Sri Lanka

Galle-Fort Sri Lankas letztes Original

Koloniales Erbe in Galle-Fort.

Ein besonderes Stück, sagt er. Das älteste Druckererzeugnis, das sie besäßen. Die langen dünnen Finger von Sugath Eyawickrame streichen vorsichtig über den brüchigen Buchrücken. Der alte Herr mit seinen 86 Jahren hält das schwere Werk wie ein Baby in seinen Armen. Dann setzt er sich an den Tisch aus Burma-Teak, der noch mal ein Jahrhundert älter sein dürfte als der Chef der Bibliothek. Der Stuhl knarzt. Rundherum Regale aus dunklem Holz, voll mit Büchern, kolonialen Abhandlungen, zoologischen Berichten. Es riecht nach Mottenparadies, nach altem Papier.

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Herr Eyawickrame legt das Buch auf den Tisch, schlägt es auf. "An Account of the Island of Ceylon", verfasst von Robert Percival, London, 1803. Gemalte Pflanzen sind zu sehen, alte Karten, Zeichnungen von Palmen, Kapitel zu Gewürzen, Tee, Perlenfischerei. Herr Eyawickrame schaut hingebungsvoll. Schön, nicht? Ja, wunderschön. Die Bücher, die Kraft der Buchstaben. Und die Geschichte Ceylons. "Wir haben eine lange Historie, hier in Galle-Fort ist das an jeder Ecke zu sehen." Genau das macht die Stadt so einzigartig. Wie wohl keine andere Festung der Kolonialherren in Asien hat Galle-Fort die Jahrhunderte im Originalzustand überdauert. Seit die Unesco 1986 Galles Altstadt als Kulturdenkmal in die Liste des Welterbes aufgenommen hat, steht die Bausubstanz unter besonderem Schutz. Und seit Ausländer Immobilien im Land erwerben dürfen, wächst die Nachfrage nach maroden Villen, die sich zu gepflegten, tropischen Feriendomizilen umbauen lassen.

Die Galle Library, in der Church Street Nummer 14, in der Herr Eyawickrame seine Bücher zeigt, existiert seit 1832. Aber nun ja, sagt der Bibliothekar, 1832, was sei das schon? Nicht mal 200 Jahre. Dann taucht Herr Eyawickrame hinab in die Zeit, erzählt, seine Augen leuchten. Schon Sindbad der Seefahrer sei mit einem Floß in die Gewässer vor Galle gepaddelt, um einen Fluss voller Juwelen zu finden; gelobt sei der Verfasser dieser wundervollen Geschichte. Arabische Händler kamen nach Galle, 1292 Marco Polo auf dem Rückweg aus China. Der marokkanische Weltreisende Ibn Battuta ließ seinen Anker vor Galle ins Meer sinken, das war 1344. Er nahm Gewürze an Bord, Perlen und Kokosnüsse. Sugath Eyawickrame lächelt, dies sind die Zeitsprünge, die er mag.

Villen in Galle-Fort.
Darshana Borges
Hinter kleinen bunten Teakholz-Türen verbergen sich opulente Villen.
Schließlich, für Herrn Eyawickrame muss dies fast schon wie moderne Zeiten klingen, tauchten die Kolonialherren aus Europa auf. Kamen in den Süden Sri Lankas, an dieses prächtige Ufer, und machten Galle zu einer der wichtigsten Städte der Insel. Eine Festung am Meer, einen Hafen, von dem fortan Tee, Zimt, Elfenbein und Gold nach Europa verschifft wurden. Die Portugiesen kamen Anfang des 16. Jahrhunderts als erste, überließen die Stadt nach schweren Kämpfen 1640 den Holländern, die wiederum Galle 1796 den Engländern übergeben mussten. 1802 wurde ganz Ceylon Kronkolonie der Briten. "Sie alle haben ihre Spuren hinterlassen."

