Sommer von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

Für Klettertouren in und um Hochkönig sind Markus, Bengt und Sieglinde von der Alpin- & Skischule Maria Alm die besten. Im Programm alles vom ersten Klettersteig bis zur mehrtägigen Alpentour. Im Winter werden auch Skitouren und Eisklettern angeboten.

Für noch mehr Infos über Klettern in Hochkönig, Wandern, E-Biken und Unterkünfte ist Hochkönig Tourismus die beste Adresse.

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In der Region Hochkönig im Salzburger Land können auch Anfänger ihre Höhentauglichkeit testen. Perfekter Ausblick über die Berchtesgadener Alpen inklusive.

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Autor
Kalle Harberg