Lettland

Lettland Das Spiel mit dem Stil

Jugendstil in Riga

„Riga ist ein riesiger Zoo und ein Märchenland“, verspricht Maik Habermann, wenn Kinder zu seinen Besuchergruppen gehören. „Ich bin gespannt, welche Tiere und Fabelwesen Ihr entdecken werdet!“ Und es sind nicht nur die Kleinen, die dann suchen und finden, was der deutsche Stadtführer verspricht. Da sind der lauernde Fuchs und die drei Gänse am Haus 12/14 in der Kalkstraße (Kalku iela), der monströse Affe am Portal der Nummer 12 a in der Schulenstraße (Skolas iela), die buckelnde Katze auf dem Turm des Geschäftshauses Kleine Schmiedestraße 10 (Meistaru iela) und der grimmige Drachen vor der Antonienstraße 8 (Antonijas iela).

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Viele dieser Motive haben eine Bedeutung, der sich spreizende Pfau, der im Fassadenmittelfeld der Großen Sandstraße 2 (Smilsu iela) sein Rad schlägt, ist zweifelsohne ein Symbol für die Eitelkeit. Doch einige der Figuren entstanden aus purer Lust an der Schönheit: Am Haus mit dem Pfau trägt etwa ein rankes, anmutiges junges Weib mit langem Haar und vollen Brüsten als Karyatide den zentralen Erker des Hauses. „Sie ist Rigas schönstes Mädchen aus Stein“, sagt Habermann. „Übrigens können Sie vielen nackten Frauen in der Stadt begegnen!“

In Riga wird jeder zum Hans Guck-in-die-Luft, Habermanns Gefolgsleute lassen die Schaufenster kalt. Sie staunen die Fassaden empor und lassen die Sinne von den geschmeidigen Formen des Jugendstils umschlingen. Es ist normal, dass man zuweilen die Bäume vor lauter Wald nicht sieht. Gerade in der Altstadt muss der Stadtführer auf viele Jugendstil-Applikationen erst aufmerksam machen, weil man sie in der Masse der Dekors übersieht.

Vorliebe für Verschnörkeltes

Wenn St. Petersburg die Stadt des Klassizismus, Dresden die des Barock und Florenz die der Renaissance ist, so kann die Stadt des Jugendstils nur Riga sein. Es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, dessen Bild so stark von ihm bestimmt ist. Auf der Unesco-Welterbe-Liste stehen Alt-Riga und die Neustadt als „hochwertigste Ansammlung von Jugendstilbauwerken“. Ihre 800 Gebäude machen in den zwei zentralen Stadtvierteln 40 Prozent aller Häuser aus. „Es ist schon erstaunlich“, sagt Habermann, „dass fast alle in einer kurzen, hoch kreativen Periode von der Wende zum 20. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg gebaut wurden.“

Riga muss damals erschrocken gewesen sein von der eigenen Dynamik. Es war die Zeit rascher Industrialisierung und rasanten Wachstums, die Einwohnerzahl explodierte von 300.000 auf 500.000, der Bedarf an Wohnungen war enorm. Die Schleifung der Befestigungsanlagen, die die kleine Altstadt umgaben, hatte bereits um 1860 die Möglichkeiten zur Stadterweiterung geschaffen. Die alten Holzhäuser jenseits der Wälle wurden abgerissen, um Platz für Neubauten zu schaffen. Am Grüngürtel des Schützengartens (Kronvaldpark) und des Wöhrmann’schen Gartens entstand ein prächtiger Boulevardring mit Häusern im Stil des Historismus. Doch schon bald forderte der Zeitgeist neue Bauformen: Die soziale Umwälzung während der Boomjahre hatte ein wohlhabendes lettisches Bürgertum hervorgebracht, das in neue Miet- und Geschäftshäuser investierte.

Anno 1900: Riga auf dem Weg nach oben

Europaweit rebellierte zu dieser Zeit eine Generation junger Architekten gegen die trivialen Stilnachahmungen ihrer Väter. Sie befreiten sich von der Schwüle des Historismus und Eklektizismus. Ihr Leitmotiv war die Sehnsucht nach Schönheit, die sich in einer neuen Schule niederschlug: dem Jugendstil, so genannt in Deutschland, Lettland, Holland und Skandinavien, Art Nouveau in Frankreich, Belgien und England, Sezession in Österreich-Ungarn, Modernisme in Spanien und Stile Floreale in Italien. Er präsentiert sich keineswegs einheitlich, sondern in einer Vielfalt von unterschiedlichen Strömungen.

Auch in Riga ist schwer zu definieren, was genau den Jugendstil ausmacht. Kongenial sind die völlige Freiheit der Fantasie und Kreativität, die Berufung auf eine erneuerte Naturauffassung, dekorativ geschwungene Bänder, die Betonung der Linie, ornamentale Formen, plastisches Dekor mit symbolischem Sinngehalt und der Verzicht auf das Symmetrische. Es gibt aber durchaus Widersprüchliches: Funktionalität, Klarheit und strenge Muster des Geometrischen Jugendstils bestehen neben dem Naturmystizismus des Symbolischen Jugendstils.

