Hamburg

Hamburg Im Süden viel Neues

Die Behörde für Stadtentwicklung in Wilhelmsburg

"Wenn man ein Büro wie meines hat, kann man sich die Spielzeugeisenbahn sparen", sagt Professor Jörn Walter und blickt aus dem Fenster hinab auf Wilhelmsburg. Unten ziehen Güterwaggons und Personenzüge vorbei. Neben den Gleisen stehen Wohnhäuser, aus farbigen Blöcken zusammengesetzt, auf einigen Dächern leuchtet grüner Rasen. Die Häuser hat Walter, Oberbaudirektor von Hamburg, selbst geplant, und dass er jetzt draufschauen kann, das ist schon toll. Sie passen gut zu den bunten Streifen an der Fassade der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. Hoch oben in einem der Türme des Gebäudes hat der 57-jährige, groß gewachsene Professor sein Büro.

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2013 ist die Behörde nach Wilhelmsburg gezogen. Im selben Jahr wurde auch die von ihr geleitete Internationale Bauausstellung (IBA) abgeschlossen, mit der die bunten Ökohäuser da unten entstanden. Hinter ihnen beginnt der Wilhelmsburger Inselpark, dort fand, ebenfalls 2013, die Internationale Gartenschau auf 100 Hektar Fläche statt. Umzug der Stadtentwicklungsbehörde, IBA, Gartenschau: Sie alle sind Teil des großen "Sprungs über die Elbe", mit dem Hamburg seinen Süden retten will. "Nirgendwo anders wurde in den letzten zehn Jahren so viel investiert wie hier", sagt Jörn Walter.

Die Flut überraschte die Wilhelmsburger im Schlaf

In Hamburg teilt sich die Elbe etwa 15 Kilometer lang: Bevor sie bei Altona wieder zusammenfinden und gemeinsam gen Westen rollen, umschlingen Norder- und Süderelbe wie kalte Arme die größte Flussinsel Deutschlands. Auf Wilhelmsburg wohnen rund 50 000 Menschen, 5000 leben in den dunklen Klinkerblöcken des winzigen Stadtteils Veddel auf einer kleinen Insel zwischen Wilhelmsburg und Hamburg. Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Viertel deutlich dünner besiedelt, Bauern bestellten hier ihre Felder. Dann wuchsen mit der Industrialisierung Hafenkräne und Fabriken an den vielen Kanälen. Nach dem Krieg wurde es eng, viele Ausgebombte und Ostvertrie- bene waren notdürftig auf Wilhelmsburg untergebracht. Dennoch besserten sich die Zeiten - bis die Elbe eines Nachts über die Menschen herfiel. Im Februar 1962 drückte ein Sturm das Wasser so heftig die Mündung hinauf, dass der Deich brach. Die Flut überraschte die Insulaner im Schlaf, mehr als 200 kamen ums Leben. Nach der Katastrophe baute man stärkere Deiche, aber der Stadtteil erholte sich nicht. Viele Unternehmen waren zerstört, wer immer konnte, ging aufs Festland, nach Wilhelmsburg mit seinen billigen Mieten zog es nur Arme und schlecht bezahlte Arbeiter aus Griechenland, Italien, der Türkei, Spanien.

Harburger Binnenhafen
Arthur F. Selbach
Kopfsteinpflaster-Romantik im Harburger Binnenhafen
Seitdem war die Gegend vor allem bekannt für Armut, bald auch für Gewalt. Am 26. Juni 2000 erreichte Wilhelmsburg den Tiefpunkt. Volkan, ein sechsjähriger türkischer Junge, spielte Fußball auf dem Schulhof. Plötzlich schossen zwei Hunde auf ihn zu, ein Pitbull-Terrier und eine Staffordshire-Hündin, bissen sich an ihm fest und rissen ihm fast den Kopf ab. Als die Polizei kam, war das Kind tot. "Ich kann mich an den Tag erinnern, das war grauenvoll", sagt Jörn Walter und verschränkt die Arme vor der Brust. "Danach war allen klar, dass etwas passieren muss." Wilhelmsburg war wieder ins Bewusstsein der Hamburger gerückt.

