Berlin

Berlin Neukölln im Aufwind

Viele Menschen haben hier ihr Glück gemacht. Und einen Hauch von diesem Glück kann man spüren, morgens in einem Frühstückscafé an der Karl-Marx-Straße: Es riecht nach schwarzem Tee und Sesamringen, der Bäcker ruft "Günaydın, Guten Morgen!" Der Handymann schließt seinen Laden auf, schnell noch einen Kaffee auf der Türschwelle. Die Spielautomatenhalle und das Wettbüro nebenan hatten sowieso nie geschlossen. Die Polizisten vom Abschnitt 54 drehen eine Morgenrunde. "Neukölln ist überall", behauptet Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky. Er hat ein Buch mit diesem Titel geschrieben, es hat ihm eine Dauerkarte in Deutschlands Talkshows gelöst. Genau erklären kann Buschkowsky allerdings nicht, warum Neukölln überall sein soll. Es stimmt auch gar nicht. Neukölln ist nur hier. Nichts ist wie Neukölln. Es gibt keinen Flecken Erde im ganzen Land, in dem es so zugeht wie auf den Plätzen, in den Straßenzügen und Hinterhöfen im Berliner Süden, zwischen Hermannplatz, Karl-Marx-Straße und Sonnenallee.

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Bekannt als dunkle Schmuddelecke des Babels Berlin; ein Ghetto der Geringverdiener und der hermetischen Milieus, 160 Nationen auf 160 000 Einwohner. Regelmäßig ist Neukölln in den Medien, durch den pädagogischen GAU an der Rütli-Schule, durch prügelnde und raubende Jugendgangs, durch Buschkowsky. Viele Straßenzüge gleichen sich: Handyladen, Wettbüro, Friseur, Wettbüro, Handyladen, Dönerstube, Wettbüro. Neukölln ist seit Langem ein Stadtteil der Wanderer. Das hat etwas zu tun mit der Geschichte: Hier fanden schon vor Jahrhunderten böhmische Glaubensflüchtlinge eine neue Heimat. Während der Industrialisierung zog dann die Landbevölkerung in die Stadt, das Proletariat nahm in Neukölln Quartier. In den sechziger und siebziger Jahren fanden viele Gastarbeiter, die nach Berlin kamen, hier ihre erste Wohnung, in einige andere Stadtteile durften sie nicht ziehen. Und sie alle brachten Hoffnungen und Träume mit.

Jeder Zweite im Stadtteil hat einen Migrationshintergrund

Jeder Zweite im Stadtteil (nicht zu verwechseln mit dem größeren Bezirk) hat einen Migrationshintergrund, viele Migranten der ersten Stunde sind allerdings weggezogen. An den Schulen haben sogar acht bis zehn von zehn Kindern keine deutschen Eltern. Jeder dritte Mensch hat keinen Job, jeder fünfte keinen Schulabschluss. Nirgendwo im Land leben mehr Menschen von Hartz IV. Das Bezirksamt gibt rund 420 von ihren 700 Millionen Jahresetat für "Transferleistungen" aus.  

In jeder deutschen Großstadt gibt es solche Viertel – könnte man meinen: Hamburg-Mümmelmannsberg, Köln-Chorweiler, Frankfurt-Rödelheim, München-Hasenbergl. So ähnlich war Berlin-Neukölln auch bis zu Beginn des Jahrtausends, so ist es heute noch. Aber es ist heute auch ganz anders. Neukölln taugt nicht mehr als das abschreckende Beispiel, es ist eher ein Labor, eine rauschhafte Collage des urbanen Lebens. Vor Kurzem kam noch eine Nuance dazu: Die internationale Künstler-, Berater-, Hipster-Karawane raunt sich die Koordinaten "Weserstraße", "Reuterstraße" und "Maybachufer" zu; wie Pilze wuchern Cafés und Ateliers aus den verstaubten Altbauritzen des Quartiers. Restberlin, vor allem Kreuzberg, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain, ist zu teuer geworden. Es passiert, was viele Berliner für unmöglich hielten: Teile Neuköllns, etwa der Reuterkiez rund um den Reuterplatz, werden aufgewertet, ein zweites Kreuzberg entsteht, "Kreuzkölln" nennen die Immobilienberater bereits den Norden des Stadtteils. Wie Brooklyn in New York, Stratford in London. Neukölln ist auf einmal cool. Doch auch das ist nur ein Teil der ganzen Wahrheit. Neukölln ist schick und hässlich, teuer und billig, es nimmt dich in den Arm und schlägt dir ins Gesicht. Neukölln ist vor allem eines: in Bewegung.

