Sri Lanka

Sri Lanka Ayurveda - Wissen vom Leben

"Wenn du nicht König sein kannst, werde Heiler", heißt es auf Sri Lanka. Der Satz illustriert das hohe Ansehen, das Mediziner auf der Insel genießen. Sie kommen gleich nach dem König. In der Historie genossen beide lange denselben Status. Im Jahr 437 v. Chr. ließ König Pandukabhaya bereits Krankenhäuser errichten - so steht es in der singhalesischen Chronik Maha Vansa.

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Wenige hundert Jahre später schrieb der mächtige König Ravana Bücher über Destillation, Pulsdiagnose und Kinderkrankheiten. Heilen war auf Sri Lanka königliche Hochkultur - und ist es auf neue Weise bis heute. Im sri-lankischen Gesundheitswesen geht es nicht nur um Medizin, es geht um Selbstbewusstsein und nationales Erbe, um Glauben und auch ein wenig Zauberei.

Um Altruismus, Wissen, Lebensstil und Stolz. Nicht umsonst leistet sich der kleine Inselstaat zusätzlich zum Gesundheitsministerium ein Ministerium für Ayurveda und eines für indigene Medizin. Jahrtausendelang kurierten die Einheimischen ihre Leiden mit Hilfe der Pflanzen, die in beeindruckender Vielfalt auf Sri Lanka wachsen: 1460 Medizinpflanzen findet man auf der Insel, rund 70 Prozent sind endemisch, also nur hier heimisch. Von all diesen Pflanzen werden zudem alle erdenklichen Knollen, Rinden, Blätter, Wurzeln und Blüten verwendet, so dass auf Sri Lanka am Ende mehr wirksame Pflanzenteile zur Verfügung stehen als in Deutschland Pharmawirkstoffe zugelassen sind.

Das sri-lankische Pflanzenwissen gilt als über 5000 Jahre alt

Viele berühmte Medikamente basieren genau auf solchen Pflanzenstoffen: Aspirin stammt aus der Weidenrinde, Penicillin aus einem Pilz, das Herzmittel Digitalis aus dem Fingerhut. Das sri-lankische Pflanzenwissen stammt aus eben jener Zeit, als die Inselkönige noch Ärzte waren, gilt aber als über 5000 Jahre alt. Im 6. Jahrhundert vor Christus kam die indische-ayurvedische Medizin nach Sri Lanka, wurde verändert und mit dem Kräuterwissen verwoben. Im 8. Jahrhundert brachten die Araber die griechische Viersäftelehre auf die Insel, jenes antike System des Hippokrates, das Heilpflanzen, Massagen, Ernährung und Bäder einsetzt. Heute wird auf Sri Lanka eine Mischung aus diesen drei Methoden praktiziert. Die Tempel, die mit der Einführung des Buddhismus errichtet wurden, dienten schon damals als medizinische Lehrstätten – und tun es heute wieder.

In der Kolonialzeit erwarb die westliche Medizin mit ihren Antibiotika, Impfungen und Antiseren hohes Ansehen. Mit der Unabhängigkeit Sri Lankas 1948 wurden diese Methoden jedoch wieder rigoros verbannt, nur wenige Praxen und Kliniken arbeiteten fortan noch nach westlichen Standards. Man besann sich auf die alten Heilmethoden. Im ganzen Land entstanden ayurvedische Krankenhäuser, die jeden Einheimischen kostenlos behandeln und die Medikamente frei ausgeben. Der Gebrauch von Antibiotika ist in diesen Kliniken verboten, desinfiziert wird mit Kräuterlösungen.

70 Prozent der Bevölkerung nutzen traditionelle einheimische Medizin

Besuch beim National Hospital of Ayurveda in Colombo. Der Direktor wirft sich einen weißen Kittel über und legt sich ein Stethoskop um den Hals, als sei es eine Stola. Er ist Augenspezialist und behandelt grünen Star mit Blutegeln. Im Nachbarzimmer sitzen zwei Kolleginnen. Sie tragen Saris und kurieren Schlangenbisse mit Rauch und Mantras. Die meisten Leiden aber werden mit Kräutermedikamenten behandelt, die auch hier kostenlos abgegeben werden: Kräutersud, Pulver, Öle und Pillen. 70 Prozent der Bevölkerung nutzen die traditionelle einheimische Medizin – offenbar mit Erfolg, denn Sri Lanka hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von 76 Jahren. Sensationell für ein Entwicklungsland.