Es dauerte dann noch vier Jahre, bis die Stadt das Zukunftsprojekt "Sprung über die Elbe" beschloss. Wohnblöcke wurden saniert, Schulen renoviert und Sprachlehrzentren für Jugendliche eingerichtet. 320 Millionen Euro hat die Stadt seit 2006 in die Insel gesteckt, von Investoren kam noch einmal doppelt so viel. "Es dauert natürlich, bis so etwas Früchte trägt", sagt Walter. "Aber irgendwo muss man ja anfangen."

Rundfahrt mit der wilden 13

Der Anteil der Bürger mit ausländischen Wurzeln liegt auf der Veddel bei 70, in Wilhelmsburg bei 55 Prozent. Sie tragen bei zu der Vielfalt, die den Inseln noch immer ein eigenes Lebensgefühl verleiht. Wer sie erkunden will, fährt am besten mit der Buslinie 13 einmal darüber. Von Veddel aus passiert man einen langen Deich, auf dem der Bus manchmal halten muss, weil eine Herde Schafe über die Straße trottet. In der Veringstraße im Wilhelmsburger Zentrum hält die "13" vor Altbaufassaden, über die sich Jugendstil-Verzierungen ranken, türkischer Pop dringt aus den Kiosken; und dann sitzt da in einer Nebenstraße plötzlich ein graues Betonmonster: Der "Energiebunker", im Zweiten Weltkrieg gebaut, wird heute zu einem Blockheizkraftwerk mit Solarzellen umgebaut. Wer hier einen Zwischenstopp einlegt, findet unter den riesigen Solarpaneelen eine Dachterrasse mit Café, Kinder in teuren Outdoorklamotten toben zwischen jungen Eltern herum. Und der Blick wandert vorbei am tätowierten Kellner, der Latte macchiato serviert, zu den Silhouetten von Elbphilharmonie und Michel in der Ferne, dort drüben, am anderen Ufer.

Ein paar Bushaltestellen weiter ist von großstädtischer Coolness nichts mehr zu merken: In Kirchdorf-Süd endet die Fahrt zwischen weißen Siebziger-Jahre-Wohntürmen und einem Supermarkt, vor dem Skateboarder herumbrettern. Leere Einkaufstüten dümpeln auf einem brackigen Kanal, und hinter der Brücke schimmert zwischen den Hochhäusern – ganz viel Himmel. Die Pferde, die auf den Wiesen unter den knorrigen Bäumen grasen, schauen ab und an mit höflichem Interesse zu den Menschen, die verblüfft das ländliche Idyll hinter den Wohnsilos fotografieren. Einige Besucher gehen noch weiter nach Südosten, an alten Häuschen mit Reetdächern entlang, bis zu dem Ort, der vielleicht der schönste der Insel ist: der grüne Leuchtturm auf der Bunthäuser Spitze - eine schmale Landzunge, umgeben von mannshohem Schilf und sehr viel Stille.

Energiebunker
Arthur F. Selbach
Der Flak-Bunker von 1943 bot im Krieg 30 000 Menschen Schutz. Heute wird er zum Kraftwerk umgebaut – mit Café auf dem Dach
Hier teilt sich der Fluss. Gut 350 Meter breit, strömt die Elbe träge heran. Dass sie auch anders kann, weiß auf der Insel jeder. Das Trauma der Flut hat einerseits ein Gemeinschaftsgefühl ge- schaffen, das im Bewusstsein der Menschen schlummert. Andererseits ist das Misstrauen gegenüber dem Senat, der sich wenig um die Insel scherte, hellwach. Zu lange wurden die Gebiete vernachlässigt, über Jahrzehnte investierte man kaum in Wohnungsbau und Sanierung. Und auf einmal sollte man dem Senat abnehmen, dass er das verrottete Eiland aufhübschen wollte? Bei der Planung der IBA hat Jörn Walter sich im Bürgerhaus Diskussionen mit den Einwohnern gestellt – und ordentlich Gegenwindbekommen. Die Wilhelmsburger sind ein konfliktfreudiges Völkchen, und die Sorge, wegsaniert zu werden, war groß.