Rollberg - eine berüchtigte Neubausiedlung 

Gilles Duhem fährt jeden Morgen auf seinem grauen Fahrrad die Karl-Marx-Straße hinunter. Vorbei am Volkspark Hasenheide, die Rütli-Schule – inzwischen in "Campus Rütli" umbenannt – lässt er links liegen, das Rathaus samt Bürgermeister auch, es geht hoch bis zum Rollberg, wo Gilles sein Büro hat. Der Rollberg ist eine Neubausiedlung, die aussieht wie eine Burg aus Beton, ihre sechs Etagen dröhnen grau in die Welt. Sie liegt mitten in Neukölln, nur fünfhundert Meter Luftlinie von der berühmten Weserstraße, von den Cafés und den Hipstern entfernt. Über den Rollberg sagen selbst die Neuköllner, er sei berüchtigt. Kaum noch Deutsch spreche man da, vier von fünf Familien in einem Haus bezögen Hartz IV. Die Polizei traue sich da schon seit Jahren nicht mehr rein. Legislative und Exekutive lägen in den Händen von Jugendgangs, Imamen und Friedensrichtern.

Gilles Duhem, aufgewachsen in Paris und von Beruf eigentlich Stadtplaner, gibt sein Jobprofil mit "Furie" an. Er arbeitet beim Verein "Morus 14", der eine kostenlose Schülerhilfe organisiert, außerdem ein Klangorchester, in dem Rollberg-Kinder mit Percussion und Klavier Stummfilme vertonen. Für die Erwachsenen gibt es jeden Mittwoch "Mieter kochen für Mieter" und ein Frauenfrühstück am Freitag. Das Programm des Vereins, sagt Gilles Duhem, sei wie Schule zu Zeiten des Kaiserreichs: Die Kinder sollen lernen, was der Unterschied zwischen Sonntag und Montag ist, was "meins" ist und was "deins", dass man anruft und sich abmeldet, wenn man mal nicht kann. Wenn das wirklich klappe, sei schon viel erreicht. Das glaubst du nicht? Komm in den Rollberg.

Vereinsarbeit heißt Sponsorensuche

Gilles Duhems wichtigstes Werkzeug: das Telefon. Wenn am Montag etwa eine Filmvorführung ist, müssen am Sonntag alle Beteiligten, auch das Publikum, noch einmal zusammentelefoniert werden. "Wir machen das wie ein Muezzin auf dem Minarett", so Duhem, "wir muezzinieren den Rollberg: Kommt alle her, zu Morus 14, wir schauen einen Film." Nix mit Inschallah, Inschallah ist kein Termin. Den Verein gibt es seit 2003, er bekommt kein Geld vom Staat, lebt von Spenden und ehrenamtlichen Aktivisten, nur Gilles Duhem bezieht als Geschäftsführer ein Honorar. Anfang 2012 reduzieren einige potente Spender ihr Engagement, Gilles räumt also seinen Stuhl, entlässt sich selbst für einen Monat und macht sich auf die Suche nach Sponsoren.

Philip Koschel
Kunst-Performance

Michaela Hamann, grüne Haare, rosa Kleid, muezziniert für ihn weiter. Sie sitzt im Büro von Morus 14, morgen soll das "Klangorchester Rollberg" bei einer Sponsorenfeier auftreten, die Kinder werden einen Kurzfilm von Charlie Chaplin vertonen und selbst gebackene Waffeln verkaufen. "Ja, hier ist Michaela, nein, natürlich soll Ümit morgen kommen. Wir haben ein T-Shirt für Ümit gedruckt. Ja. 11 Uhr. Wiederhören. Ob der Verein das Jahr überleben wird, weiß keiner. Wäre schon schade. Gilles Duhem ist wieder da, es gibt etwas zu feiern. Die Wall AG gibt eine fünfstellige Summe, ein privater Spender auch, die Friede Springer Stiftung 8 000 Euro und ein Unternehmen, das anonym bleiben möchte, wird den Verein jährlich mit bis zu 10 000 Euro unterstützen. Morus 14 ist gerettet. Die Finnin Mimosa ist nach Neuköllner Zeitrechnung schon recht lange da: Seit vier Jahren lebt sie hier, vor knapp drei Jahren eröffnete sie einen Atelierladen in der Weserstraße. Die Nachbarn von der Saray-Bäckerei und dem Spätkauf brachten Blumen und Geschenke, "ein echter Türkenladen" meinte einer, als er ihre  Auslage sah. In Mimosas Schaufenster sieht man merkwürdige Sachen – sie ist Hutmacherin, zumindest auf den ersten Blick. Ihre Hüte sehen aus wie Landschaften, wie Bilder oder Möbel, wie Pilze. Eine Haube aus Christbaumkugeln gibt es da, eine Krake aus Lampenschirmen, einen Turban aus Plastikgabeln, ein Schiff in Seenot inklusive Meer und Wellen.