Auf der Festungsmauer, dem Wall, der diese eigenartige kleine Altstadt am Meer umfängt, kann man entlanglaufen. Treppen führen hoch zum Flag Rock, dem Flaggenfelsen. Eine der vier Bastionen, von der die Briten vor über 200 Jahren Brieftauben aufsteigen ließen, um eilige Post nach Colombo zu schicken. Heute stehen hier Touristen neben Einheimischen und blicken auf Galle-Fort. Blatternarbig und angenagt von der salzigen Meeresluft steht der Ort auf den Felsen und lässt die Mittagshitze über sich ergehen. Krumme Dächer aus gelben Tonziegeln bedecken die Stadt, weiß erhebt sich die Meera-Moschee, dahinter der Leuchtturm an der Utrecht Bastion, der alte Uhrturm, die holländische Groote Kerk, der buddhistische Tempel Sudharmalaya Vihara. Die meisten Menschen suchen jetzt Schatten, Muslime verschwinden in ihren Häusern, die Rechtsanwälte, die am Court Square ihre Büros haben, schließen die wackligen Fensterläden. In den Hinterhöfen ächzen Ventilatoren, die Hunde dösen im Schatten tiefer Schindeldächer. Galle-Fort in der Mittagspause. Nur die Touristen halten durch. Schlappen durch die Juwelierläden, knipsen die Kirche, sitzen in Hotels wie "Amangalla" und "Fort Printers" auf den Veranden, trinken Eistee und genießen die Atmosphäre in einem der erstaunlichsten Orte Sri Lankas.

Hauswand in Galle-Fort.
Darshana Borges
Samaragelb ist eine der drei Farben, die für Fassaden erlaubt sind.
Viele der Häuser stehen noch da wie vor 300, 400 Jahren. An einer gelben Hauswand bröckelt Farbe, dahinter treten alte Buchstaben ans Licht: "Royal Dutch House". In den Antiquitätenläden liegen historische Münzen aus, alte Messgewichte, da stehen Billardtische, an denen vor 100 Jahren britische Offiziere in weißen Uniformen gespielt haben mögen. Verstaubte Grammophone, Schellackplatten, das türkisfarbene Cover einer Uraltaufnahme von Verdis Aida. Die Straßen heißen wie früher. Leyn Baan, holländisch für Reeperbahn, Middle und Hospital Street. An vielen Gebäuden prangen noch die schönen Schilder vergangener Tage, die Signaturen und Ankunftstafeln alter Schiffahrtsagenturen, "Lloyd's Agency", "Asiatic Steam Navigation Co. Ltd", "Clark, Spence & Co."

Das zweite Gesicht von Galle-Fort

Doch ist dies nur das eine Gesicht der Stadt. Hinter den alten Mauern tut sich viel. Kleine Cafés wie das "Pedlar's Inn", piekfeine Boutique-Hotels, moderne Buchläden und Bars haben eröffnet. In den Lobbys und Lounges der Hotels läuft Jazz. Immer mehr Europäer und reiche Asiaten kaufen die alten Häuser, restaurieren sie aufwendigst, wandeln sie um zu todschicken Palästen, neu beseelt vom alten Charme, ausgestattet mit Ledersofas, Antiquitäten, Pools, Palmengärten und Marmorböden im Schachbrettmuster. Die Villa Nr. 41 in der Lighthouse Street ist so ein Palast. Von außen unscheinbar, an der hölzernen Eingangstür blättert die Farbe ab. Innen traut man den Augen nicht. Moderne Kunst hängt an der Wand, Zebrafelle liegen am Boden aus. In den Himmelbetten der oberen Etage schläft man auf Wolkenkissen. Wasser plätschert im Innenhof. Viele dieser Anwesen kann man mieten, wenn die Besitzer nicht gerade selbst in Galle-Fort weilen, um den Geist des alten Ceylons zu atmen.

Court Square in Galle-Fort.
Darshana Borges
Der mächtige Mara-Baum auf dem Court Square im Herzen der Stadt ist mehr als 250 Jahre alt.
Der britische Makler Jack Eden war 1998 einer der ersten Europäer, die ins alte Galle zogen. "Damals warnten Reiseführer vorm Betreten der Altstadt", erzählt er. Die Gebäude seien zerfallen, drohten einzustürzen, hieß es. Eden kaufte trotzdem ein Haus und restaurierte es. Er und seine Familie wurden herzlich aufgenommen, genossen das Lebensgefühl in dieser tropisch-maroden Stadt. Schon bald folgten andere Ausländer seinem Beispiel. "Galle-Fort wurde zu einem Geheimtipp für Investoren und Liebhaber kolonialer Architektur", sagt Eden. 2004 eröffnete das noble Hotel "Amangalla" - in jenen Mauern, die früher das legendäre "New Oriental Hotel" beherbergten. Dort wohnten schon Schriftsteller Paul Theroux und Kosmonaut Juri Gagarin.