"Besonders zufrieden sind wir mit unserer Behandlung von Typ-2-Diabetes", sagt Professor Ranaweera, Direktor des Ayurvedic Research Institute in Maharagama, gut eine Stunde südlich von Colombo. Allein acht neue Studien über die Behandlung von Diabetikern stellte das Institut 2012 vor. Im Männerschlafsaal sitzen halbnackte Patienten und warten auf den nächsten Blutzuckertest. "Menschen, die ohne Erfolg westliche Medikamente nahmen, bekamen hier mit nur vier verschiedenen Kräutern ihre Zuckerkrankheit in den Griff." Die getestete Mischung, ein braunes Pulver, wird jetzt standardisiert hergestellt.

Im Wartezimmer der Ambulanz erklären einfach gezeichnete Bilder, wie man verbreitete Leiden korrekt behandelt: mit Yoga, richtigem Essen und der passenden Medizin. "Wir sind sehr erfolgreich in der Behandlung von orthopädischen Problemen, aber auch bei Patienten mit Kinderwunsch, Hautkrankheiten und Bluthochdruck haben wir gute Methoden", sagt Ranaweera.

Viele Rezepte stammen aus alten Palmblatt-Büchern, seit Generationen vererbt

Seine Aufgabe ist es, die althergebrachten Pflanzenrezepte auf Effizienz und Sicherheit zu überprüfen, deshalb arbeiten im Forschungsinstitut Botaniker und Mediziner zusammen. Sie katalogisieren die Medizinpflanzen, charakterisieren die Wirkstoffe aus Blättern, Wurzeln, Rinde und Früchten und entwickeln Herstellungsverfahren für& Öle, Säfte und Pillen. Menge und Art der Wirkstoffe sollten dabei immer möglichst gleich sein. Die Rezepte stammen oft aus alten Palmblatt-Büchern, die in Heiler-Familien seit Generationen weitervererbt werden. Viele Heiler sind hoch spezialisiert: Mancher heilt nur Brandwunden mit Öl, Pasten und Gesängen, andere konzentrieren sich auf Augenkrankheiten oder Krebs. Fast jeder in Sri Lanka kennt ein altes Familienrezept, meist sogar eine alte Beschwörungsformel.

Palmblätter
Darshana Borges
Auf Palmblättern stehen jahrhundertealte Rezepte
Gesundheit und Krankheit gehen einher mit Wissen, der Kunst des Heilens und der Überlieferung. An der Universität werden alte Sanskrit-Texte gesichtet und die darin beschriebenen Rezepturen untersucht, aus denen schließlich Behandlungsstandards entstehen können. "Wir sind sehr leidenschaftlich, wenn es um Ayurveda geht", sagt Geetha Karandawala. "Wir wollen, dass die Menschen in einem natürlichen, angenehmen Umfeld erfahren, was das alte Wissen für uns tun kann." Ihr Vater war Hotelier und beschloss 1984, seinen Gästen am sonnigen Strand von Beruwela ayurvedische Heilbehandlungen anzubieten. Anfangs wurde er noch belächelt. Heute ist das "Barberyn Ayurveda Resort" unter Führung seiner Kinder ein Vorreiter in Sachen ayurvedische Medizin und finanziert die Katalogisierung der Heilpflanzen mit. 65 Angestellte, darunter acht Ärzte und 28 Therapeuten, betreuen die Gäste bei den intensiven Kuren.

Wer hier eincheckt, unterwirft sich ganz ayurvedischen Prinzipien

Der Bau an der Küste erinnert eher an ein Hotel als an eine Klinik: SteinerneBrunnen und Goldfischbecken schmücken das Foyer, am Pool stehen die Liegestühle im Schatten. Doch wer hier eincheckt, unterwirft sich ganz ayurvedischen Prinzipien. Es wird früh aufgestanden und schlafen gegangen, Ferienbeschäftigungen wie Spaziergänge, Yoga oder Lesen werden verordnet - oder verboten. Noch bevor die Koffer auf dem Zimmer sind, sitzt jeder Neuankömmling bereits in der Praxis. Zunge, Augen, Rücken werden untersucht, die Ärztin fragt, ob der Stuhl schwimmt oder sinkt, ob man auf der rechten oder linken Seite schläft. Während die Ärztin mit drei Fingern den Puls ertastet, wiegt sie sich vor und zurück, murmelt Verse in Sanskrit. Die Diagnosen sind verblüffend präzise: Nierenleiden und sogar eine Schwangerschaft erkennt die Ärztin am Puls. Weil zum Gesamtkunstwerk des sri-lankischen Ayurveda die individuelle Ernährung gehört, bekommt jeder Gast einen anderen Tee, anderen Saft, einen Salat aus Blättern oder eine Suppe, die wie aufgebrühter Rasenschnitt schmeckt.