Jugendstil ist Freistil, alles ist erlaubt

In seinen Spielarten wird der Jugendstil zum Freistil. Sein Triumphzug beginnt in Riga im Jahr 1899. Das Haus Nr. 7 in der Weberstraße (Audeju iela) gilt als erstes Jugendstilhaus der Stadt. Geschmückt mit Pflanzenmotiven und Darstellungen blühender Bäume ist es ein schönes Beispiel der Biologischen Romantik. Zwei Jahre später, 1901, inspirierte die von dem neuen Stil geprägte Jubiläumsausstellung für Industrie und Gewerbe zur 700-Jahr-Feier Rigas viele Bauherren und Baumeister. Die Pavillons dieser kleinen Expo auf der Esplanade, dem Paradeplatz, wurden von Hunderttausenden bestaunt. Wenn Maik Habermann heute die zum Park gewachsene Esplanade durchquert und einen stattlichen neogotischen Gebäudekomplex ansteuert, dann ist er daran gewöhnt, dass mancher in seiner Gruppe zweifelnd guckt: Geht’s hier wirklich zum Jugendstil?

Die Lettische Kunstakademie, 1902 bis 1905 als Kommerzschule des Rigaer Börsenvereins erbaut – später das Rigaer Deutsche Gymnasium –, ist eine letzte architektonische Synthese: Neogotik außen und Jugendstil innen. Von der Halle führt eine Freitreppe zu einer Galerie mit einer gotischen Fensterfront, die mit farbiger floraler Jugendstilglasmalerei ausgefüllt ist. Ihre Leuchtkraft ist überwältigend. Vor dieser Malerei, auf der Galerie, stand wahrscheinlich auch Heinz Erhardt. Der spätere berühmte Komiker brillierte hier 1925 als Schüler in Theaterrollen. In der Aula, unter einem Tonnengewölbe mit Pflanzendekor, spielte er auf der Orgel, zur täglichen Morgenandacht und an Gedenktagen.

Jugendstil in Riga, Albertstraße
Natalie Kriwy
Mal pompös, mal dezent dekoriert: Die Fassaden an der Albertstraße 12 und 13
Rund um die Elisabethstraße (Elizabetes iela), nördlich der Esplanade, stehen die prächtigsten Häuser des Rigaer Jugendstils – dort, wo man den Blick immer wieder von den Fassaden lösen muss, um nicht mit anderen Menschen aus aller Welt zusammenzustoßen. In der Albertstraße (Alberta iela) ist jedes einzelne der fast zwanzig Häuser sehenswert, der Weg durch diese Straße eine geradezu rauschhafte Jugendstil-Wallfahrt. Auf nur 190 Metern lassen sich hier viele Stilrichtungen studieren. Wer sich in die Fassaden vertieft, der wird von einer ganzen Flut von Empfindungen überrollt.

Der verrückte Zuckerbäcker

Michail Eisenstein hieß der Mann, der das Bild dieser Straße geprägt hat. Der bekannteste Rigaer Jugendstilarchitekt hatte von 1903 bis 1906 ein Quasi-Monopol als Baumeister der Albertstraße. Verschwenderisch gestaltete er seine Fassadenflächen aus – mit dem Ehrgeiz, keinen Raum ungenutzt zu lassen. Seine Requisiten sind Medusenköpfe mit zum Schrei geöffneten Mündern, geflügelte Löwenreliefs, theatralische Masken, barbusige Figuren, dämonische Fratzen. Sie krönen Gesimse und Portale, fügen sich in Girlandenreihen, florale Muster, Ornamente, Kreise und Ovale ein. Diesen „Dekorativen Jugendstil“ muss der lettische Jugendstilexperte Janis Krastins gemeint haben, als er von „Musik in Stein“ sprach. Für andere Kritiker berührt das üppige Dekor Eisensteins die Grenze zur Geschmacklosigkeit.

Eisenstein, der „verrückte Zuckerbäcker“, wie er ironisch in seiner frühen Schaffenszeit genannt wurde, zeichnete zunächst akribisch die Fassaden, erst dann plante er die Gebäudeaufteilung dahinter. Ganz allgemein folgt sie bei den großbürgerlichen Häusern immer demselben Prinzip: Die Wohnungen hatten meistens mehr als sechs Zimmer, längsseits der Straße lagen Salon, Esszimmer, Gastzimmer, Kabinett, auf der Rückseite Schlafzimmer, Küche, Stube für Dienstmädchen und Toilette. Maik Habermann führt seine Gruppe ins Rigaer Jugendstilmuseum. Es befindet sich an der Albertstraße 12 und wurde von dem äußerst produktiven Architekten Konstantins Peksens gebaut, der die Pläne für mehr als 200 Jugendstilhäuser entwarf.

