Lettland

Lettland Luchse im Gauja-Nationalpark treffen

Sandufer der Aa.
          
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Ah, da kommen wieder welche. Neugierig schaut der Biber auf, als zwei Menschen auf dem Fluss auf ihn zugleiten. Sie sitzen in seltsamen Baumstämmen, die nicht aus Holz gemacht sind, jetzt kommen sie in seiner Nähe ans Ufer und setzen sich in den Sand. Auf einmal sehen sie ihn und sind ganz still ... Einer von ihnen holt ein glänzendes Ding hervor, es sieht aus wie ein flacher Stein mit sehr geraden Kanten. Er hält den Stein vor sein Gesicht, dann zeigt er ihn dem anderen Menschen, sie lächeln. Der Biber verschwindet wieder in seinem Bau, er hat noch einiges vor: Es ist Sommer, und er ist gerade bei seinen Eltern rausgeflogen. Er baut sich ein Zuhause.

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Biber gehören zu den Stars bei den Besuchern im Gauja-Nationalpark, der nordöstlich von Riga eine Fläche von etwa 920 Quadratkilometern einnimmt. Seinen Namen verdankt er der Livländischen Aa, die auf Lettisch Gauja heißt. Über 90 Kilometer schlängelt sie sich durch ein bis zu 85 Meter tiefes Tal im Nationalpark, bevor sie in die Rigaer Bucht fließt. Der Park beginnt bei der Ortschaft Segewold (Sigulda), rund 50 Kilometer von Riga entfernt, und reicht bis zu der Kleinstadt Wolmar (Valmiera), die gut 60 Kilometer weiter nordöstlich das andere Ende des Gauja-Nationalparks markiert. Schon Zar Alexander II. soll entzückt gewesen sein, als er die Livländische Schweiz 1862 besuchte. In den 1920er Jahren begann die lettische Regierung, das Flusstal durch Gesetze vor zu großen Eingriffen des Menschen zu schützen.

Der heutige Gauja-Nationalpark wurde 1973 gegründet und gehört mit dem Rigaer Strand zu den beliebtesten Reisezielen der Letten im eigenen Land. Das Zentrum von Segewold wirkt, als hätte das Kind eines Riesen vor gut 100 Jahren auf einer großen Wiese einige Häuser verteilt, dazwischen schattige Alleen, 12.000 Leute wohnen hier. Die größte Allee, die Raina iela, führt nach Norden zur Burg Segewold, im 13. Jahrhundert von deutschen Kreuzrittern erbaut, daneben steht die Neue Burg, ein romantisches Schloss aus dem Jahr 1881.

Im Gauja-Nationalpark gibt es viele Wege zum Wandern und Fahrradfahren

Das Bürogebäude, in dem Valdis Pilats sitzt, steht gleich daneben, ein Haus zum Übersehen, das ist ihm aber egal, er arbeitet als Biologe bei der Parkverwaltung und ist sowieso lieber draußen. Pilats ist 55 Jahre alt, drahtig, graue Haare bis zu den Schultern, aus den Augen blitzt kluge Verwegenheit. "Der Natur im Gauja-Nationalpark geht es ganz gut, seit einigen Jahren haben wir wieder mehr Luchse, ein paar Dutzend etwa", sagt Pilats. "Die sind aber sehr scheu, man hat großes Glück, wenn man einen zu sehen bekommt. Es gibt im Park viele Wege zum Wandern und Fahrradfahren, aber am meisten erleben Sie bei einer Kanufahrt auf dem Fluss: Dort leben nicht nur Biber und Otter, sondern auch Reiher und Störche, weiße und schwarze." Vor allem kommt man dabei ganz nah an die schöne Kulisse, die der Fluss sich selbst in Jahrtausenden aus dem Boden geschmirgelt hat: Die Felswände aus rötlichem Sandstein, die auf vielen Etappen gleich neben dem Fluss mehrere Meter hoch aufsteigen, schroff, fein gemasert, unter dem dunklen Wald in der Sonne leuchtend.

