Finnland

Krabbenfischen in Kirkenes Ausflug auf der „Kong Harald“

Polarlichter in Lappland
  
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Um an das Fleisch zu kommen, absolvieren wir einen Crashkurs als Chiropraktiker. Etwas brachial, als würde man Äste durchbrechen. Aber es lohnt sich: Das Fleisch in den Beinen überzeugt fast alle – besser als Hummer! Lediglich der Anblick der Tiere bleibt gewöhnungsbedürftig. Gut, dass kein ausgewachsenes Exemplar dabei war. Satt stechen wir wieder in See. Diesmal ist unser Gefährt deutlich größer und langsamer: ein Schiff der Hurtigflotte, der berühmten Postroute oder Lebensader Norwegens. Elf Tage dauert z. B. die Fahrt von Oslo mit diversen Stopps bis Kirkenes. Wegen der oft verschneiten Straßen nutzen die Norweger die Schiffe im Winter gern als Fähre.

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Der Hafen von Kirkenes liegt im Winterschlaf

40 Kilometer am Tag bei beißender Kälte: ein Schlittenhund kommt dabei erst richtig in Wallung, nur der Fahrer muss sehen, wie er seine Füße warm hält.

Die Kong Harald (König Harald) legt im letzten Licht des Tages um 13.30 Uhr ab. Anders als sonst auf Fähren und Kreuzfahrtdampfern bleibt das Deck fast leer. Die meisten Passagiere ziehen den beheizten Panoramasalon vor. Das Schiffshorn ertönt – und der Schreck, der mir durch die Glieder fährt, macht angenehm warm.

Der Hafen von Kirkenes liegt da wie im Winterschlaf. Ein schöner, elegischer Anblick. Ungewohnt, vom Wasser aus Schnee zu sehen. Und hinter uns – tja, was? Weder Sonnenauf- noch -untergang trifft wirklich zu. Ich sehe eine Art Showdown der Sonne mit unglaublichen Farben. Der Himmel wirkt wie verchromt und ich wie hypnotisiert. Die Seele seufzt und streckt sich. Wenig später mache ich mich selig selbst lang in meiner Koje. 

Reisetipps
  • Polarlicht-Saison: Sie sind laut Statistik am häufigsten im März, September und Oktober zu sehen.
  • Anreise: ab Berlin, Düsseldorf, Hamburg oder München via Oslo nach Kirkenes ab ca. 200 Euro (www.norwegianair.com). Teurer, aber größeres Angebot: Scandinavian Airlines und Widerøe, ab ca. 400 Euro (www.flysas.com)
  • Veranstalter: Reisepakete und individuelle Bausteine bietet z. B. Top Nord, www.top-nord.de. Vor Ort in Norwegen: www.arctic-adventure.no, z. B. King Crab Safari ca. 160 Euro; oder Pasvik Turist, www.pasvikturist.no
  • Postschiff/Hurtigruten: 34 Häfen, diverse (Teil-)Touren, ab 33 Euro/p. P., www.hurtigruten.de
  • Hotel: „Rica Hotel Kirkenes“, ab ca. 100 Euro/p. P., www.ricahotels.com. „Sorris niva Igloo Hotel“ in Alta, ca. 245 Euro/p. P. inkl. Frühstück und Sauna, Besucher 10 Euro, www.sorrisniva.no
  • Engholms Husky Lodge: mehrtägige Touren ab 1000 Euro, www.engholm.no
  • Info: mehr über die Finnmark, Norwegens größten, nördlichsten und am spärlichsten besiedelten Bezirk, und das Volk der Samen auf www.visitnorway.com

Das ist das Seltsame hier oben: 20 Uhr fühlt sich an wie Mitternacht. Offenbar wird die innere Uhr nicht mit der früh einsetzenden Dunkelheit synchronisiert. Oder macht mich das Motorgeräusch so müde? Viel verpasst man nicht. Es sei denn, über Bordfunk werden plötzlich Polarlichter gemeldet – ein Highlight im wahrsten Sinne. Alles stürmt nach draußen an Deck. Tatsächlich: In neonfarbenem Grün wabert es hoch am Himmel. Sehr hoch. Ungefähr 100 Kilometer. Wie der Tanz eines gigantischen Flaschengeistes. Dem Mythos zufolge kann man die Lichter provozieren, indem man mit einem weißen Tuch winkt. Das soll sie böse machen, sie stürzen sich dann auf einen. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich weiß nur: An die vielen Blitzlichter, die die Nacht vergeblich durchzucken, haben sich die Polarlichter offenbar gewöhnt.

Honningsvåg - die nördlichste Stadt Europas

Am nächsten Morgen kommen wir sehr früh in Honningsvåg an, eigentlich „die nördlichste Stadt Europas“. Trotzdem darf das etwas südlicher gelegene Hammerfest weiterhin mit diesem Slogan werben. So ein Satz zieht jedes Jahr eine Menge Touristen an. Ein kurzer Besuch am Nordkap (kalt, windig, voll – mit schlotternden Japanern und völlig überschätzt), und wir fahren mit dem Bus ins Landesinnere. Wir besuchen „a different place“, wie es auf der Website heißt: Engholms Husky Lodge. Sven Engholm, Mitte 50, hat sich irgendwann für das Leben in der Wildnis entschieden. Die Kälte hält ihn schlank. Typ Asket oder markiger Trapper. Er bringt seine Gäste in individuellen Blockhütten unter, die er selbst designt und gebaut hat. Dem Stil nach zwischen Philippe Starck und Fred Feuerstein. Urig und gemütlich. Außerdem bietet Sven Engholm Hundeschlittentouren an, einstündig oder mehrtägig.

Hier, im Herzen Lapplands, ist es wesentlich kälter als an der Küste. Das Thermometer zeigt minus 28 Grad. Zehn mehr als im Gefrierfach zu Hause. Und das merkt man. Deutlich. Die Kälte beißt. Am liebsten in Zeh- und Fingerspitzen. Den Hunden ist das egal: Sie kläffen freundlich, vorfreudig erregt. Wohl dem, der hinten auf dem Schlitten sitzt und keinen Fahrtwind abbekommt! Die Wimpern frieren fast aneinander, und wenn man trotzdem lächeln will, glaubt man, es knirschen zu hören. Schön, das mal gemacht zu haben, finde ich. Noch schöner, es gleich zu lassen und in einer Hütte mit Fußbodenheizung und Kamin einen heißen Kaffee zu schlürfen. Gewissermaßen als Vorbereitung auf unsere letzte Nacht – im Eishotel.

Das „Sorrisniva Igloo Hotel“. Noch so ein „different place“. Dieses Mal wirklich. Ich fühle mich, als würde ich eine begehbare Rauminstallation betreten. Ein Tempel aus Eis und Schnee, mehr Kunst als Kommerz. Zur Begrüßung trinken wir einen Wodka/Blue Curaçao – nicht „on“, sondern „in the rocks“: Die Gläser bestehen aus Eis. Genau wie die Theke und die Lampen. Dennoch ist es wärmer als draußen. Geschlafen wird auf Rentierfell in Daunenschlafsäcken. Mütze nicht vergessen! Vorher noch in die Sauna nebenan oder ein heißes Bad. Am besten draußen, in einem Whirlpool unter sternenklarem Himmel bei minus 25 Grad. Über mir Funkeln die Sterne, in mir ein ausgewachsenes Glücksgefühl. Spätestens als irgendjemand wie bestellt ein Polarlicht anknipst. Wer genau, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es dieser Jemand gerade extrem gut mit mir meint.

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Autor
Vital