Weserstraße: früher gefährlich, heute hip

Mimosa ist von Paris hierher gekommen, als die heutige Hipster-Meile Weserstraße noch als gefährlicher Ort galt. "Nach Einbruch der Dunkelheit sollte man sich hier nicht mehr blicken lassen, hieß es, angeblich waren da die Gangs unterwegs. Mir sind sie nicht begegnet", erzählt Mimosa. Zu ihrem Geburtstag soll es eine Parade über die Karl-Marx-Straße geben und dann eine Oper. Eine "Tischoper". Pekka und Teija, Freunde von Mimosa, gießen Rotkäppchen-Sekt in Pappbecher und zünden Kerzen in Lampions an. Mimosas Freunde kommen langsam herbei, alle mit Hut oder etwas anderem auf dem Kopf: eine Soldatenhaube aus Filz, ein dickbauchiger Waldpilz aus Pappe, eine Scheibe aus geblümtem Stoff, groß wie ein Fahrradreifen.

Nach dem Sekt greift Pekka zur Trompete und Teija zur Posaune, sie blasen einen Marsch, ein wenig Dixie oder Swing, und die Gesellschaft, zwanzig Leute, zwanzig Hüte, stolziert die dunkle Boddinstraße hinunter. Mimosa trägt ein Sortiment aus Lampenschirmen auf dem Kopf; alles ist erleuchtet. Es wird gejubelt und gesungen, ein Schirm fliegt in die Luft, ein Glas zu Boden. Pekka  geht laut trötend vorneweg. Am U-Bahnhof Rathaus Neukölln stehen türkische Jungs an eine Hauswand gelehnt, sie vergessen für einen Moment zu rauchen oder auf den Boden zu spucken. Einer fragt: "Ist schon Halloween?" Eine Passantin klatscht Beifall. Die Mädchen vom Falafel-Kiosk zücken die Handys und knipsen. Quer geht es weiter über die breite Karl-Marx-Straße, einige Autos müssen anhalten und hupen. 

Philip Koschel
HIngucker: Frau mit pinken Haaren

Ab ins Atelier, es ist vollgehängt mit Lämpchen, Girlanden und Hüten, Hüten, Hüten. Musik säuselt aus einem Computerlautsprecher. "Heute werden wir die Welterstaufführung von Wagners Walkürenritt auf einem Flügel erleben!", ruft eine Frau. Die Gäste haben sich andächtig in einem Halbkreis um einen violetten Flügel geschart, der mit einer Plastikplane überzogen ist. Aus dem Computerlautsprecher tröpfeln die ersten Takte der Musik, verzerrt von den Störgeräuschen der anwesenden Mobiltelefone. "Handys aus!" Die Frau rührt jetzt mit einem Küchengerät in einer Plastikwanne herum und ruft dabei: "Bei Wagner geht es immer um Angst. Aber Angst ist wie Schaum – wie der Schaum, den ich hier rühre. Der Schaum wird gleich auf die Walküre niedergehen!"