Burg im Gauja-Nationalpark
Arthur F. Selbach
Auf den Landgütern und Burgen versetzt es den Besucher in vergangene Zeiten.
Wahrscheinlich hat die Gauja vor Jahrtausenden auch die Höhle aus dem Stein geleckt, die so viele Besucher anzieht: Die Gutmannshöhle nördlich von Segewold. Sie ist fast 20 Meter tief und rund zehn Meter hoch, der Legende nach soll hier einst ein Wunderheiler gehaust haben - ein guter Mann also, daher der Name. An diesem Nachmittag steht ein junges Paar in der Höhle, er hat den Arm um ihre Schultern gelegt, mit der anderen wuschelt er staunend durch seine blonden Haare, beide schauen nach oben - und lesen. Denn bis ganz oben sind die Wände über und über bedeckt mit Wörtern und Zahlen, manche mehrere Jahrhunderte alt. "C. SATTLER 1836" steht in einem Wappen, rechts davon lässt sich eine "1796" erkennen, etwas weiter "A.B. 1951", ein Stück höher "DANKE 1883", dazwischen kyrillische Schriftzeichen, manche sind bewachsen von Moos und grauen Flechten.

Schon von Weitem ist die Burg Treyden sichtbar

Bis ins 20. Jahrhundert hinein haben Menschen Geld damit verdient, dass sie sich mit Leitern in die Höhle stellten und für Besucher Botschaften in die Wand ritzten, Worte für die Ewigkeit sollten es wohl werden. Das Paar geht weiter, wir wünschen den beiden das Beste. Manchen Liebenden brachte die Höhle wenig Glück: Über ihr liegt die Burg Treyden (Turaida), wo im 17. Jahrhundert eine schöne Frau namens Maija lebte. Eines Tages ging sie hinab zu der Höhle, um ihren Geliebten zu treffen, doch dort lauerte ihr stattdessen ein Soldat auf, um ihr nach der Ehre zu trachten. Maija flehte um Gnade und versprach, ihm ihr magisches Halstuch zu schenken, es werde ihn unverwundbar machen, er könne es an ihr ausprobieren.

See im Gauja-Nationalpark.
Arthur F. Selbach
Idyllisch: Mehr als 9000 Seen, Teiche und Tümpel gibt es im Gauja-Nationalpark.
Der Soldat schlug sie mit seinem Säbel, traf ihren Hals und tötete sie - so nahm sie ihre Ehre mit ins Grab, das noch heute im Burggarten zu bestaunen ist. Es markiert die Jahre 1601 und 1620 als Anfang und Ende ihres kurzen Lebens. Der Park vor dem Grab des Mädchens verwandelt sich im Sommer in ein leuchtendes Blütenmeer, aus dem ein süßer Duft zur Burg hinüberweht. Die Festung, die 1214 durch den Erzbischof von Riga errichtet wurde, ist heute eine Ruine, aber der Turm wurde in den 1950er Jahren behutsam renoviert: Über Kilometer hinweg gleitet der Blick von seiner Spitze über die Wälder, ins Tal und auf den glitzernden Fluss.

Der größte See im Gauja-Nationalpark ist der Orellener See

Wohl 9000 Teiche, Tümpel und Seen verteilen sich in der Landschaft, der größte ist der Orellener See: In seinem Schilf quaken Frösche, Libellen flirren über das Wasser, Störche und Reiher staksen am Ufer entlang und lassen plötzlich ihre Schnäbel ins Wasser schießen, um Fische zu schnappen. Nicht weit davon steht Ivars Zemitis im dunkelgrünen Anzug, und bei ihm hakt es gerade ein wenig. Der 77-Jährige führt Besucher durch Orellen (lett. Ungurmuiza), ein Jahrhunderte altes Landgut, doch gerade jetzt bekommt er die Tür nicht auf. "Man muss etwas ruckeln, dann geht's schon", sagt Zemitis und schiebt einen großen Schlüssel im geschmiedeten Schloss am Eingang des Hauptgebäudes hin und her. Das Schloss so groß wie ein Briefkasten, und tatsächlich, es springt auf. "Sehen Sie", ruft Zemitis, "280 Jahre alt und funktioniert immer noch!" Anfang des 18. Jahrhunderts kaufte der deutschbaltische Baron Balthasar von Campenhausen das Gut Orellen und ließ dort 1732 ein Gutshaus errichten, ganz aus Holz, rot mit weißen Tür- und Fensterrahmen, so leuchtet es noch heute.

Schlucht im Gauja-Nationalpark.
Arthur F. Selbach
Immer weider kreuzen tiefen Schluchten den Weg im Gauja-Nationalpark.
"Schauen Sie sich die Wandmalereien an", begeistert sich Zemitis und streicht sein weißes Haar glatt, als er die Gäste durchs Haus führt. "1753 bekam das Haus ein Obergeschoss, und aus der Zeit stammen auch diese prächtigen Bilder." Goldgelbe Felder und grüne Bäume zieren die Wände, einige der Malereien schlummerten Dekaden lang unter einer Schicht aus Putz, wie durch ein Wunder haben sie kaum einen Schaden davongetragen.

