Sri Lanka

Sri Lanka Blätter, die die Welt bedeuten

Teeernte Sri Lanka

Das Alphabet des Tees hat einen ganz eigenen Code, der ohne Schlüssel absolut nicht zu verstehen ist: F.T.G.F.O.P.1, G.B.O.P., B.O.P.

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Natürlich ist es englisch. F steht für „fine“. T für „tippy“, die hellen Spitzen des Teeblatts. G für „golden“, also die goldbraune Farbe der Blattspitzen. Das zweite F wird übersetzt mit „flowery“, blumig, und bezieht sich auf das Aroma. O ist das Kürzel für „orange“, es geht zurück auf das holländische Königshaus der Oranier und steht damit für eine besonders edle Güte. P meint „Pekoe“, die anglisierte Form eines Wortes chinesischen Ursprungs. Es bedeutet so viel wie „weißer Flaum“ – an den Härchen am Rand der Teeblätter lässt sich ablesen, wie frisch sie sind.

F.T.G.F.O.P.1 verspricht also das Beste vom Besten: ein Finest Tippy Golden Flowery Orange Pekoe erster Güte. Eine Mischung mit hohem Anteil an feinsten Blättern, mit vielen Blattspitzen und vielen Knospen. B.O.P. beschreibt im Alphabet des Tees dagegen einen kräftigen Schwarztee mit zerkleinerten Blättern, B bedeutet broken. Steht ein G davor, ist der Tee in einer weißen Tasse rotgolden.

Sri Lanka ist der viertgrößte Teeproduzent der Welt, „Ceylon Tea“ ist weltberühmt, doch wer auf der Insel einen Tee bestellt, bekommt in der Regel keine der oben beschriebenen Qualitäten. Was die Einheimischen trinken und leider auch ihren Gästen servieren, ist dust – Staub. Das sind die zerriebenen, gesiebten Reste der Blätter. Der Staub, der bei der Produktion übrig bleibt, zusammengekehrt und meistens in Beutel abgefüllt. Daraus entsteht im heißen Wasser eine schwarze, bittere Brühe. Getrunken wird dust mit Milch und Zucker – und das ist besser so.

Nur das Beste für den Export

Das wirklich Gute geht hinaus in die Welt. Ab 390 Rupies, rund 2,30 Euro, wird aktuell das Kilo billigsten Schwarztees an der Teebörse in Colombo gehandelt. Broker versteigern die Ware an die Importeure. Tee, der höchstens sechs Wochen alt ist. Auf 220 000 Hektar wird auf der Insel Tee angebaut. Mehr als 2000 große und kleine Fabriken soll es geben, niemand kennt die genaue Zahl. Sicher ist aber: Mit Tee erwirtschaftet Sri Lanka etwa 60 Prozent seiner Exporterlöse.

Teeplantage Sri Lanka
Philip Koschel
330 Tage im Jahr pflückt Palaniamma Tee auf einer Plantage bei Nuwara Eliya
Es regnet im zentralen Hochland – so wie fast immer hier oben. Ein feiner, irgendwie englischer Sprühregenschauer auf 1200 Metern Höhe nahe des Mount Harrow. M. Razami, der Vorarbeiter, steht mit einem ungeöffneten Regenschirm in seinen Flipflops inmitten der Teeplantage und beaufsichtigt zwei seiner 200 Mitarbeiterinnen. Eine von ihnen ist Palaniamma, seine Frau. Immer two leaves and a bud zupfen die beiden Tamilinnen mit den Fingerspitzen ab; die oberen beiden Blätter und die Knospe jedes frischen Triebs. Was sie pflücken, sammeln sie in einem Plastiksack, den sie auf dem Rücken tragen. Eine anstrengende, eintönige Arbeit in steilem Gelände, noch dazu auf mit Blutegeln verseuchtem Boden. Dreimal am Tag versammeln sich die Pflückerinnen der Blue Field Tea Garden Ltd. In Ramboda zur Abgabe und zum Wiegen der Ernte. Wer übers Jahr gesehen an 330 Arbeitstagen stets mehr als 12 Kilo erntet, verdient sich einen Bonus zu den umgerechnet 2,50 Euro Tageslohn.

Eine Lage um die 1500 Höhenmeter, 200 Tage pro Jahr Regen, eine Durchschnittstemperatur von 16 Grad und unangenehm nasskalte Nächte – das sind die optimalen Bedingungen für das Wachstum der Teepflanzen. Für die Menschen, die in der Hochebene um Nuwara Eliya leben, sind diese Bedingungen bestenfalls suboptimal. M. Razami und Palaniamma sowie ihre drei Kinder wohnen in einer kleinen Hütte im Dorf zwischen den Teefeldern. Zwei Räume, zwei Betten, ein brauner Kleiderschrank, ein Spiegel. In einer aufgeschnittenen blauen Plastiktonne lagert ihr Wasservorrat, neben dem Verschlag für ihr Huhn stapeln sie das Holz, darüber wird gekocht. Das Feuer heizt zugleich. Mit Strom werden sie von der Fabrik versorgt. Bezahlen müssen sie für ihre Behausung nicht.

