Türkei

Türkische Ägäis Bozcaada, versteckt im Wind

Hafen von Bozcaada.

Der Wind. Lodos heißt er, wenn er von Südwesten her kommt, Poyraz weht aus Nordost. Still steht die Luft selten. Dank des Winds sind die Tage selbst im Hochsommer erträglich, die Abende frisch, und er trägt den Duft von Rosmarin, Thymian, Strandlilien mit sich. Im Morgengrauen trocknet er den Tau auf den Reben, was eines der Geheimnisse des lokalen Weins ist. "Wir sind glücklich mit unseren Winden", sagt Özcan Germiyanoğlu, die jahrzehntelang in Hamburg Erzieherin war, bevor sie sich auf Bozcaada niederließ, "sie retten uns das Leben hier."

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Eine Künstlerin aus Istanbul, ebenfalls zugezogen, ist überzeugt, der Wind habe die Massen ferngehalten: "Diese Insel versteckt sich im Wind." Gefunden wurde Bozcaada trotzdem. Die karge Schönheit zog Künstler und Intellektuelle aus türkischen Großstädten an, anspruchsvolle Geister, die das Besondere suchten. Manche sind ganz hiergeblieben, wie Germiyanoğlu. Als sie die Insel entdeckte, Ende der 1970er Jahre, fuhren die Bauern noch mit Pferdewagen, in den kopfsteingepflasterten Gassen liefen die Ziegen frei, vor weiß getünchten, blumenumrankten Häusern saßen plaudernde Frauen - und zumindest das ist heute noch so. Eines dieser Häuser kaufte Germiyanoğlu: Liebevoll restauriert, ist es heute ihre Pension "Rengigül". Oder Hakan Gürüney, Direktor des Inselmuseums, das er selbst aufbaute: Er kam nach Bozcaada, um hier zu tauchen - und die Insel ließ ihn nicht mehr los. Reşit Soley war ein angesehener Architekt in Istanbul, als er zum ersten Mal Bozcaada besuchte.

Café
Klaus Bossemeyer
Das Café "Polente" in Weiß und Blau: Wenn auch nur noch wenige hier leben - Griechen haben Bozcaada geprägt.
Heute ist er mit seiner Firma Corvus der angesehenste Weinproduzent der Insel: Nach Jahren des Niedergangs sind 80 Prozent des bebaubaren Landes wieder mit Reben bepflanzt. Für Bozcaada ist dies die Rückkehr zu einer alten Bestimmung. Jahrhundertelang war die Insel, die schon Homer erwähnte, berühmt für ihren Wein. Die Griechen nannten sie Tenedos, und wegen ihrer strategischen Lage vor den Dardanellen war sie umkämpfter Besitz, abwechselnd in der Hand von Phöniziern, Persern, Griechen, Türken, Byzantinern, Genuesern, Venezianern, Franzosen und Briten. 1923 wurde das nur neun Kilometer lange Eiland der Türkei zugesprochen. Die große griechische Gemeinschaft, 5000 Menschen, emigrierten in den folgenden Jahrzehnten; nur ein knappes Dutzend Griechen lebt heute noch auf der Insel. Im Ortsbild aber ist ihr Stempel unverkennbar, auch Özcan Germiyanoğlus Haus ist griechisch, nicht weit von der Moschee steht die orthodoxe Kirche.

Mit den Griechen ging auch das Wissen um den Wein. Weinberge wurden verkauft oder aufgegeben, eine Zeit lang produzierte ein türkischer Staatsbetrieb billige Massenware. Reşit Soley stoppte den Verfall. Er legte Weinberge zusammen, baute neue Reben an, begann mithilfe ausländischer Experten eine "archäologische Restauration", wie er es nennt, überzeugt, dass Bozcaada wie gemacht ist für guten Wein. Der Erfolg gibt ihm recht: Die Weine von Corvus finden internationale Anerkennung.

Aber nicht nur unter Weinliebhabern wird Bozcaada immer bekannter. Die Leser des amerikanischen Reisemagazins Condé Nast Traveler wählten die Insel 2012 sogar zur schönsten Europas. Der Ruhm hat Bozcaada nicht aus der Ruhe gebracht. Es gibt jetzt feinere Restaurants, Galerien, hübsche kleine Hotels, aber immer noch einsame Buchten; im Hafen flicken Fischer ihre Netze, vor dem Café spielen Männer Backgammon. Fremdenverkehr bringt der Insel Geld, diktiert aber nicht den Lebensrhythmus. Noch immer ist auf Bozcaada, im allerbesten Sinne, nichts los.

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Autor
Anna Feldheger