Namibia

Namibia Elf Völker - elf Antworten

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Sind die SAN die Ureinwohner Namibias?

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Davon geht man aus. Bis heute erinnern gigantische Kunstausstellungen an ihre Vorfahren: unzählige Felsgravuren und -malereien. Bei der Quelle Twyfelfontein etwa führt ein Pfad durch Sandsteinfelsen, auf denen Tiere, Muster und Menschen prangen. Archaische Street-Art, die seit 2007 zum Welterbe zählt. Schon vor Zehntausenden von Jahren streiften die Jäger und Sammler durchs südliche Afrika. Sie lebten in Grüppchen, handelten vermutlich damals schon nach dem Prinzip von Geben und Nehmen und trafen Entscheidungen gemeinsam. Als andere Völker einwanderten, mussten die San ihnen weichen und schließlich lernen, in der Kalahari zurechtzukommen; sie gewöhnten sich zum Beispiel an, ihren Flüssigkeitsbedarf mit Pflanzen zu decken. Die Tiere, die sie erlegten, nutzten sie sehr ökonomisch: nicht nur Fleisch und Fell – sondern auch die Mägen als Wasserbehälter, Sehnen und Knochen als Werkzeuge. Heute wohnen in Namibia etwa 35 000 San, zu Kolonialzeiten "Buschleute" genannt, die meisten im Nordosten. Der Spagat zwischen ihrer Kultur und dem Alltag in der heutigen Gesellschaft fällt vielen nicht leicht, und so zählen sie zu den ärmsten, am meisten bedrohten Völkern des Landes. Die Ombili-Stiftung nahe Tsumeb hilft rund 500 San, sich eine Zukunft zu schaffen. www.ombili.de

Für welche Künste sind die NAMA berühmt?
Musizieren und vor allem Dichten: Die Nama, ursprünglich nomadische Hirten vom Oranje-Fluss, sind ein Volk mit vielen Talenten. Es gibt Nama-Rohrflöten-Ensembles und traditionelle Tänze wie den Nama Stap; dazu erfahren ihre zahlreichen Sprichwörter, Rätsel und Erzählungen gerade ein Revival. Besonders stolz sind die Nama auf ihre Lobgedichte. Die preisen die zierlichen Füße der Frauen, die Pflanzen und die Tiere – oder Persönlichkeiten wie den Nama-Führer Hendrik Witbooi (s. S. 52): ein Widerstandskämpfer gegen die Deutschen, der heute als Nationalheld auf den meisten Banknoten abgebildet ist. Die gesammelten Abschriften seiner Briefe zählen zum Weltdokumentenerbe; die UNESCO lobt unter anderem die "visionäre und poetische Kraft" seiner Texte. Und sogar wer die Dichtung der Nama nicht versteht, ist oft von ihr fasziniert: dank dem Klang der Sprache. Die zählt, wie die der San und Damara, zu den Khoisan-Sprachen und enthält viele Klick- und Schnalzlaute. Bettwäsche, Tischtücher und andere Produkte mit Stickereien von Nama-Frauen verkauft die Casa Anin in Klein Windhuk. www.anin.com.na

Wieso steht eine DAMARA-Hütte in Südtirol?

Der Alpinist Reinhold Messner kaufte in Namibia eine Damara-Behausung für sein Messner Mountain Museum, das Bergvölker aus aller Welt vorstellt. Das Kuriose daran: Ursprünglich waren die Damara gar kein Bergvolk. Ihre Herkunft ist ein Rätsel, da sie die dunkle Haut der Bantu, doch die Klicksprache der Khoisan-Völker haben. Man weiß nur, dass sie im gesamten heutigen Namibia als Jäger und Sammler lebten, bevor die Nama und Herero einwanderten. Mit diesen Hirtenvölkern kam es zu Konflikten, weil die Damara für ihre Jagdzüge regelmäßig das Grasland abbrannten, das die Rinder zum Weiden brauchten. Vor allem von den Nama wurden sie verfolgt und versklavt, ein Großteil ihrer Kultur ging verloren. Viele versteckten sich in entlegenen Bergregionen, wo sie manchmal nur noch mit Tierlauten zu kommunizieren wagten. Die Europäer, die dort später auf sie trafen, nannten sie "Bergdamara". Missionare sorgten dafür, dass sie ein eigenes Gebiet bekamen, das inzwischen zum Damaraland erweitert worden ist. Heute sind die meisten Damara Christen, arbeiten auf Farmen, als Lehrer und Beamte. Auch der aktuelle Premierminister Hage Geingob ist Damara. Das Lebende Museum bei Twyvelfontein zeigt die Kultur der Damara. www.lcfn.info

Warum wählen fast alle OVAMBO die SWAPO?