Ein Völkchen mit Eigensinn

Bettina Kiehn, Vorstand des Bürgerhauses, sitzt in einem Raum, in dem sonst Kindergruppen basteln. Im Regal stehen Schuhkartons, die Öffnung nach vorn, Unterwasserlandschaften sind hineingemalt, an Fäden baumeln Kraken und Fische aus Pappe. Die 48-Jährige ist eher klein und spricht leise, als wolle sie nicht überhören, wenn jemand ihr Unsinn entgegnet. Jeden Tag hat sie mit den Menschen zu tun, die hier leben. Sonntags treffen sich im Bürgerhaus Familien aus dem ganzen Stadtteil, ob Arbeiter oder Akademiker. Die Kinder spielen, die Eltern plaudern, über Nationalitäten hinweg. Bettina Kiehn ist auch zuständig für "Perspektiven! Miteinander planen für die Elbinseln" - ein Projekt in Kooperation mit der Stadt, das Bürger in die Entwicklung einbinden will. 2030 soll der "Sprung über die Elbe" vollendet sein. Was hat er bislang gebracht?

Junggesellinnen-Abschied auf dem Harburger Kanalplatz
Arthur F. Selbach
Kurz vorm Ablegen in ein neues Leben: ein Junggesellinnen-Abschied auf dem Harburger Kanalplatz
"Heute ziehen Familien hierher, weil sie das Gemeinschaftsgefühl schätzen", sagt Kiehn. "Früher haben die Leute die Insel verlassen, sobald ihre Kinder in die Schule kamen." Nicht nur das Misstrauen der Insulaner gegenüber der Stadt sitzt tief - bis vor wenigen Jahren mieden auch die Hamburger Wilhelmsburg. Aus Angst, aber auch aus satter Behäbigkeit: Feiern auf dem Kiez, Kaffeetrinken in Eppendorf, Yoga in Altona – wozu da noch die Elbe überqueren? Doch inzwischen hat sich einiges getan, seit 2009 stieg die Zahl der Beschäftigten auf der Insel um fast zehn Prozent, die Schulabbrecherquote ist von 25 auf 17 Prozent gesunken. Wer heute bei Google "hamburg wilhelmsburg" eingibt, bekommt als einen der ersten Ergänzungsvorschläge "wohnung mieten".

Verprügelt wird man hier also nicht mehr. Dafür tun die Preise weh: "Die Warmmieten sind um ein Drittel gestiegen", sagt Kiehn. Eine echte Gentrifizierung, bei der viele Einwohner durch wohlhabendere verdrängt würden, befürchtet sie aber nicht. "Die Industrie ist ein gutes Bollwerk, es gibt hier immer wieder Belästigungen durch Lärm, Geruch und Verkehr. Und in der Nähe stehen die Nordischen Oelwerke: Angeblich verarbeiten die keine Tiere, aber es stinkt oft, als würden Kadaver gesotten. Die Wilhelmsburger reden von der 'Katzenkocherei'."

Dafür fällt hier im Süden ein großer Unterschied zum Alltag am Nordufer auf: Die Insulaner gehen langsamer. Während sich zwischen Büros und Geschäften um Jungfernstieg und Hauptbahnhof die Menschen drängen, sind hier viel weniger Leute unterwegs, und die meisten haben es nicht eilig. Joggen kann man hier super, Deiche gibt es ja genug. Aber hetzen? Wohin denn?