Im Ersten Weltkrieg plünderten russische Kosaken das Gebäude, trotzdem blieben Teile der Familie bis 1939. Später wurde es von den Sowjets verwüstet, erst in den 1990er-Jahren begann die Sanierung. "Als ich klein war, war das hier eine Ruine", erinnert sich Zemitis. "Das Obergeschoss war komplett eingefallen. Heute haben wir dort Zimmer, die wir Reisenden vermieten." Viele Besucher sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs in die Kleinstadt Wenden (Cesis), einige Kilometer östlich von Orellen. Schmale Gassen winden sich durch die Altstadt mit ihren einst prachtvollen Bürgerhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, geschnitzte Blüten und Girlanden leuchten an den Haustüren, der Lack ist ein bisschen ab, aber das Flair ist noch da.

Auf eine gruselige Reise in finstere Verliese

Um 1210 errichtete der Schwertbrüderorden in Wenden die Burg, deren Grundmauern heute noch stehen. Wer die finsteren Verliese anschauen will, wird auf eine gruselige Reise geschickt: Am Einlass bekommt jeder Besucher eine Laterne mit einer Kerze in die Hand, damit geht es dann in die Burg - auf eigene Faust. Es ist zappenduster, die Treppen im Turm sind schmal. Plötzlich ein Aufschrei! Ein Junge ruft aufgeregt auf Russisch nach seiner Mutter, aber es ist alles gut, er hat nur eine tote Fledermaus gefunden. Von denen gibt es auch etliche lebendige hier, sie fühlen sich wohl in den engen Schächten der Burg. Die Wanderung endet am Neuen Schloss, das im 18. Jahrhundert von Karl Graf von Sievers erbaut wurde. Heute ist es das Wendener Museum für Geschichte und Kunst. Auf dem Dach weht die lettische Flagge, für die Letten ein Ort mit strahlender Symbolkraft: Zu Zeiten von Glasnost und Perestroika wurde hier ihre Nationalflagge zum ersten Mal wieder gehisst, und zwar schon 1988 - noch vor der offiziellen Ablösung von der Sowjetunion.

Das Dorf Ligat (Ligatne) liegt in einem flachen Tal zwischen Segewold und Wenden, umgeben von Wäldern aus dunklen Tannen, tagsüber hämmern die Spechte, nachts hört man die Uhus rufen. Ligat ist bekannt für seinen Sowjetbunker, 2000 Quadratmeter Beton voll mit alten Abhöranlagen und militärischen Lagekarten, und wer am Wochenende eine Führung mitmacht, bekommt ein Mittagessen im sowjetischen Stil: halb durchsichtige Teigtaschen gefüllt mit grauem Fleisch - ein System, das seine Menschen so ernährt, kann ja nur zusammenbrechen. Wahrscheinlich bekommen sogar die Tiere im Freigehege von Ligat etwas Besseres zu essen: Sie wurden entweder verletzt gefunden oder sind Schenkungen von anderen Zoos, die keinen Platz mehr für sie hatten, wie die Bären, die früher im Zoo von Riga lebten und jetzt im Wald des Gauja-Nationalparks in der Erde nach kleinem Getier pulen.

Die Route durch die Anlage ist gute fünf Kilometer lang, Eulen dösen in ihren Volieren, Elche trotten gemütlich über die Wiese, und irgendwann führt der Weg zu den Schurken des Geheges: Kreuzungen aus Wolf und Hund, fiese Typen, die nichts mehr an sich haben von der Zutraulichkeit des Hundes und der Scheu des Wolfes. Diese Bastarde überfallen in der Wildnis nicht nur Menschen, sondern auch Wölfe, und glauben Sie uns, man sieht es ihnen an. Ohne Furcht blicken sie dem Besucher in die Augen, als würden sie denken: "Freundchen, wenn hier mal ein Loch im Zaun ist, dann geht's rund." Ganz anders die Wildschweine, sie grunzen freundlich und meistens kriegen sie auch Brot oder Obst ins Gehege geworfen, das finden sie natürlich klasse. Man darf die Tiere zwar nicht füttern, trotzdem machen die Leute es. Es ist eben ein starkes Band zwischen Mensch und Natur. Außerdem, bitte, es sind Schweine, die vertragen doch sowieso alles. Wie wir.

Nach einem Besuch im Gauja-Nationalpark lohnt ein Abstecher in die lettische Hauptstadt Riga, die 2014 europäische Kulturhauptstadt ist.

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Autor
Burkhard Maria Zimmermann