Ovambo-Frau
Anthony Bannister/Gallo Images/Corbis
Ovambo-Frau
Die Regierungspartei ist verwurzelt in diesem Volk, das sich um 1550 nördlich der Etoscha-Pfanne niederließ: 1957 gründeten namibische Ovambo-Arbeiter in Kapstadt eine Bewegung, um sich gegen Südafrikas ausbeuterisches System der Vertragsarbeit zu wehren. Zwei Jahre später entstand daraus in Windhuk die Ovamboland People’s Organization (OPO), die 1960 auf andere Völker ausgeweitet und in South West Africa People’s Organization (SWAPO) umbenannt wurde. Der Befreiungsbewegung, die Namibia zur Unabhängigkeit führen sollte, kamen die sozialen und wirtschaftlichen Umbrüche in der Ovambo-Gesellschaft zugute, um ihre eigene Sache voranzutreiben – was Bevölkerung und Organisation einander noch näher brachte. Die Verbundenheit zeigte sich bei den ersten freien Wahlen 1989: 92 Prozent der Ovambo wählten die SWAPO – im Vergleich zu 57 Prozent aller Namibier. Zahlen, die auch interessant sind, weil die Ovambo gut die Hälfte der Bevölkerung Namibias stellen. Erster Präsident des Landes wurde Sam Nujoma, einst Mitbegründer der OPO. Auch sein Nachfolger Hifikepunye Pohamba ist, wie viele namibische Politiker, Ovambo. In einem nachgebauten Ovambo-Gehöft übernachten kann man auf dem Gelände des Nakambale-Museums nahe Ondangwa. Tel. 065 245668, office.nacobta@iway.na

Wovon leben die KAVANGO?

Hütte der Kavango
Christian Handl/imageBROKER/Corbis
Hütte der Kavango
Die Heimat der Kavango ganz im Norden ist ein Reich des Wassers: Breit strömt der Okavango durch ihr Land, markiert die Grenze zwischen Namibia und Angola. Im 18. Jahrhundert ließen sich hier fünf bantusprachige Stämme aus Ostafrika nieder. Der Fluss formte ihre Lebensweise: An den fruchtbaren Ufern bauten sie Fingerhirse und Sorghum an, ließen ihre Tiere weiden; sie jagten Krokodile und fingen Fische mit Pfeil und Bogen, Speeren oder Körben. So traditionell leben heute noch viele der 150000 Kavango. Zur regelrechten Heimindustrie entwickelte sich das  Schnitzhandwerk, das Zuzügler aus Angola mitbrachten. Das Material ist meist Dolfholz aus dem nahen Kalahari-Waldland, das Ergebnis so schön, dass die Werke nicht nur in der Region verkauft werden, sondern auch in den Städten und in Südafrika: Tiere, Skulpturen, Trommeln, mit viel Liebe zum Detail geschnitzt. Berührende Souvenirs, Grüße vom Fluss. Die Mbangura Woodcarver’s Co-operative verkauft Produkte von rund 300 Schnitzern in Rundu und in Okahandja.
http://sme.mti.gov.na/mbangura

Wer erbt was, wenn der Älteste einer HERERO-Familie stirbt?

