Lettland

Lettland Das leichte Leben am Rigaer Strand

Villenort Majorenhof

Lettland ist der mittlere der drei baltischen Staaten und befindet sich im Nordosten Europas angrenzend an Russland, Litauen, Estland und Weißrussland. Von Deutschland ist Lettland etwa 1.100 km Luftlinie entfernt.

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Aber was genau erwartet Sie in Lettland eigentlich?

Neben einem gemäßigten bis kühlen Klima, einem weitem Sandstrand an der rauen Ostsee, der alten Hanse- und Hauptstadt Riga mit einer wunderschönen Altstadt, säuerlichem und deftigem Essen, erwartet Sie aber vor allem eins: Erholung. Nicht unberrechtigt wird das Land mit seinen zwei Millionen Einwohnern auf einer Fläche von 64.589 km², die ungefähr so groß wie Bayern ist, als beliebter Kurort gehandelt.

Der Reise-Autor Jochen Könnecke nimmt Sie bei seiner Reisereportage mit an den Rigaischen Meerbusen der Ostsee - lehnen Sie sich einfach zurück und lassen Sie sich treiben. 

Reisereportage: Lettland - das leichte Leben am Rigaer Strand 

Nailia blickte gebannt aus dem Fenster: "Jurmala. Jetzt sind wir in Jurmala!" Der betagte Bummelzug aus Riga ruckelte langsam über wackelige Schienen und hatte gerade einen schmalen Fluss überquert. Mir fiel nichts weiter auf, links und rechts des Bahndamms standen einige verfallene Holzhäuschen in einem lichten Kiefernwald, und so saß ich neben meiner Freundin auf der hölzernen Bank im vollbesetzten Abteil und wartete einfach ab.

Dzintari, Majori, Dubulti - wie im Schlaf kann ich heute die lettischen Namen der Bahnstationen aufzählen. Es sind ein gutes Dutzend auf einer Strecke von rund 30 Kilometern. "Stadt auf der Welle" nennen die Touristiker Jurmala heute, diesen Ort, den es eigentlich gar nicht gibt. Jurmala, zu Deutsch Rigaer Strand, ist eine Ansammlung von Dörfern, die sich auf der teilweise nur wenige 100 Meter breiten Landzunge zwischen der Ostsee und der Flussmündung der Kurländischen Aa (Lielupe) aneinanderreihen. Man ahnt nicht unbedingt, dass es jenseits der Schienen einen weiten, weißen Strand gibt: das größte Seebad des Baltikums.

"Jetzt kommt Pumpuri", rief meine Freundin mir zu. "Wir müssen aussteigen!" Schnell warfen wir unser Gepäck aus dem Waggon und stiegen aus. Vogelgezwitscher, sonst Stille. Der Wind wehte leise. Nailia sah sich um. Zielstrebig nahm sie Kurs auf einen Trampelpfad entlang der Gleise. Nach kurzer Zeit waren wir da. Ein kleines Holzhäuschen mit Garten, leider völlig verfallen. Die Fenster eingeschlagen, die Türen offen. Dies war die alte Datscha, in der Nailia über zehn Jahre lang ihre Sommerferien erleben durfte.

Und dann die Überraschung, nachdem wir es gewagt hatten, das Haus zu betreten: Wörter, wahrhaftig erhaltene Wörter von Nailia, die sie als Kind oder Jugendliche an die Tapete ihres kleinen Zimmers gekritzelt hatte. In diesem Moment war meine Freundin angekommen, wieder angekommen in ihrem Jurmala, dem Ort ihrer schwierigen, aber auch schönen Kindheit.

Im realsozialistischen Alltag der Sowjetunion war es ein großes Privileg, im Sommer hier eine Datscha bewohnen zu dürfen. Anfang Juni, wenn die langen Schulferien begannen, wurden in voll beladenen Lieferwagen beinahe ganze Hausstände von Riga an den Strand transportiert. Dann hatten die Kinder drei Monate lang frei. Kein Druck, kein Stress, nur Wald, Garten, Meer. Lange ausschlafen und nach dem Aufstehen gleich in den Garten laufen und Erdbeeren pflücken. Und später natürlich an den Strand mit dem feinkörnigen Quarzsand. Sonne tanken, sich vom Wind streicheln lassen, ins flache Wasser hinauslaufen. Wenn dann der Eismann mit seinem einrädrigen Wagen vorbeikam, war das Glück vollkommen.

Datscha am Strand
Natalie Kriwy

Eine Datscha am Strand war zur Sowjetzeit ein Privileg

Seit ich 1999 zum ersten Mal mit Nailia in Jurmala war, kommen wir jedes Jahr hierher. Heute ist es unsere sechsjährige Tochter Assia, die durch einen großen Garten läuft. Er gehört Dzintra und ihrem Mann Andris, wir verbringen unsere Ferien in ihrem Gartenhäuschen. Es ist recht einfach, aber genau das finden wir gut. Regelmäßig legen die beiden uns frische Gurken und Tomaten vor die Tür, und wir freuen uns darüber.

