Asien

Kambodscha Ein Tag in den Ruinen von Angkor

Würgefeige zerstört einen Tempel von Angkor.

Die Urwaldriesen überwuchern die Pyramiden. An vielen Stellen haben Kletterpflanzen und Würgefeigen die Ruinen der Tempel bereits fest im Griff. Sie ranken sich um Hindu-Götter, kriechen über die Reliefs von Lotosknospen und himmlischen Tänzerinnen. Vor einer Mauer, die von den Wurzeln beinahe verschluckt wird, steht ein chinesisches Pärchen. Ein Landsmann fotografiert die beiden. Dann kommen die nächsten aus der Riege der Tempelbesucher dran und setzen sich vor der imposanten Kulisse in Szene.

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Die Ruinen von Ta Prohm, genau wie die Tempelanlage Angkor Thom, weltberühmt für die meterhohen Gesichter-Türme aus Stein, dienten als Kulisse für den Abenteuerfilm Tomb Raider. "Es ist der beeindruckendste Ort, den ich je gesehen habe", befand Angelina Jolie, die als Lara Croft den Regenwald unsicher machte, nach den Dreharbeiten. Dabei sind die beiden nur ein winziger Teil der größten Tempelanlage der Welt. Nahe der 180.000-Einwohnerstadt Siem Reap haben Archäologen bislang mehr als 1000 Tempel entdeckt, die sich über ein Areal von 200 Quadratkilometern verteilen.

Mehr als eine Million Touristen besuchen jedes Jahr die Tempel von Angkor

Erst seit dem Ende der Herrschaft der Roten Khmer strömen Touristen wieder nach Kambodscha. Die allermeisten - 1,4 Millionen jedes Jahr - kommen, um die Ruinen zu besichtigen. Angkor Wat, der berühmteste Tempel, ist allgegenwärtig. Touristen fällt er als erstes als Motiv auf der 2000-Riel Banknote auf. In Kambodscha darf sowohl mit der Landeswährung als auch in US-Dollar bezahlt werden. Aber Vorsicht: Die amerikanischen Noten dürfen nicht den geringsten Makel aufweisen, beim kleinsten Riss werden sie zurückgewiesen. Das Verhalten ist symptomatisch für den Neuaufbruch Kambodschas. Vorbei sind die Zeiten, als die Steinzeitkommunisten Geld abschafften, Bücher verbrannten und Brillenträger als Staatsfeinde ermordeten. Die kapitalistisch orientierte, auffallend junge Bevölkerung schaut nach vorn und will von den Gräueltaten des Pol Pot-Regimes nichts mehr wissen.

Das Motorradtaxi knattert durch die Straßen von Siem Reap. Reisende, die das achte Weltwunder Angkor Wat besichtigen wollen, beziehen Quartier in der quirligen Kolonialstadt. Unterkünfte aller Art, vom Hostel bis zum luxuriösen Boutiquehotel, reihen sich am Straßenrand aneinander. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit und der tropischen Hitze - die Temperatur sinkt selten unter 30 Grad - beginnen viele Besucher ihre Tour nach Angkor ganz früh am Morgen.

Steingesicht von Angkor Thom.
Rainer Mersmann
Filmreif: Die meterhohen Steingesichter von Angkor Thom waren Kulisse im Blockbuster "Tomb Raider".
Die Tempel beginnen nicht weit von der Stadt entfernt. Gleich hinter dem Ticket-Counter vor den Toren der Stadt zeichnen sich die Umrisse der pyramidenförmigen Türme in der Morgendämmerung ab. In natura sieht Angkor Wat noch viel schöner aus als auf den gelben 2000-Riel-Banknoten.

Reliefs erzählen von Nymphen, Löwen und dem Elexier der Unsterblichkeit

Hinter einem Wassergraben steht das Wunderwerk der Architektur plötzlich da. Fünf lotusförmige Sandsteintürme, umgeben von Tempelgalerien, Terrassen und Teichen voller Wasserlilien. Auf dem Vorplatz parken schon zahlreiche Kleinbusse und Motorrad-Rikschas. Einige hartgesottene Reisende haben die fünf Kilometer von Siem Reap zum Tempelberg mit dem Fahrrad zurückgelegt. Im 12. Jahrhundert durften nur der König sowie hohe Priester und Beamte über die Allee schreiten, die, so hieß es, von der siebenköpfigen Nagaschlange bewacht wurde.