Das vegetarische Buffet gleicht einer botanischen Ausstellung. Auf Schildern steht, welcher Teil welcher Pflanze verarbeitet ist. Ein rohes Exemplar zum Anfassen liegt parat, die Informationen zur medizinischen Wirkung sind aufgelistet. Das Essen selbst ist äußerst köstlich, nur einiges gewöhnungsbedürftig. Die gekochten Blätter des Passionsfruchtbaums schmecken etwas zäh, reinigen aber das Blut. Die strohigen Schoten des Moringa-Baums werden ausgelutscht und schmecken nach Fasern. Das Internet spuckt allerdings fast 700 Studien über die medizinische Wirksamkeit der Pflanze aus, deren einzigartige Nährstoffdichte jedes Nahrungsergänzungsmittel arm aussehen lässt. Allein die Blätter enthalten siebenmal so viel Vitamin C wie Orangen, doppelt so viel Eiweiß wie Soja und siebenmal mehr B-Vitamine als Hefe.

"Wir brauchen keine Studien, die belegen, dass diese Pflanzen einen Effekt haben", sagt Geetha Karandawala. "Nur für Westler sind klinische Studien wichtig." Das Kurhotel sammelte deshalb ein Jahr lang Patientendaten und ließ sie auswerten. Zu den Patienten zählen Rheumageplagte, Rekonvaleszente nach Chemotherapien, Diabetiker. Aber auch symptomfreie Städter, die hier Leib und Seele auftanken wollen.

Bei Ayurveda geht es nicht um Wellness, sondern fundierte Medizin

Wer einmal hier war, wird Ayurveda nie wieder mit Wellness verwechseln. Zu den Kuren gehören keine Wohlfühlrituale, es geht um nüchterne, fundierte Medizin, die keinen Aspekt des Lebens auslässt. Zur täglichen Routine gehören Massagen mit individuell abgestimmten Kräuterölen, Inhalationen, Dampfbäder und die Behandlung im Kräutergarten: Hier pappen Schwestern Packungen auf den öligen Leib. Orange Pasten, grüne Öle, tiefrote und gelbe Wattepackungen mit heißem Öl liegen auf Gelenken, Bauch und Schultern.

Eingepackt in frische Laken, das Gesicht unter einer krümelig-braunen Maske vergraben, darf man hier ruhen, nein muss, denn erst, wenn die jedem verordnete Liegezeit verstrichen ist, darf der Patient weiter ins Kräuterbad schreiten. Ein frisch abgegossener Sud kocht dort neben der Wanne in einem Kessel. Wieder und wieder übergießt eine Badefrau Füße, Knie, Arme, Schultern: zutiefst wohltuend. Es folgt Akupunktur - und auch diese Methode richtet sich nach altem sri-lankischen System, das, anders als das chinesische, keine Meridiane kennt und durchaus schmerzhaft ist. Nachmittags stehen Spezialbehandlungen an: Einläufe, Güsse, Ohren- oder Augenbehandlungen.

Stempelmassage
Darshana Borges
Stempelmassage bringt den Stoffwechseln in Schwung
Nachmittags und abends müssen Medikamente eingenommen werden. Pulver, schwarze Pillen, bitterer Trank. "Ayurveda sollte ernst betrieben und nicht leicht genommen werden", sagt Dr. Perera, ein 80-jähriger traditioneller Heiler, der im Haus über die Herstellung der medizinischen Öle wacht, die tagelang hinter den Behandlungsräumen auf qualmenden Holzfeuern simmern. Die Öle dienen Einläufen, Massagen, Packungen. Die bekannteste und wohl meist missbrauchte Anwendung ist der Stirnguss, Shirodara, bei dem ein stetiger Ölfaden auf die Stirn und über den Kopf des liegenden Patienten rinnt. Seine Wirkung entfaltet die Königsbehandlung allerdings nur nach tagelanger Vorbereitung, mit dem richtigen Öl und in Ruhe: Shirodara-Patienten dürfen nur bestimmte Speisen essen, nicht lesen, nicht spazieren gehen, keinen Wind spüren. Sonst hat der Guss keinen Effekt. Jedoch kann er auch kleine Wunder wirken. Man fühle sich leicht danach. Gleichzeitig müde und frisch, dabei erstaunlich ruhig und klar. So sprechen viele, die es ausprobiert haben.