Beinahe täglich sind wir am Strand, wir müssen nur durch einen schmalen Streifen Kiefernwald. Liegen an den Dünen, laufen lange am Meeressaum entlang - auch abends, wenn die Sonne langsam in die Ostsee gleitet. Manchmal gehen wir bis zum alten Kurbad von 1916, einem wunderschönen Beispiel hölzerner Strandarchitektur. Wir baden, solange es das Wetter erlaubt. Der kurze Hochsommer des Baltikums rieselt wie Sand durch die Hände, das haben alle gespürt, die seit dem 19. Jahrhundert zur Erholung hierherkamen.

Prachtvolle Holzvillen und Hotels am Strand

Vor gut 150 Jahren entdeckten die deutschbaltischen Rigenser und Gutsbesitzer den Rigaer Strand als Sommerfrische. Sie bauten in den Dünenwäldern am Strand die prachtvollen Holzvillen und Hotels, die man heute noch bestaunen kann. Eine richtige Schwimmkultur kam erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf. Obwohl es schon um 1900 FKKler an Rigas Strand gab, mussten sie wie alle anderen strengen Regeln folgen und getrennte Badezonen oder -zeiten für Männer und Frauen einhalten. An einigen Strandabschnitten regierte die Fahne: Wurde eine rote Flagge gehisst, war Badezeit für Männer,  eine blaue Flagge galt für die Damen. Während die, im vom Hals bis übers Knie reichenden Badekostüm, im flachen Wasser planschten, flanierte der Gatte weitab am Strand, niemals ohne Strohhut, Weste, Schlips und Kragen.

Beachvolleyball am Strand.
Natalie Kriwy

Spaß am Strand beim Beachvolleyball

Man muss zugeben: Die Kunst des stilvollen Flanierens hat gelitten im heutigen Jurmala. Zur Hauptsaison ist es einfach sehr voll in Majorenhof, dem Zentrum der lettischen Sommerstadt. Auf der Jomas iela, der Promenade, sind die Straßencafés bis auf den letzten Platz besetzt, Buden mit Schnitzkunst, Bernsteinschmuck und Strickwaren stehen dicht an dicht. Dröhnende Schlagermusik aus vielen Lautsprechern überschneidet sich nervenaufreibend. Wir hören mehr Russisch als Lettisch, für viele Urlauber und Gäste ist Jurmala seit Sowjetzeiten ein verlockendes Ziel geblieben. Gutbetuchte kommen regelmäßig und lassen eine Menge Geld in der Stadt.

Jedes Jahr Ende Juli holt der internationale Gesangswettbewerb "New Wave" sogar russische Popstars nach Jurmala. Dann verwandelt sich die Jomas iela in einen Laufsteg, auf dem bizarre modische Trends die Kurgäste immer wieder zum Kopfschütteln bringen. Wir entkommen meistens nach kurzer Zeit durch die ruhigen Seitenstraßen. Es gibt genügend Fluchtpunkte. Das Stadtmuseum, das sehenswerte Ausstellungen lettischer Künstler zeigt, den Nationalpark bei Kemmern (Kemeri) mit seinen Hochmooren oder das alte Fischergehöft im Freilichtmuseum Ragakapa (Horndüne) an der Mündung der Aa. Den bunten Markt in Bilderlingshof (Bulduri). Den schattigen Waldpark von Edinburg (Dzintari) mit seinem riesigen Spielplatz, der Inlineskater-Bahn und dem Aussichtsturm. Und abends die Freilichtbühne der Konzerthalle, wo Pop oder Klassik am Meer ertönt. Doch wohin auch immer wir unterwegs sind, ob wir durch die Promenaden oder die idyllischen Querwege dieser Gartenstadt am Meer spazieren - die Straßen sind gesäumt von großen Villen und kleinen Datschen im Seebäderstil mit hunderterlei architektonischen Spielereien.

414 Wohngebäude stehen unter Denkmalschutz

Als Zar Nikolaus I. im Jahr 1838 den Bau der ersten Badeanstalt in Kemmern bewilligte, war abzusehen, dass sich hier rasch ein Erholungsort der deutschbaltischen Oberschicht und des russischen Adels entwickeln würde. Entlang der Küste entspann sich eine regelrechte Bauwut. Es entstanden kunstvoll verzierte Holzvillen mit großzügigen verglasten Veranden, Steinhäuser im Stil des Klassizismus, später des Jugendstils und des Funktionalismus. Mehr als 4000 dieser Wohngebäude sind erhalten, 414 von ihnen stehen unter Denkmalschutz.

Hinter den Prachtfassaden am Bulduru-Prospekt, aber auch in Dzintari und Lielupe residiert heute die Geldelite Lettlands, Bankenchefs, Politiker, Unternehmer. Doch einigen ist selbst eine großzügige alte Villa zu klein, und so werden immer mehr Neubauten errichtet: topmoderne Stahlbetonpaläste, aus deren automatischen Garagentoren die immerzu frisch polierten Oberklasse-Modelle surrend herausgleiten. Ab Mitte August verschwinden diese Karossen samt Besitzer nach und nach. Es wird spürbar kühler, der Sommer geht vorbei.

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Autor
Jochen Könnecke