Heute spazieren Heerscharen von Kanadiern, Japanern, Franzosen und Deutsche durch diesen geschichtsträchtigen Ort. Vor einem Relief im östlichen Teil der Anlage bleiben alle Fremdenführer stehen. Die Bilder erzählen die Geschichte vom Milchmeer, in dem Götter und Dämonen einst das Unsterblichkeitselixier vermuteten. Gebannt schauen die Besucher auf den von einer Riesenschlange umschlungenen kosmischen Berg. Die Gottheiten sollen ihn einst als Riesenquirl zum Aufschäumen des Milchmeeres verwendet haben. An anderen Stellen rekeln sich die Apsara-Tänzerinnen. Allein in Angkor Wat gibt es fast 2000 dieser Nymphen, deren wohlgeformte Körper ganze Säulengänge bevölkern. Doch Schalenbildung hat die Steine befallen. Der stetige Wechsel zwischen Monsunregen und sengender Hitze lässt die Reliefs der schönen Tänzerinnen von innen verwittern und schneller altern.

Es gibt noch viel mehr zu sehen in Angkor: Die ganz Eiligen rasen an einem Tag zu den wichtigsten Heiligtümern, von Angkor Wat zu Angkor Thom und weiter nach Ta Prohm. Eines ist sicher: Nach unzähligen Affengöttern und Nymphen, Säulengängen und Elefantenskulpturen wird ihnen der Kopf flimmern. Sinnvoller ist es, sich für die Erkundung ein paar Tage Zeit zu nehmen und auch die entlegeneren Tempel zu entdecken. Beispielsweise die von steinernen Löwen bewachte Tempelinsel Neak Pean oder die göttliche Stadt Preah Khan. Noch heute kommen Mönche zum Beten und Meditieren in dieses buddhistische Heiligtum.

Kneipengasse von Siem Reap.
Rainer Mersmann
Fernöstliches Lichtermeer: In der Kneipengasse von Siem Reap reihen sich Jazzbars und asiatische Restaurants aneinander.
In den Gassen von Siem Reap verschmelzen Osten und Westen

Abends, wenn die Besucher sich von ihrer kleinen oder großen Tempeltour erholt haben, erwacht Siem Reap zum Leben. Im französischen Viertel reiht sich ein Lokal an das nächste. Die internationalen Gäste können in den Jazzkneipen, Bistros und Restaurants zwischen Reispapierröllchen, indischen Currys und Pizza wählen. Ost trifft West, das gilt auch für die unter den Arkaden aufgebauten Waren. Auf dem Old Market decken Touristen sich mit Holzflöten, Seidenschals und Kopien westlicher Markenlabels ein.

Während die Besucher über die Märkte spazieren, schauen sich die Taxifahrer vor den Arkaden und Kolonialhäusern nach neuen Gästen um. Natürlich kennen sie alle den Tempelbezirk wie ihre Westentasche. Aber auch der eine halbe Motorrad-Rikscha-Stunde entfernt gelegene See Tonle Sap mit seinen schwimmenden Dörfern ist ein beliebtes Ziel. Es heißt, sein Fischreichtum habe es erst möglich gemacht, dass zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert an diesem Ort die größte vorindustrielle Stadt der Menschheitsgeschichte entstehen konnte: die Dschungel-Metropole Angkor.

INFO

Das Tagesticket für den Tempelkomplex von Angkor kostet 20 US-Dollar. Für das Dreitagesticket (eine Woche gültig) zahlen Touristen 40 US-Dollar, für das Wochenticket (einen Monat gültig) 60 US-Dollar. Die Preise der Fahrten mit dem Motarradtaxi sind dagegen, wie fast alles in Kambodscha, Verhandlungssache. Die kleine Tagestour kostet etwa 15 US-Dollar, die große Tagestour rund 24 US-Dollar. Der Fahrer holt Touristen am Hotel ab, bringt sie zum Ticket-Counter und zu den Tempeln, bezahlt wird am Ende des Tages.

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Autor
Claudia Piuntek