Wie durch Zufall Tee erfunden wurde

Die Geschichte des Ceylon-Tees ist die Geschichte einer Reihe von neugierigen und experimentierfreudigen Menschen, ohne die es das heute zweitbeliebteste Getränk auf der Erde nie gegeben hätte. Der Chinese Tsching Nung war einer von ihnen. Der Herrscher des Jiang-Volks lebte vor mehr als 4700 Jahren und verfasste das älteste der wichtigsten Kompendien über chinesische Kräuter. Er probierte, das war sein Prinzip, jedes einzelne an sich selbst aus. Das ging oft gut, aber auch 70 Mal so schief, dass er sich schwer vergiftete. Einmal ließ Tsching Nung drei Blätter eines Baumes in einer Schale mit heißem Wasser ziehen. Die Blätter verliehen dem Wasser einen angenehmen Duft und Geschmack. Das per Zufall erfundene Getränk nannte er „Tee“. Und beschrieb es in seinem Kräuterbuch: „Tee weckt den guten Geist. Er erfrischt das Gemüt. Bist du niedergeschlagen, so wird Tee dich ermuntern.“ Später sollte der bis zu fünf Meter hoch wachsende Strauch, von dem die Blätter stammten, die Tsching Nung in seiner Tasse brühte, Thea sinensis genannt werden, chinesischer Tee.

Etagentrockner für Tee Sri Lanka
Philip Koschel
Wenn die Blätter aus dem Etagentrockner fallen, sind sie schwarz
Ein zweiter Tee-Pionier war Robert Bruce. Im unwegsamen, feucht-heißen Regenwald von Assam in Indien sichtete der Abenteurer um 1830 etwa 20 Meter hohe Bäume mit Blättern, die denen des chinesischen Teestrauchs ähnelten. Sie waren ähnlich im Geschmack und identisch in der Wirkung. Bruce entdeckte die Tropenvariation des chinesischen Tees: den Assam-Tee.

1852 landete ein junger Schotte aus Kalkutta kommend auf der Insel Ceylon. Sein Name: James Taylor. Im Hochland der Insel, die unter der Führung der britischen Krone stand, ließen die Kolonialherren zu dieser Zeit Kaffee anbauen. Ceylon war gleich nach Brasilien der zweitgrößte Kaffeeproduzent der Welt. James Taylor aus Kincardineshire experimentierte jedoch auf einer zehn Hektar großen Plantage mit einigen Assam-Hybriden. Etwa 1,20 Meter hoch ließ er sorgfältig gestutzte, sehr wetterresistente Büsche wachsen. Die aufgebrühten Blätter ergaben einen Tee mit dem unverwechselbar herben, leicht metallischen Geschmack, der zugleich eine pelzige Spur auf der Zunge hinterlässt.

Maschinen wie im Musem - aber sie laufen

Sein Haus in der Nähe von Kandy diente Taylor als Werkstatt und Labor. Darin erfand er eine Maschine, die Teeblätter walzte. Und die Hitze aus Lehmöfen kanalisierte er so, dass heiße Luft die Blätter trocknete. Noch heute funktionieren manche Teefabriken nach diesem Prinzip, und nicht selten wirken die Maschinen darin wie Museumsstücke aus der Kolonialzeit.

Ceylon-Tee wird in fünf Etappen produziert: Zuerst werden die frisch gepflückten, grünen Blätter so lange warm gelagert, bis sie 40 bis 60 Prozent Feuchtigkeit verloren haben – sie welken. Zweiter Schritt: das Rollen. Gegeneinander rotierende Scheiben einer ratternden Rollmaschine brechen die Zellen der Blätter auf. Dritter Schritt: das Fermentieren. Etwa drei Stunden dauert der Oxidations- und Gärungsprozess, die Blätter färben sich rot und bilden ihr Aroma. Vierter Schritt: das Trocknen. Bei maximal 120 Grad wird der Zellsaft am Blatt angetrocknet, Wasser wird weiter entzogen, das Blatt wird schwarz. Zum Schluss wird sortiert. Die Teeblätter werden den verschiedenen Qualitäten zugeordnet: Blatt-Tee, Broken-Tee, sogenannte fannings (die größeren der kleinen Blattteilchen, die in „bessere“ Teebeutel kommen) – und dust.

Dass sich Taylors Tee auf Sri Lanka durchgesetzt hat, ist übrigens purem Zufall zu verdanken: In den 1860er und 1870er Jahren töteten zwei Schädlinge, die Kaffeeratte und der Rostpilz, die meisten Pflanzen der Kaffeehändler. Ein zufällig auf Ceylon weilender Lebensmittelhändler witterte das Geschäft seines Lebens. Er kaufte jede Menge verwaister Kaffeeplantagen spottbillig auf, um dort die Teepflanzen anzubauen, die sich bei Taylors Studien als kräftigste und vollmundigste Sorte herausgestellt hatten. Der Name des klugen Investors: Thomas Lipton. Ein Tee-Tycoon war geboren, sein „Lipton English Breakfast Tea“ eroberte die Welt.

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Autor
Hansjörg Falz