Marco Antonio Reyes Loredo
Arthur F. Selbach
Marco Antonio Reyes Loredo schrieb das Drehbuch zu einem Film über die Buslinie durch Wilhelmsburg: »Die Wilde13«
Lieber macht man die Dinge gründlich - das gilt für den Alltag genauso wie für die Entwicklung des eigenen Stadtteils. Marco Antonio Reyes Loredo weiß das besonders gut. Am Veringkanal, die eigene Joggingstrecke direkt vor der Tür, betreibt der 35-Jährige mit deutschen und bolivianischen Wurzeln seine Filmagentur "Hirn und Wanst". Vor einigen Jahren hat er in seiner Küche eine Kultursendung produziert, die zweimal für den Grimme-Preis nominiert wurde: die "Konspirativen Küchenkonzerte", Rockkonzerte vor kleinem Publikum im Lokalfernsehen, später ausgestrahlt auf ZDF.kultur. "Bei mir am Herd haben Scooter gesungen, das hätte ich auf St. Pauli gar nicht machen können", sagt er. "Die Nachbarn wären mir aufs Dach gestiegen!"

Seine Büros liegen im früheren Maschinenraum der Zinnwerke, einer Fabrikhalle aus dem Jahr 1903. Eigentlich sollten die abgerissen werden, damit die Hamburger Staatsoper hier ihren Fundus hätte hinstellen können. "Das wäre ein gigantisches Hochregal geworden, 77 Meter lang und 18 Meter hoch, direkt am Kanal", sagt er und schüttelt den Kopf. "Ich dachte erst, das sei ein Witz!" Es war aber keiner. Also startete Marco Antonio Reyes Loredo die Bürgerinitiative "Zinn macht Sinn", der Supermarkt auf der anderen Straßenseite druckte das Motto auf Einkaufstüten - und ein halbes Jahr darauf nahm der Senat die Entscheidung zurück. Jetzt soll hier der "Kulturkanal" entstehen, ein Strang aus Orten für Kunst und Musik, darunter die frühere Konzerthalle Soul Kitchen, das Kulturzentrum Honigfabrik, das Gelände des Festivals Dockville und die Zinnwerke. Die Hip-Hop-Formation Deichkind und der Sänger Jan Delay fragen sich angeblich schon, ob sie dort nicht gut untergebracht wären. "Wir wollen etwas wagen", sagt Reyes Loredo. "Nicht als Zwischennutzungsheinis, sondern mit echter Perspektive!"

Unterhalb der Süderelbe liegt der Stadtteil Harburg - mit einer kleinen Halbinsel in seinem Hafen: Auf der Schlossinsel stehen die Ruinen einer Festung von 1642. Daneben sind für die IBA Wohnungen mit Bootsanlegern entstanden. Die neuen Nachbarn brauchen sich nicht zu langweilen: "Harburg hat viele Kneipen mit Livemusik - Jazz, Rock und Folk", sagt Heiko Langanke. Er ist Sprecher des Vereins Sued-Kultur, der die Harburger Kunst- und Musikszene fördert. "Es kommen auch viele Touristen hierher, weil sie außer dem Kiez noch etwas anderes erleben wollen." Manchmal übt Langanke in seinem Büro am Hafen etwas Saxofon, neben dem Fenster steht ein Ständer mit aufgeschlagenem Notenheft.

Auch Langanke hat einen schönen Blick aus seinem Büro, man sieht den "Veritas Beach Club", einen Strand mit Bar; abends lässt eine Lichterkette entlang der Kaimauer die Elbe glitzern. "Da soll ein Hotel hin, aber das planen die seit Jahren, und es wird nichts draus", sagt Langanke. "Ich hoffe, das bleibt so: Ich trinke dort gerne vormittags in der Sonne meinen Kaffee.«

Selbst wer viel wagt und wahrscheinlich viel gewinnt, muss sich manches einfach bewahren. Das weiß hier im Süden jeder.

Promotion
Autor
Burkhard Maria Zimmermann