Wer die empfohlenen zwei bis drei Kurwochen absolviert, dürfte danach um einige Zipperlein ärmer sein. Verspannungen und Schmerzen haben nach der Massageroutine kaum mehr eine Chance. Das Essen normalisiert die Verdauung, Hautprobleme gehen zurück oder verschwinden. Und chronisch Kranke können in der Regel ihre Medikamente reduzieren. Die Hauptzielgruppe der ayurvedischen Institutionen sind aber nicht Touristen, sondern die Einheimischen.

Bisher kommt im Landesdurchschnitt nur ein Arzt auf 3000 Menschen, deshalb bildet die Ayurveda-Universität nicht nur Medizinstudenten aus, sondern prüft und zertifiziert auch die traditionellen Heiler ohne Studium. Von denen könnten auch westliche Ärzte einiges lernen. "Wir Ärzte sind auch dafür da, den Patienten glücklich zu machen", sagt Dr. Perera. "Deshalb sagen wir ihm nie, wie ernst es um ihn steht. Das sagen wir später seiner Mutter oder Tochter. Zu ihm sagen wir: Das wird schon. Wir tun unser Bestes. Denn wenn man über Krankheiten nachdenkt, werden sie nur schlimmer."

Adressen für Ayurveda-Resorts

Sri Lanka zählt zu den führenden Ayurveda-Zielen mit Resorts für jeden Geschmack: Gäste können einzelne Massagen und Anwendungen buchen sowie längere Kuren. Herzstück einer Therapie ist eine zweiwöchige Panchakarma-Kur zur Reinigung des Organismus. Dazu dienen Einläufe, Ölmassagen, Kräuter- und Schwitzbäder sowie eine ausgewogene Ernährung. Ausgewählte Anbieter im Überblick:

Aytour
Der deutsche Spezialveranstalter Aytour aus Starnberg stellt maßgeschneiderte Reisen mit medizinischem Hintergrund zusammen. Auf Sri Lanka sind knapp 20 Ayurveda-Hotels im Angebot. Tel. 08151 998799-0 

Aida Ayurveda & Spa
Die beiden Anlagen "Bentota River Side" und "Induwara Beach Side" bieten verschiedene Kuren. Neben Ayurveda können die Gäste Yoga machen, meditieren oder Kochkurse belegen. Tel. 034 2271137

Barberyn Reef Ayurveda Resort
Der Pionier unter den Ayurveda-Resorts begrüßt seit 1984 Gäste aus aller Welt. Das Barberyn Reef Ayurveda Resort betreibt eigene Forschung und arbeitet mit dem Ayurveda-Institut der Universität in Colombo zusammen. Neben dem Kräutergarten am Haus besitzt das Resort eine kleine Insel im Hinterland, auf der ebenfalls Heilpflanzen wachsen und die die Gäste besuchen können. Die Anlage liegt direkt am Strand von Beruwela, ein weiteres Resort unter gleicher Führung liegt an der Südküste in Weligama. Tel. 034 2276036

Greystones Villa
Im Kolonialstil erbautes Ayurveda-Zentrum unter deutscher Leitung, Kuren finden nur zu festen Terminen statt. Schöner tropischer Garten und eine deutschsprachige Bibliothek mit Fachlektüre. Kontakt: Nandhi Ayurvedic Therapies in Stuttgart, Tel. 0711 2348144

Lawrence Hill Paradise
Die Anlage liegt im populären Hikkaduwa. Die deutsche Eigentümerin garantiert mit nur 14 Zimmern und erfahrenem Personal eine individuelle Behandlung. Täglich stehen bis zu drei Stunden verordnete therapeutische Anwendungen auf dem Programm. Tel. 091 2277544

Lotus Villa 
Etablierte Kurklinik am Strand von Ahungalla an der Südwestküste. Pool, Zimmer und alle Einrichtungen sind behindertengerecht. Nur für Ayurveda-Kuren zu buchen, umfassende Betreuung, qualifiziertes Personal. Tel. 091 2264082

Promotion
Autor
Jutta von Campenhausen