Ostsee

Deutschland Offene Gärten an der Ostsee

Gräsergarten von Brigitte Dammann.

Es ist ein fast abstraktes Gartenbild. Und ein bewegtes noch dazu. Der Küstenwind hält die Gräser in Schwung und zaubert ein vielfarbiges Wellenspiel. Meterhohes Chinaschilf, silbern glänzendes Lampenputzergras, rot schimmernde Rutenhirse und grün leuchtende, Springbrunnen ähnliche Seggen - sie alle wachsen in einem der ungewöhnlichsten Gärten im Norden. Mitten im städtisch anmutenden Urlaubsort Niendorf erstreckt er sich rund um das Wohnhaus von Brigitte Damman und Reiner Westen. "Gräsermeer" nennen die beiden ihr beeindruckendes Biotop. Denn Gräser, längst von experimentierfreudigen Züchtern aus Wildpflanzen zu form- und farbenfrohen Stauden kultiviert, sind das Markenzeichen des 1000 Quadratmeter großen Hausgartens.

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Die wie grafische Signale wirkenden Gräser wurden bislang vor allem von Garten- und Landschaftsarchitekten als Strukturelemente in modernen Gartenanlagen genutzt. Doch immer häufiger setzen sie nun auch im privaten Garten Akzente. Brigitte Dammann und Reiner Westen gehören sicher zu den Pionieren dieser neuen Graskultur, verschlingen alles, was es an Gras-Theorie gibt. Besuchen auf Reisen durch Europa die Konkurrenz und kaufen immer neue Pflanzen, vor allem in Holland, wo ein vergleichbares Klima herrscht. Natürlich züchten sie auch und verkaufen ihren Grasnachwuchs an eine wachsende Interessentenschar. "Wir lieben unseren Garten", sagt Brigitte Dammann, "vor allem aber lieben wir das Rascheln der Gräser im Wind."

Tag des "Offenen Gartens" startete mit 17 kleinen Paradiesen

Die Zeit, in der Gärten - abgesehen von einigen großen Parks - Privatsache und für Besucher nicht zugänglich waren, ging an der Ostsee im Jahr 2000 zu Ende. Da beschloss eine Gruppe passionierter Gärtnerinnen, ihre Leidenschaft publik zu machen, erfand den Tag des "Offenen Gartens" und lud Besucher ein, ihre damals 17 kleinen Paradiese zu besichtigen.

Garten von Ljiljana Ehler
Petra Becker
Pause im Garten von Ljiljana Ehler.

"Die Menschen", erinnert sich Ljiljana Ehler, Mitbegründerin dieses Public Viewing, "kommen, um zu träumen, zu schwärmen, sich Anregungen für den eigenen Garten zu holen, Pflanzen einzukaufen und Tipps zur Bekämpfung von Wühlmäusen und Unkraut zu bekommen." Englands große Gartenlady Vita Sackville-West, die Schöpferin eines der berühmtesten Gärten Europas, Sissinghurst, hatte schon um 1940 solche Invasionen geduldig über sich und ihren Garten ergehen lassen: "Das sind die Leute, die ich nur allzu gern willkommen heiße. Zwischen uns hat eine ganz besondere Form von Höflichkeit überlebt, eine Gärtnerhöflichkeit."

Für diese Höflichkeit fehlt heute oft die Zeit. Ein wahrer Pilgerstrom drängt sich jedes Jahr durch die bunten Panoramen von fast 300 Gärten, allein mehr als 1000 Besucher in dem mit Rosen überwucherten Bauerngarten von Ljiljana Ehler im ostholsteinischen Schashagen. Über zehn Jahre lang gärtnerte Ljiljana Ehler täglich bis zu sechs Studen auf dem 6000 Quadratmeter großen Grundstück rund um ihren einsam gelegenen Siedlerhof nahe der Lübecker Bucht – dann war sie die Rosenqueen der holsteinischen Ostküste. 300 Rosen, vor allem öfter blühende und stark duftende historische und englische, wuchern in ihrem Garten. Und das auf allen Ebenen: fürs Souterrain bodendeckende, fürs Parterre Beetrosen und seltene Varietäten von Ramblern und Climbern, die sich durch die Kronen der alten Obstbäume ranken. "Üppige Rosenpracht" nennt das die in Kroatien geborene ehemalige Reiseverkehrskauffrau, die damit den alten Resthof in ein Dornröschenschloss verwandelt hat.

Offene Gärten an der Ostsee
Petra Becker
250 Gärten sind an der Ostsee für Besucher in den Sommermonaten zugänglich.