Kunst-Performance im Hinterzimmer eines Ateliers

Aus dem Hinterzimmer des Ateliers stolziert eine junge Frau mit schwarzen Haaren herbei. Sie trägt eine blickdichte Strumpfhose in Hautfarbe, ansonsten ist sie nackt. Mimosas Walküre. Sorgfältig setzt sie einen Schritt vor den anderen. Es ist so still im Atelier, dass man sogar die zittrigen Wagnerklänge aus dem Computerlautsprecher einigermaßen hören kann. Die Walküre steigt auf den Flügel und wiegt ihren Körper zur Musik, geht in die Knie, wälzt sich, dann steht sie wieder, dann liegt sie. Der Schaum, die Angst, suppt auf sie herab. Auf Wäscheleinen unter der Atelierdecke schieben Ritter in schwarzen Filzkostümen Pappfiguren, die über die Walküre mit bösen Blicken wachen. Ein Mann, genauso nackt wie die Walküre, zudem tätowiert von oben bis unten, tritt in den Kreis. Er trägt nicht einmal eine Strumpfhose. Die Walküre zieht ihn hinauf auf den Flügel. Sie rekeln sich, bis sich die Plastikplane wellt, ihre Arme sausen unkontrolliert auf die Tasten des Flügels nieder. Der Schaum bedeckt sie, die Pappgesichter wellen sich, der Ritt kommt zu seinem Höhepunkt und Mimosa, die in der Mitte des Ateliers auf dem Boden kniet, entfleucht ein kurzes, dreckiges Lachen: Hähä! Hähähää.

Philip Koschel
Hipster-Wahnsinn in Neukölln

Der Schuljunge Jihad konzentriert sich, der Fußball kommt in hohem Bogen geflogen; er stoppt ihn, zieht ab – Tor. Der Ball klatscht gegen den Metallzaun und springt dann zurück ins Feld. Die Jungs vom anderen Team gucken entmutigt: 10 zu 2? 8 zu 3? Jihads Vater kam aus dem Libanon nach Deutschland. Die Großeltern waren palästinensische Flüchtlinge. "Mein Name?" Heiliger Krieg, ja, das denken alle. Aber so versteht er den Namen nicht. So will er nicht, dass er verstanden wird. "Jihad bedeutet, dass ich mich anstrenge", sagt er. Zu Hause warten die Hausaufgaben, eine Klassenarbeit steht an. In die Achte geht er jetzt, und es soll weitergehen, bis zum Abitur, und noch weiter. Bauingenieur will Jihad werden, Architekt. Wo kann man das studieren? Mathe ist wichtig. Mathe ist sein Lieblingsfach. Am Abend sitzt Jihad mit seiner Familie im Wohnzimmer. Mama Haifa hat einen Schokoladenkuchen mit Kirschen gebacken. Dazu gibt es schwarzen Tee. Im Fernsehen läuft gerade Bundesliga, aber ohne Ton, und keiner guckt hin. Das Zimmer ist hell und freundlich eingerichtet, moderne Möbel, an der Wand Koranverse. Jihads Familie lebt mitten im Rollberg, in der großen Wohnburg, drei Zimmer im vierten Stock.

Zu wenige Deutsche leben in Neukölln, um Deutsch zu sprechen

"Wir gehen hier nicht so gerne vor die Tür", sagt Jihads Mutter. "Manchmal ist bis ein Uhr nachts unten noch Lärm und keiner kümmert sich darum. Auch die Polizei nicht." Früher lebte sie in Kreuzberg, doch die Familie wohne nun mal in Neukölln und die Familie, das sind so um die 17 Menschen. Da kann man nicht einfach weg. Hier, sagt sie, in Neukölln, würden aber zu wenige Deutsche wohnen. "Wissen Sie? Zu wenige, mit denen man richtig Deutsch sprechen kann." Jihads Vater hat einen Handyladen an der Hermannstraße, das sichert der Familie ein Einkommen. Jihad teilt ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer mit zwei Geschwistern. Drei Betten stehen da, ein Schreibtisch, im Regal seine Bücher: ein Koran auf Arabisch, ein paar Schulbücher und eine deutsche Detektivgeschichte. Seine Mails beantwortet er am Familien-Computer im Flur.

Jihad deckt den Tisch für das Abendessen, es gibt Okraschoten mit Lamm und Reis und zum Trinken kaltes Wasser mit Minze. "Wo ist deine Heimat, Jihad?" "In Palästina, da kommen wir her." "Wo bist du zu Hause?" "Hier. Neukölln. Ich komme ja aus Neukölln. Ich wohne hier. Und ... Heimat kommt von Heim, glaube ich. Mein Heim steht in Neukölln." Doch schön findet er sein Heim nicht. Eher im Gegenteil. Darum muss er es sein, der hier einmal die tollen Häuser baut, praktische große. Oder hübsche kleine. Andere jedenfalls als die im Rollberg. Anders als Neukölln heute ist. Besser. "Verstehst du?"

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Autor
Markus Flohr