Zwei Herero-Frauen in traditioneller Kleidung
Kim Walker/Robert Harding World Imagery/Corbis
Zwei Herero-Frauen in traditioneller Kleidung
Kommt darauf an, worum es sich handelt: Hat der Verstorbene keinen Bruder, geht die Rolle als Familienvorstand auf seinen ältesten Sohn über. Den Großteil des Eigentums aber erhalten nicht seine Kinder; ihn bekommt der älteste Sohn seiner ältesten Schwester. Grund hierfür ist die sogenannte doppelte Abstammungsrechnung: Jeder Herero gehört zwei Verwandtschaftsgruppen an. Innerhalb der Linie des Vaters werden unter anderem weltliche und religiöse Macht weitergegeben. Materieller Besitz hingegen wird in der mütterlichen Linie vererbt. Er geht an den nächstberechtigten männlichen Nachkommen der Mutter des Toten, also erst an seinen jüngeren Bruder, sonst an den Neffen. Beim Eigentum handelt es sich meist um Nutzvieh, denn die Herero, die Mitte des 16. Jahrhunderts aus Ostafrika kamen, waren nomadische Hirten. Noch heute haben Rinder für sie große Bedeutung; viele Herero arbeiten auf Farmen. Insgesamt leben etwa 130 000 in Namibia. Touristen bewundern vor allem die Trachten der Frauen: viktorianische Kleider, die von Missionaren eingeführt wurden. Die Röcke haben viele Bahnen Stoff, die Hauben zwei Spitzen – manche sagen, ein Symbol für Kuhhörner. Beim Herero-Tag in Okahandja wird der Toten des Herero-Aufstands gedacht – mit Paraden, Trachten und Uniformen. Jährlich am Sonntag nach dem 23. August.

Woher haben die REHOBOTHER BASTER ihren Namen?
In ihrer Muttersprache Afrikaans bedeutet "Baster" schlicht "Bastard". Der Name hängt mit der Herkunft zusammen: Ihre Vorfahren waren Kinder von Khoisan-Frauen und europäischen Siedlern, also Mischlinge. Aus der Kapregion wanderten sie ins heutige Namibia ein und siedelten 1870 nahe einer heißen Quelle. Die hatte ein Missionar Rehoboth getauft, nach einem biblischen Brunnen – daher der erste Teil des Namens. Im Laufe der Geschichte forderten die Baster immer wieder Selbstverwaltung, die erst die deutschen Kolonialherren und später die Südafrikaner ihnen mal mehr, mal weniger zugestanden. Aufgrund ihrer Geschichte und ihres angestammten Territoriums grenzen sich die 55 000 Baster von den etwa ebenso vielen Coloureds ab, die ebenfalls Mischlinge sind, aber überall in Namibia leben. Die Kultur der Baster ist westlich geprägt, ihre Werte sind christlich, ihre Nachnamen so vielfältig wie ihre Vorfahren: Niederländische und englische sind darunter – und deutsche wie Engelbrecht oder Wimmert. Das Museum im Ort Rehoboth zeigt Exponate zur Geschichte der Baster. www.rehobothmuseum.com

Was bedeuten die Totems der TSWANA?
Kudu, Erdferkel, Pavian oder auch Pflanzen: Viele Tswana-Clane haben ein seretoein Symbol, mit dem sie sich identifizieren. Zu diesem Totem gehören oft Entstehungsmythen, Rituale und Tabus: Handelt es sich um ein Tier, so darf dieses nicht verletzt oder gegessen werden; sonst droht Unheil. Über die Jahre haben sich die Regeln allerdings gelockert. Inzwischen ist das Totem für viele Tswana hauptsächlich ein Symbol ihrer Verwandtschaftsbeziehungen. Viele von ihnen sind heute Christen und glauben nicht mehr an den Schöpfergott Modimo. Drei Gruppen, rund 8000 Menschen, leben heute in Namibia: die Tlharo, die Tlhaping, die Bangologa. Auch in Südafrika und Simbabwe sind Tswana zu Hause. Und in Botswana: Dort stellen sie über 70 Prozent der Bevölkerung. Der Staatsname heißt übersetzt übrigens "Land der Tswana". Traditionelle Musik der Tswana bietet die CD "Ancient Civilisations of Southern Afrika – The Tswana People" (Arc Music).