Sie liebt alles, was in die Höhe strebt, und so hat sie in ihre Bäume neben den Rankrosen eine leuchtende Fülle verschiedener Clematis wachsen lassen. Die züchtet sie auch und hat deswegen, neben dem Tag des "Offenen Gartens", einen "Clematistag" im Programm, an dem sie ihre selbst gezogenen Jungpflanzen verkauft. "Ich bin auf einem kleinen Bauernhof inmitten der Natur aufgewachsen. Schon immer habe ich die Erde, die Blumen, aber auch das Gemüse geliebt. Wenn ich nur an die vielen Freilandtomaten denke!" Ljiljana Ehler hat auch ihre kroatischen Tomatenträume in Holstein wahr werden lassen: Unter einem Plastikdach - Freiland verhindert hier das Klima - reifen verschiedene Tomatensorten. Und wenn sich im Spätsommer die Besucher am "Tomatentag" zum Einkaufen auf dem Ehler'schen Hof drängen, muss der Nachbar wieder dafür sorgen, dass es auf dem Parkplatz kein Chaos und auf dem Feldweg, der zum Hof führt, keinen Stau gibt.

Ein Garten mit einer barocken Fülle der verschiedensten Pflanzen

19 Jahre lang, täglich bis zu acht Stunden, hat die Niederländerin Fenna Graf - "mit Laienwissen und viel Arbeit" - das Land rund um ihren reetgedeckten Hof aus dem 16. Jahrhundert bearbeitet und das 10.000 Quadratmeter große Grundstück in ein Gartenkunststück verwandelt. Ein Garten mit einer barocken Fülle der verschiedensten Stauden, Büsche, Bäume und Blumen, vor allem mit Rosen und einer Vielzahl verschiedenster Hortensien.

Garten von Fenna Graf
Petra Becker
Fenna Graf verwandelte ihr Grundstück in ein Gartenkunststück.

Wie so viele der nicht von einem Fachmann angelegten, sondern vom Besitzer über Jahre gestalteten Gärten hat auch der Graf'sche Garten seine unverwechselbaren Kennzeichen erst im Laufe der Zeit herausgebildet. Die riesige Rankhortensie ist nun - nach knapp zwei Jahrzehnten - über dem Tor zusammengewachsen und bildet einen beeindruckenden Rahmen. Vor die Giebelfront hat Fenna Graf eine lange Reihe weißer Aspirin-Rosen gepflanzt, die von einer ebenso langen Reihe weißer Lupinen überragt wird - Gartenkunst im englischen Stil. Und in all der Blütenpracht, die hier mit vielen Topfpflanzen immer wieder neu belebt wird, findet sich auch ein sehr minimalistisches Einsprengsel: der "Saunagarten". Vor der Glasfront eines modernen Saunagebäudes liegt ein sauber geschnittenes Rasenquadrat, eingefasst von mehreren Kugelbuchsen in hohen, säulenähnlichen, rostbraunen Stahlvasen und einer Reihe perfekt ausgerichteter blauer Lilien. "Ich lebe mit den Augen", erklärt Fenna Graf ihre sorgfältig komponierten Gartenbilder.

Die Aktion "Offener Garten" ist seit 14 Jahren ein Erfolgsprojekt, dahinter steht immer noch kein aufwendiger Apparat, sondern eine Handvoll Gärtnerinnen, die sich in Eigenregie um Finanzen, Pressearbeit und Internetauftritt kümmern. Ljiljana Ehler und Fenna Graf gehören zu dem pflanzenbegeisterten Quintett, das Besuchern auch noch die kleinste und verborgenste Gartenoase zugänglich macht. Rund 300 Seiten umfasst der Katalog, der die offenen Gärten Schleswig-Holsteins und Hamburgs auflistet. Nicht alle gleicherart sehenswert, aber doch alle mit viel Liebe zum privaten Paradies getrimmt. Die wenigsten wurden von Profis entworfen. So entstanden über Jahre Gärten nach Fantasie und Möglichkeit ihrer Besitzer. Die folgen dem Rat, den Vita Sackville-West vor gut 80 Jahren gab: "Lasst uns pflanzen und fröhlich sein."

Termine und Informationen zu den offenen Gärten

Auch 2015 können Pflanzenfreunde vom 20. bis 21. Juni durch private Gärten streifen, sich anregen lassen und fachsimpeln. 250 private Gärten in Schleswig-Holstein und Hamburg nehmen teil. Ausführliche Informationen und Termine unter www.offenergarten.de

Promotion
Autor
Nicolaus Neumann