Seit Ende des Bürgerkriegs 2009 schreitet die Gentrifizierung voran. Neben verfallenen Häusern, zerbröckelten Veranden und zugewucherten Hinterhöfen stehen herausgeputzte Villen, Roti-Verkäufer und dunkle Krämer haben ihre Läden neben schicken Boutiquen und Restaurants, in denen Thunfischcarpaccio mit Avocado im Pinienkernkleid serviert wird. Galles Altstadt hat sich zu einem Paradies der Interieur-Fetischisten und Kolonialstil-Hipster gemausert. Weiß verputzte Wände, dunkles Meranti-Teak, polierte Steinböden, dazu Miles-Davis-Klänge, ein Literaturfestival und Werke lokaler Künstler, die in den Coffeeshops hängen. Palmen verbeugen sich im warmen Wind, und mitten durch die alte neue Tropenkulisse schlendert Jacqueline aus Paris mit der Designertüte, gefertigt aus umweltverträglichem Elefantendung. Auf den alten Veranden sitzen frisch ayurvedaisierte Schönheiten in Leinenkleidchen, aalen sich in diesem Kokon patinierter Eleganz. Modern living am Indischen Ozean.

Galle-Fort besteht aus 400 kolonialen Gebäuden

Und trotzdem ist da noch normales Leben zwischen den zugezogenen Europäern in den Villen und den Touristen in den Hotels. Rund um den alten Court Square arbeiten Notare, Richter, Regierungsbeamte. Schulklassen treten auf der Wiese hinter dem Nationalmuseum zur Morgengymnastik an, singhalesische Frauen laufen mit Sonnenschirmen zum Einkaufen. Denn noch immer leben viele Einheimische in der Altstadt, Muslime in der Mehrheit, aber auch Buddhisten und Christen, die hier seit Generationen ansässig sind. Makler machen ein gutes Geschäft, noch immer stehen einige Häuser zum Verkauf. Andererseits wollen manche Einheimische den Ausverkauf der Villen an reiche Ausländer verhindern. Die Stadt, so fürchten sie, könnte sich zu einer Luxusoase wandeln, die anmutet wie aus einem Architekturfolianten geklaubt. Und eines Tages wäre sie zu schön, um wahr zu sein.

Galle-Fort besteht aus 400 kolonialen Gebäuden: 240 gehören Einheimischen, in 100 sitzen Behörden und Regierung, rund 60 sind an Ausländer verkauft. "Das ist immer noch ein gesundes Verhältnis", sagt Parakrama Dahanayake. Er ist Vorsitzender der Heritage Foundation und sitzt oben in der zweiten Etage in einem der alten Verwaltungsgebäude an seinem Schreibtisch, hinter ihm hängt die Fahne Sri Lankas. Herr Dahanayake ist ein wichtiger Mann. Er wacht über das vielleicht wertvollste Gut dieser Stadt: ihre Authentizität. "Wir wollen eine lebendige Kulturstätte sein, kein begehbares Museum", sagt er. "Wir raten den Einheimischen: Vermietet eure Häuser, aber verkauft sie nicht gleich!" Wer historische Bausubstanz erwerbe und renovieren wolle, müsse sich an strenge Vorgaben halten. Swimming-Pools dürfen nur noch selten in die Hinterhöfe der Villen gebaut werden, viele von den Muslimen verschlossene alte Veranden sollen wieder in den offenen Originalzustand versetzt werden. Und die Häuser dürfen nur noch in drei Farben gestrichen werden: Weiß, Hellgrau und Samaragelb. So wie früher. Schlicht und echt.

Herr Dahanayake holt einen Aktenordner hevor: die umfangreichen Richtlinen der Unesco für die World Heritage City of Galle-Fort. Es geht dort um viele Details, erlaubte und nicht erlaubte Veränderungen an der alten Stadt. Nur kleine Gästehäuser und Hotels dürfen eröffnet werden, der Bau von Garagen, einem Supermarkt oder anderen Läden mit mehr als 200 Quadratmetern Fläche sei nicht erwünscht. Sonst könnte Galle Fort seinen Status verlieren. "Hier und da hat Modernisierung natürlich schon Sinn", sagt Herr Dahanayake. "Niemand will heute auf 300 Jahre alten Toiletten sitzen." Das sähe sogar die Unesco ein. Er steht neben seinem Schreibtisch und muss lachen. Die alten Bodendielen ächzen unter seinen Schritten. Knarzen nach den Jahrhunderten, in denen hier Gouverneure auftraten, britische und holländische Handelskommissare in Khakihosen und mit Tropenhelmen. Das Ächzen hört sich gut an, der Sound der Zeit. Als könne die alte, kleine Stadt am Meer bleiben, was sie ist. Ein denkwürdiges Stück Zeitgeschichte im Tropenwind.

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Autor
Marc Bielefeld