Jugendstilmuseum in Riga
Natalie Kriwy
Wendeltreppe im Korridor der Albertstraße 12
„Von Eisenstein dagegen gibt es keine zwei Dutzend“, sagt der Stadtführer. Im ovalen Treppenhaus, das den Eindruck erweckt, als sei das Haus drumherum gebaut worden, schraubt sich eine üppig verzierte Wendeltreppe bis in den fünften Stock. Das Haus gehört zwei älteren deutschbaltischen Damen, die es nach der Rückübertragung an die Stadt Riga vermietet haben. In den heutigen Museumsräumen lebte Peksens vier Jahre lang, von 1903 bis 1907. Zwar gehörten die ausgestellten Möbel und Kunstwerke nicht ihm – aber sie sind, oft mühevoll beschafft, authentisch für die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts, von der Einrichtung des lichten Salons mit Wintergarten bis zur Ausstattung der Küche.

Das Ideal des Jugendstils ist hier Realität geworden: Interieur und Gebäude bilden ein Gesamtkunstwerk, verbinden Funktionalität, Schönheit und Natürlichkeit auf eine harmonische Art und Weise. Fehlt nur die Dame en grande toilette.

Wenn Dekor wichtiger ist als alles andere

Wohl kaum jemand residiert heute noch so, aber wer lebt überhaupt in den großen alten Mietshäusern Rigas, wenn sie nicht Büros, Behörden oder Konsulate beherbergen? „Häufig Mieter, die zu Eigentümern geworden sind“, erklärt Habermann, „und das bekam den Häusern nicht immer gut. Schon in der sowjetischen Zeit fehlte Geld, war weder da für die Instandhaltung noch für den Abriss.“ Nach der Wende entledigte sich die Stadt Riga oft dieser Last. Die Bewohner erhielten Privatisierungscoupons, also Gutscheine, die sie für den Erwerb einer Wohnung verwenden konnten. Sie renovierten und verschönerten, aber das endete an der Innenseite ihrer Wohnungstür. Für das Gebäude und die Korridore selbst blieb nichts übrig. Auch nach der Rückübertragung an Alteigentümer gab es Probleme, Häuser verfielen, weil sich Erbengemeinschaften nicht einigen konnten.

Ein Blick in die schönen Korridore bleibt Gruppen heute leider meist verschlossen. In der Felliner Straße Nr. 1 (Vilandes iela, Zugang von der Elisabethstraße) hilft der Zufall. Habermann schlängelt sich hinter einer eintretenden Frau in den Flur und hält dann die Tür auf. Der Trick lohnt sich: Im Deckengewölbe des Vestibüls sind Tag- und Nachtlauf durch Morgenstern, Sonne, Abendstern, Mond, Frosch, Hahn, Bienenvolk und Fledermaus dargestellt – naiv-romantisch verklärt und umrankt von Rosen und Margeriten.

Auf das dekorative Übermaß des Stils wird in der Nationalromantik, der überwiegend in Skandinavien verbreiteten Art des Jugendstils, verzichtet. In Riga blühte diese Architekturform zwischen 1905 und 1911 auf und spiegelte das Bewusstsein einer neuen nationalen Identität wider. Die Architekten ließen sich von alten lettischen Holzhäusern und volkstümlichen ornamentalen Formen inspirieren und bevorzugten natürliche regionale Materialien wie Kalktuffstein und Granit.

Maik Habermann lässt seine Gruppe in die Straßenbahnlinie 11 einsteigen. Kaiserwald (Mezaparks) heißt das Ziel. Dort, im Norden Rigas, entstand in kiefernbewachsener Dünenlandschaft ab 1901 die erste Gartenstadt des Kontinents. Viele deutschbaltische Rigenser siedelten sich hier an. Bis 1914 wurden 109 Wohnhäuser auf schönen Parkgrundstücken gebaut. Fachwerkverzierte Holz- und Steinfassaden, Krüppelwalmdächer, Mansarddächer, Erker mit Türmchen, Balkons, Veranden und Freitreppen sind die Dekorationen großbürgerlicher Lebensart. Die stilvollsten Anwesen, manche mit Pförtnerhaus, liegen an den nach Hansestädten benannten Straßen (Hamburgas, Stokholmas und Libekas iela). In den zwanziger und dreißiger Jahren hatten sich Fabrikanten, Kaufleute und lettische Intellektuelle in dem Nobelvorort angesiedelt.

Mit der Herrschaft der Sowjets begann der Niedergang der Gartenstadt. Ihre Bewohner waren geflüchtet oder aus ihren Häusern verjagt worden. Die prächtigen Villen, jeweils von mehreren Arbeiterfamilien bewohnt, teilten das Schicksal der Verwahrlosung mit den Jugendstilgebäuden in der Stadt. Seit Lettlands Unabhängigkeit hat sich hier viel getan. Die meisten Villen sind von wohlhabenden Eigentümern aufwendig restauriert worden. Es gibt aber auch Neubauten. Dass an einigen der Fassaden sogar dezent Jugendstilelemente vorkommen, spricht für die bis heute anhaltende Faszination des Jugendstils, dessen Periode ungestüm und kurz war: Sie hatte gerade mal von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg gedauert.

Promotion
Autor
Tibor M. Ridegh