Wer ist ein AFRIKANER?
Gleich zwei Gruppen in Namibia nennen sich so: eine Untergruppe der Nama, deren einstiger Führer Jager Afrikaner hieß. Und, als weitaus größere Gruppe, die afrikaanssprachigen Nachfahren europäischer Einwanderer: Diese siedelten ab dem 17. Jahrhundert am Kap – Niederländer, Franzosen und Deutsche. Später zogen viele auf der Flucht vor der britischen Kolonialregierung gen Norden. Ab 1885 ließen sich einige im damaligen deutschen "Schutzgebiet" als Farmer nieder, weitere folgten, als Südafrika über Namibia herrschte, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg. Derzeit leben hier etwa 60 000 Afrikaner – und weitere Weiße: rund 20 000 deutsch-, 10 000 englisch- und ein Grüppchen portugiesischsprachige Namibier. Vor allem die afrikaanssprachigen Weißen, auch Buren genannt, lehnen eine Verbindung zu Europa oft ab und sind im Land fest verwurzelt – eben "Afrikaner". Einen Einblick in die Sprache bieten Buch und CD "Kauderwelsch Afrikaans" (Reise-Know-How-Verlag).

Wie verständigen sich die Ost-CAPRIVIANER?
Anders als im Rest Namibias spricht man im östlichsten Zipfel des Landes meistens weder Englisch noch Afrikaans, sondern die Bantusprache Silozi. Der schmale Caprivi-Streifen (heute offiziell Sambesi Region) zwischen Angola, Sambia, Simbabwe und Botswana wurde in der Vergangenheit immer wieder besetzt: Vor den Südafrikanern und den Deutschen kamen die Bafokeng und die Lozi. Vor allem diese aus Sambia stammenden Eroberer beeinflussten die Kultur der einheimischen Masubia und Mafwe. Und machten Silozi zur Verkehrssprache. Außerdem hielten sich viele andere Traditionen im entlegenen Ost-Caprivi: Die Menschen sind häufig Selbstversorger, leben von Ackerbau und Viehzucht, vom Fischen, Jagen und Sammeln. Sowohl die Masubia als auch die Mafwe haben ein Oberhaupt, dem ein Hauptratgeber und ein Stammesrat zur Seite gestellt sind. Und wenn die großen Flüsse wie Sambesi und Kwando über ihre Ufer treten, bewegen sich die Einheimischen fort wie schon ihre Vorfahren: im mukoro, dem  Einbaum-Kanu. Das Mashi Tourism Hub in Kongola verkauft Produkte von mehr als 300 lokalen Erzeugern: zum Beispiel Erntekörbe, Schmuck und Naturkosmetik.

Was erzählen die Trachten der HIMBA?

Martin Harvey/Corbis
Ein Kind der Himba
Eine Art Lendenschurz, üppiger Schmuck, rötliches Ganzkörper-Make-up und ockerfarben ummantelte Zöpfe: Vor allem die Frauen der Himba sind exotische Erscheinungen. Doch Kleidung und Frisuren sind nicht nur schön, sie zeigen bei Männern wie Frauen den sozialen Status an: In der Kindheit, in der Pubertät und als Verheiratete tragen sie jeweils unterschiedliche Tracht. Die Herero kleideten sich früher ähnlich, sie und die Himba haben gemeinsame Vorfahren. Doch während die Herero im 18. Jahrhundert nach Süden wanderten, blieben die Himba im Nordwesten. Noch immer leben viele als Halbnomaden in Clanen, ziehen mit ihrem Vieh je nach Wasserlage von ihrem Hauptgehöft weiter zu einem oder mehreren anderen kleinen Lagern. Ihre Hütten bestehen meist aus Ästen und Palmblättern, verputzt mit Dung und Lehm. Wichtigster Ort im Dorf ist das heilige Feuer, das nie erlöschen darf, weil es die Verbindung zu den Ahnengeistern darstellt. Die bestimmen das Geschick der Lebenden, vermitteln zwischen ihnen und dem Schöpfergott Mukuru. Am heiligen Feuer konsultiert das Familienoberhaupt sie um Rat, bringt ihnen Opfer dar und vollzieht wichtige Übergangsriten: etwa die Namensgebung eines Neugeborenen oder ein Begräbnis.
Das Etambura-Camp im Orupembe-Schutzgebiet wird von Himba geführt, zu buchen über www.kcs-namibia.com.na.

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Promotion
Autor
Elke Michel